Das Vergehen einer Frau ist: Sichtbarkeit. Die gerechte Strafe dafür ist: Vergewaltigung. Die Sittenwächter, die das so sehen, sind nicht nur am Tahrir, sondern mitten unter uns.

falter-Kommentar

In den vergangenen Monaten, im Zuge der Debatte um sexuelle Übergriffe, haben wir gelernt, was das arabische Wort „Taharrush gamea“ bedeutet: Männer, die in Gruppen herumlungern, nehmen gezielt Frauen ins Visier, bedrängen sie, jagen sie über den Platz, fallen über sie her, greifen sie kollektiv aus. Im Pulk falen die Hemmschwellen, man geilt einander auf, immer noch weiter zu gehen. Manchmal steht am Ende eine Vergewaltigung oder gar ein Mord.

Die Männer, die so etwas tun, fühlen sich im Recht. Nicht als Täter, sondern als Sittenwächter, als Exekutoren der natürlichen Ordnung. Aus ihrer Perspektive hat die Frau die Regeln verletzt. Sie hat eine Grenze überschritten, und ist in einen Raum eingedrungen, an dem sie nichts verloren hat. Für die Gewalt, die sie damit heraufbeschworen hat, trägt sie deshalb selbst die Verantwortung. Hätte sie halt nicht provoziert! Wäre sie halt nicht allein hergekommen, um diese Zeit! Wäre sie halt brav zu Hause geblieben! Dann hätten wir das alles nicht tun müssen.

Frauenfeindliche Angriffe im Netz folgen einer ähnlichen Logik. Auch im Internet lungern, wie auf öffenlichen Plätzen, gelangweilte Männer herum, bewachen Territorium, das sie als „ihres“ betrachten, und lauern Frauen auf, die sich – für ihren Geschmack – allzu weit darin vorwagen. Wie auf Verabredung nehmen sie dann eine ins Visier, treiben sie vor sich her, rücken ihr auf den Leib, stellen sie bloß und weiden sich daran, wenn sie Angst zeigt. Wer am brutalsten zulangt, wird mit den meisten Likes belohnt.

Als eine der ersten im entfesselten Social-Media-Zeitalter hat diesen Mechanismus Natascha Kampusch erlebt. Seither sind praktisch alle Frauenministerinnen Zielscheibe geworden, aber auch andere Politikerinnen, Künstlerinnen, Moderatorinnen, Journalistinnen, Richterinnen, Models, Sportlerinnen oder Popstars – es kann jede treffen, die irgendwie auf sich aufmerksam macht. Prototypisch ist, was dieser Tage an der deutschen Schauspielerin Gina-Lisa Lohfink durchexerziert wird. Lohfink wurde im Reality-TV bekannt. Von zwei Männern wurde sie in eine Falle gelockt, mit k.o-Tropfen gefügig gemacht, vergewaltigt und öffentlich bloßgestellt, indem das Video von der Vergewaltigung online verbreitet wurde. Als ultimative Demütigung kam schließlich noch der gerichtliche Freispruch der Täter dazu – und dass Lohfink nun selbst wegen falscher Verdächtigung angeklagt ist.

Frauen sind, noch stärker als Männer, darauf konditioniert, die Ursachen für solche Eskalationen bei sich zu suchen. Hab ich etwas falsch gemacht? fragen sie sich. Habe ich mich in der Wortwahl vergriffen, das falsche Kleid gewählt, den falschen Gesichtssaudruck? Hätte man den Wunsch, die Töchter in der Bundeshymne vorkommen zu lassen, nicht besser in einem anderen Tonfall vorgetragen, oder zu einem passenderen Zeitpunkt? Verheimlicht Frau Kampusch nicht tatsächlich etwas? War es notwendig, dass sich Frau Lohfink die Lippen aufspritzen ließ und Pornos drehte? Ist Frau xy nicht tatsächlich zu laut, zu lahm, zu offensiv oder zu defensiv? Frauen beschwören Aggressionen doch erst herauf, indem sie sich, wie auf dem letzten Falter-Cover, so eitel aus dem Fenster lehnen! Oder, umgekehrt: Sie tragen Mitschuld, weil sie so lang über ihre Erlebnisse geschwiegen haben!

Das alles sind die falschen Fragen. Ablenkungsmanöver, um den Kern der Sache zu verschleiern. Der da lautet: Es tut überhaupt nichts zur Sache, was Frauen tun oder sagen. Es geht um ihre Präsenz an und für sich; um die Tatsache, dass sie sichtbar sind. Man muss den Tätern, im Netz und im richtigen Leben, bloß genau zuhören, sie verraten dieses Motiv ja eh selbst: „Wenn ich diese Fresse schon sehe“, sagen sie. „Wenn ich diese Stimme nur höre, werd ich schon aggressiv.“

Diese Männer denken in denselben Bahnen wie die Burschen am Tahrir-Platz: Täter, ich, wieso? Die Frau ist es doch, die eine Grenzüberschreitung begeht! Die ihr Gesicht in den Bildschirm schiebt, uns ungefragt ihre Meinung aufdrängt, die sich anmaßt, Politik zu machen. Hat ihr ja keiner angeschafft! Wenn eine Frau Aufmerksamkeit fordert, muss sie halt damit rechnen, dass sie mehr davon kriegt als ihr angenehm ist. Englischkundige fügen an dieser Stelle gern den Sinnspruch „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen“ hinzu.

Die enscheidenden beiden Worte dabei sind: „Get out“. Schleich dich. Weg vom Platz, raus aus der Öffentlichkeit, husch, husch. Und schau genau her, was wir mir einer machen, die nicht gleich spurt: Wir geben erst Ruhe, wenn sie gedemütigt, verstört, mit zerrissenen Kleidern vom Platz humpelt und sich wieder in ihrer finsteren Nische verkriecht. Dort, wo sie hingehört.

 

 

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