Auch die sozialen Medien sind ein öffentlicher Raum. Eine hetzerische Minderheit verbreitet dort Angst und Schrecken und ist dabei, die letzten Bürger zu vertreiben.

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In den vergangenen Wochen haben wir viel über den öffentlichen Raum diskutiert. Über die wichtige Frage, wem er gehört, und über jene unangenehmen Zeitgenossen, die andere bedrohen, bedrängen, und mit gezielten Übergriffen andere vertreiben. Die Straße ist nicht der einzige öffentliche Raum, in dem man diesen fatalen Mechanismus beobachten kann. Es existiert noch ein zweiter – der Raum der sozialen Medien. Was dort passiert, ist ähnlich.

In den sozialen Medien heute herrscht eine Atmosphäre wie in Downtown L.A., am Höhepunkt der Crack-Epidemie in den Achtzigerjahren. An jeder Straßenecke lungern labile Halbstarke herum, mit riesiger Langeweile und blankliegenden Nerven. Sobald ihnen jemand in die Quere kommt, rotten sie sich auf Kommando blitzartig zu einer Hetzmeute zusammen. Eine falsche Bemerkung, eine missverständliche Geste eines zufälligen Passanten reicht, und sie stürzen sich auf ihn, mit Gebrüll. Meist im Schatten eines Wortführers, dem man schmeicheln will, indem man sich als besonders grausam hervortut.

In Downtown L.A. hatte die Allgegenwart der Radaubrüder damals einen fatalen Effekt: Kinder, Alte, Berufstätige blieben so oft es ging zu Hause, zogen die Vorhänge zu, und blinzelten bloß ab und zu noch zwischen ihren Vorhängen auf die Straße hinaus, um keine verirrte Kugel abzukriegen. In den Online-Foren kann man heute ähnliches beobachten: Normalmenschen mit einem intakten Sinn für Empathie fühlen zwischen all dem Gift du Geifer fehl am Platz und kriegen Angst.

Manchmal würde man ja gern etwas posten, einen halblustigen Kommentar, einen sachlichen Einwand, eine spielerische Assoziation. Aber dann zuckt der Finger wieder zurück, und löscht, statt zu senden. Nein – lieber nicht. Steht ja nicht dafür. Hat doch keinen Sinn, in diesem Umfeld. Wer weiß, wer einen wieder absichtlich missverstehen will. Wer sich provoziert fühlt. In welche Schublade man gesteckt wird. Und was dann wieder losbricht.

Wie schnell es gehen kann, die geballte Aggression der Masse auf sich zu ziehen – das kriegt man ja Tag für Tag vorgeführt. Wenn einen die Meute erst einmal als Objekt/Opfer auserkoren hat, kann es sehr rasch sehr schmerzhaft werden. Mit Frauen –TV-Journalistinnen, Künstlerinnen oder Politikerinnen – wird dabei stets noch einige Grade brutaler umgesprungen als mit Männern; häufig sind die Attacken persönlich, zielen auf ihren Körper, Vergewaltigungen werden herbeiphantasiert. Man spricht Frauen das Recht ab, sich in diesem Raum überhaupt breitmachen zu dürfen, und bestraft sie dafür, sich exponiert zu haben. Wie auf der wirklichen Straße.

Und so wie man in Downtown L.A. irgendwann resignierte und den tätowierten Burschen mit ihren Springmessern das Feld überließ, kapituliert man heute in den sozialen Medien vor den Zündlern mit ihren Hetzkampagnen. Meldet sich von Facebook ab, klinkt sich aus Diskussionen aus, zieht sich in die private Komfortzone zurück.

Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings im Vergleich der beiden öffentlichen Räume: In Downtown L.A. wäre niemand auf die Idee gekommen, die Randalierer für „das Volk“ zu halten und für sie Politik zu machen. Heute hingegen passiert diese Verwechslung jeden Tag. Wie gebannt lauscht die Öffentlichkeit dem grauslichen Rumoren in den sozialen Netzwerken. Politik, Politikberater und Medien halten frustierte Extremisten für die „schweigende Mehrheit“, versuchen verzweifelt, aus ihren Schimpfwörten und Hasstiraden einen „Wählerauftrag“ herauszulesen und einen konkreten politischen Handlungsauftrag daraus abzuleiten. Auf dass sich die Randalierer irgendwann verstanden fühlen.

Nein, so kann das nicht funktionieren. Denn „das Volk“ – das sind nicht die Hetzer. Das Volk sind jene, die verschreckt daheim hinter ihren Vorhängen sitzen. Die hat man dabei völlig aus den Augen verloren.

 

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