Piloten, Lokführer und Arbeiter in Atomkraftwerken sind wichtig, sichtbar und werden ernst genommen. Kindergärtnerinnen sind ebenso wichtig, aber sie bleiben unsichtbar.

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Manche Berufe schaffen es, sich am Aufmerksamkeitsradar allzeit präsent zu halten. Zu beobachten derzeit in Frankreich, beim Vorglühen für die Fußball-EM. Ganz Europa zittert mit. Hunderttausende Fans haben Tickets und Hotels gebucht. Das Glück des Kontinents ist gefährdet, wenn der Arbeitskampf eskaliert. Und die Angstellten im Verkehrs- und Energiesektor nützen den verwundbaren Augenblick aus: Da schaut her, wie existenziell wichtig wir sind! Ohne uns ist das Land aufgeschmissen! Oder, wie es im historischen Liederbuch der Arbeiterbewegung heißt: „Wenn unser starker Arm es will, stehen alle Räder still!“

Man nimmt das ernst. Denn jeder kann sich ja lebhaft ausmalen, was passieren kann, wenn das Personal in Atomkraftwerken die Arbeit an den Brennstäben niederlegt. Wenn die Fluglotsen das Radar abschalten, die Staudamminspektoren ihre Position verlassen, oder gar die Polizei. Was sich abspielt, wenn die Versorgung mit Trinkwasser zusammenbricht! Oder wenn mitten im Hitzesommer die Müllabfuhr streikt! Die Vorstellung reicht der Politik meist schon, um zu entscheiden: Nein, mit den Eisenbahnern/der Müllabfuhr legen wir uns lieber nicht an. Die sind zu wichtig. Einen Konflikt derheben wird nicht.

Die Gewerkschaften sind in diesen Branchen stark, der Organisierungsgrad ist hoch, ebenso der Männeranteil bei den Beschäftigten. Sie haben einen direkten Draht in die Politik und sind sichtbar. Deswegen geht es Eisenbahnern, Kraftwerkspersonal und den etwas unglamouröseren Müllmännern gut, was Bezahlung und Arbeitsbedingungen betrifft. Für die Frage, wem welche Zulage gebührt, und wer mit welchen Abschlägen in Frührente gehen darf, werfen sich viele wichtige Alliierte in die Schlacht.

Vergleichen wir das nun mit den Verhältnissen in einer anderen Branche, die für das Funktionieren eines Gemeinwesens mindestens ebenso wichtig ist: mit den Kindergärten. Die Heilserwartungen, die heute an das dort arbeitende Personal herangetragen werden, sind riesig. Die Pädagoginnen sollen die Gesellschaft zusammenhalten, soziale Probleme abfedern, Einzelkinder zu mitfühlenden Wesen machen, Talente individuell fördern, kulturelle Vermittlungsarbeit leisten, und das alles stets mit einem wachen Sensorium für Verhaltensauffälligkeiten, Hochbegabungen und Mehrsprachigkeit. Sie sollen alles schaffen, was derzeit kaum eine andere Institution zusammenbringt.

Sie tun das jedoch unter Arbeitsbedinungen, die jeder Müllmann sofort als absolut unzumutbar definieren würde. Eine Pädagogin ist permanent für 25 Kinder da, für alles von Naseputzen über Trösten bis Sprachförderung. Kaum Vorbereitungszeit, kaum Pausen, kaum Supervision, schlechte Bezahlung, wenig Perspektiven. Eine aktuelle Studie warnt: Weil österreichweit 2000 Stellen unbesetzt sind, arbeiten alle quasi am Anschlag, häufig tragen unausgebildete Kräfte volle Verantwortung.

Man kann man sich zwar auch hier theoretisch vorstellen, was alles passieren würde, kämen Pädagoginnen plötzlich auf die Idee, ihre Arbeit niederzulegen: Heulende, hungrige, unversorgte Kleinkinder im ganzen Land. Eltern in heller Panik. Organisationschaos in den Betrieben. Auch in diesem Fall gäbe es großflächige Produktionseinbrüche, Dienstleistungsausfälle, Verkehrsinfarkt, Ausnahmezustand. Wie wichtig verlässliche Kinderbetreuung für den Seelenfrieden und das wirtschaftliche Wohlergehen der Nation ist, wäre schlagartig klar.

Doch wir können sicher sein, dass das nicht passiert. Denn die Kindergartenpädagoginnen sind nicht organisiert. Haben keine Gewerkschaft, tausend verschiede Dienstgeber, keine mächtigen Verbündeten. Sind ja fast alles Frauen. Haben ja alle gelernt, still zu sein, keine Ansprüche zu stellen, und für ein paar anerkennende Worte an der Kindergartentür schon dankbar zu sein. Brave Kindergärtnerinnen sieht man nicht.

 

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