Wie schaut die Schule der Zukunft aus? Im Mostviertel kann man es sich anschauen.

Eine Reportage für den Falter

Lobrunde statt Klassenbucheintrag. Lernbegleiterin statt Lehrerin. Logbuch statt Mitteilungsheft. Eine Sofalandschaft mitten im Schulwohnzimmer. Keine Schulglocke. Dafür steht als nächstes „Körperwahrnehmung“ auf dem Stundenplan. „Die Kollegin macht da irgendwas mit Klangschalen“, erklärt Herta Leitner, die Schuldirektorin. „In sich hineinhören, Stimmbildung, solche Dinge. Das ist wichtig für Präsentationen bei der Schulversammlung.“

Klangschalen, Schulversammlung? Nein, wir befinden uns in keiner alternativen, elternverwalteten Privatschule irgendwo in Bobostan. Sondern in einer öffentlichen Mittelschule im Mostviertel, Seitenstetten-Biberbach. Ein heller, einstöckiger Zweckbau mit großzügigen Fensterflächen, Linoleumboden, draußen eine Kletterwand. Die Mountainbikes am Fahrradständer sind allesamt nicht abgesperrt. Es ist ein sonniger Sommertag, rundum stehen die sanften Hügel in sattem Grün, Plakate werben für Gratis-Eis beim Feuerwehrfest. Nebenerwerbsbauern wohnen hier, Pendler, Häuslbauer, der wichtigste Arbeitgeber im Ort ist die Firma Lisec, die Spezialmaschinen für die Flachglasindustrie herstellt. Billa, Pizzeria Palermo, ein Sägewerk. Viele Apfel- und Birnbäume, für den Most.

Das Mostviertel ist, bildungspolitisch gesehen, eine besondere Landschaft. Seit zwei Jahren werden hier – still, aber konsequent – die Ideen der deutschen Schulreformerin Margret Rasfeld in die Praxis umgesetzt. „Schule im Aufbruch“ heißt die Bewegung, die – unterstützt auch vom Gehirnforscher Gerald Hüther – immer mehr Boden gewinnt. Im Mostviertel sind von 180 Pflichtschulen etwa die Hälfte bereits dabei. Wie ist inmitten unserer erstarrten Schulpolitik soviel Bewegung möglich? Und was kann Österreich vom Mostviertel lernen?

„Alles geht. Man muss es nur machen“, sagt Josef Hörndler, der Bezirksschulinspektor.

Hörndler ist ein ruhiger Zwei-Meter-Mann, einer, der gelernt hat, seine Masse behutsam einzusetzen. Er kommt aus kleinen Verhältnissen, der Vater wuchs mit elf Geschwistern ohne Vater auf, war als Rossknecht nur selten in der Schule, und brachte es nur zum Hilfsarbeiter. „Mit meiner Herkunft hätte ich heutzutage kaum eine Chance für den Bildungsaufstieg“, ist Hörndler überzeugt. An seine Volksschulzeit in Allhartsberg erinnert er sich gern – eine Mehrstufenklasse, wie in vielen Dorfschulen damals, mit intaktem Gemeinschaftsgefühl. Umso schlimmer war dann die Zeit im Gymnasium. „Angst, Funktionieren, Gehorsam“, fällt ihm dazu ein. Englisch, wo er sich schwertat, war ein permanenter Kampf. Mit Mathematik hingegen, das er mochte, beschäftigte er sich kaum. „Weil es ja nicht notwendig war. Es ging immer nur um die Schwächen, nie um die Stärken.“

Hörndler blieb im Mostviertel, wurde Lehrer, Schulinspektor. Dass im österreichischen Schulsystem der Wurm war, spürte er schon länger. Vor ein paar Jahren jammerten auch in seinem Zuständigkeitsbezirk die Lehrer immer lauter, klagten über Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, fühlten sich ihren Aufgaben immer weniger gewachsen. In dieser Phase des Zweifels saß Hörndler im Auto und hörte ein Radiointerview. Margret Rasfeld erzählte aus ihrer Reformschule in Berlin Mitte, der „ESBZ“ (Falter Nr. xy), von Eigenverantwortung, Wertschätzung, und davon, „dass die Welt uns braucht“. „Da wusste ich: Das ist es“, sagt Hörndler.

Kurz entschlossen organisierte er 2014 eine Recherchereise nach Berlin-Mitte. Rasfeld kam ins Mostviertel, hielt zwei Tage lang Vorträge für Eltern und LehrerInnen. An jeder Schule, die ähnliches versuchen wollte, gab es Workshops, in denen sie selbst ihre Ziele definierten, die einen mehr, die anderen weniger radikal,. „Ich kann ja schwer von Eigenverantwortung sprechen, und gleichzeitig den Schulen anschaffen, was sie tun sollen“, sagt Hörndler. Als Faustregel gilt: Die Direktion muss für die Idee brennen, mindestens ein Drittel des Lehrpersonals und der Eltern muss überzeugt sein, dann zieht der Rest mit.

Die VS Allhartsberg, seine alte Schule, war unter den ersten dabei. Ein Werbevideo zeigt einen Buben auf einem Klettergerüst, der in breitester Mostviertler Mundart eine ältere Freundin über die Schule ausfragt. Er habe Angst, sagt er. „Angst brauchst keine haben“, versichert sie ihm.

Josef Penzendorfer, drahtig, energieladen, ist an der NMS Seitenstetten Fachlehrer für Deutsch und Musik. Er war damals mit in Berlin, mit ein bisschen gesunder Skepsis. Doch das Selbstbewusstsein, mit dem Kids dort erklären konnten, was sie tun und warum, überzeugte ihn auf Anhieb. Heute funktioniert es in Seitenstetten genauso. Die Kernelemente sind:

– Jede Schüler, jede Schülerin hat ein individuelles Lernpensum, und führt ein Logbuch, in dem es seine Arbeitsaufträge vermerkt. Jeden Tag wird notiert, „was ich fürs Leben gelernt habe“, und jede Woche reflektiert, was gut gelungen ist. „Das war anfangs das Schwierigste “, sagt die Direktorin – „zu definieren, was wichtig ist.“

– Jeder Schüler, jeder Schülerin wird dabei von einem persönlichen Tutor begleitet. Mindestens einmal im Monat setzt man sich zu einem persönlichen Gespräch zusammen, und vereinbart Lernziele für die kommenden Wochen.

– Der Klassenrat ist das regelmäßige Forum für alle Schüleranliegen, es gibt klare Strukturen und Rollen (Moderator, Protokollant, Regelwächter, Zeitwächter). Lehrer sind gleichberechtigte Teilnehmer, mehr nicht. So wird gelernt, Probleme zu lösen. Das sei, erzählt die Direktorin „ein Selbstläufer, von Anfang an, und entlastet die Lehrer spürbar.“

– Ebenso ritualisiert ist die monatliche Schulversammlung, bei der neue Kinder, neue Lehrende, Ideen, Aktivitäten, wechselnde „Zauberwörter“ und Lieder des Monats präsentiert werden. Das stärkt das Wir-Gefühl.

– Ein Pflichtfach der dritten Klasse heißt „Verantwortung“ und öffnet die Schule nach außen. Jedes Kind sucht sich, im Ausmaß von 18 Stunden, eine Tätigkeit für das Gemeinwohl. Die einen helfen im Kindergarten, andere im Seniorenheim, wieder andere holen Müll aus dem Bach oder verteilen übriggebliebene Waren aus den Supermärkten an die Bedürftigen der Gemeinde.

– Möglich ist das alles durch einen Stundenplan, der die 50-Minuten-Einheiten aufgelöst und den althergebrachten Fächerkanon zu neuen, größeren Lernfeldern zusammengeschmiedet hat – etwa „Bühne“ (mit Deutsch, Musik, Werken), „Gesundheit“ (mit Ernährung, Biologie, Ökologie, Sport) oder Englisch (mit verschiedensten Inhalten). Zwei längere gemeinsame Lerneinheiten am Vormittag wechseln mit individueller Lernzeit ab. Grundsätzlich stehen immer zwei Lehrkräfte zur Verfügung, die sich in verschiedener Rollenverteilung mit verschiedenen großen Gruppen zusammentun – das kann am Gang sein, in der Wohnküche, oder draußen im Garten.

Hochbegabungen finden in dieser Organisationsform ebenso Platz wie spezielle Lernschwächen. Auch die intensive Deutschförderung für die elf Flüchtlingskinder aus dem Ort lässt sich darin gut unterbringen.

Und Noten? Die Direktorin und ihr Stellvertreter lächeln nachsichtig, so als habe man den Kern der Sache noch immer noch nicht verstanden. Doch, Noten gibt es. „Aber sie spielen im Schulalltag keine Rolle.“ Viel wichtiger sei, dass die radikale Individualisierung des Unterrichts die Stärken der Kinder zum Vorschein bringt. „Früher hat es den bunten Abend beim Schikurs gebraucht, um draufzukommen, dass die Kerstin ein Showtalent hat, oder der Marco eine starke soziale Ader. Jetzt merken wird das sofort.“

Das Ergebnis lässt sich am ersten Absolventenjahrgang bereits ablesen. Bisher war der weitere Bildungsweg durch Gewohnheiten vorgezeichnet: Die Burschen zog es an die HTL Waidhofen, die Mädchen an die HLW Haag (abschätzig „Knödelakademie“ genannt). Die 49 Kinder vom letzten Jahr allerdings gingen in 19 verschiedene Richtungen, sagt die Direktorin stolz. „Weil sie viel genauer wissen, was sie wollen und können.“ Wichtig, fügt sie hinzu, sei nur eines: „Die Mittelschule muss wirklich eine gemeinsame Schule für alle sein. Wir brauchen die guten Schüler. Als Restschule, wie in der Wien, kann sie nicht funktionieren.“

Auch in Seitenstetten gibt es ein Gymnasium. Mächtig thront das barocke Benediktinerstift auf dem Hügel über dem Ort, viel Stuck, viel Gold, alles frisch renoviert. Das Kloster beherbergt das Stiftsgymnasium, eine Privatschule mit langer Tradition, weit über die Region hinaus bekannt, bis vor wenigen Jahren gab es auch ein angeschlossenes Internat. Josef Penzendorfer hat hier maturiert. Auch heute ist das Gymnasium voll belegt, mit Kindern aus einem weiten Einzugsgebiet. Für die Mittelschule im Ort ist es allerdings keine starke Konkurrenz. Nur nur ein, zwei Seitenstettner Zehnjährige jedes Jahrgangs entscheiden sich fürs Stiftsgymnasium. Wenn sich die 14jährigen in der Oberstufe später wieder begegenen, müssen die Mittelschüler den Leistungsvergleich jedenfalls nicht scheuen.

In der NMS ist inzwischen große Pause. Patrick, Jan und Christoph sitzen am Gang zusammen. Sie leben auf Bauernhöfen, Fotograf will der eine werden, Elektriker der andere, aber wer weiß, was die „Verantwortung“ nächstes Jahr noch an Ideen bringt. Im Moment sind sie stolz drauf, wie sie Flaschen aus dem Altglascontainer zu Lampen verarbeitet haben. „Das Kind braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann“, lautet einer der vielen Sinnsprüche an den Wänden.

Aber darf man denn das alles – sich im Schulbetrieb so viele Freiheiten herausnehmen? Klagen denn Lehrende nicht immer und überall sonst über die vielen rigiden Vorschriften, die ihnen keinen Spielraum für lassen?

Schon wieder lächelt die Direktorin nachsichtig. „Wir bewegen uns in Rufweite des Gesetzes“ sagt sie. Es sei schließlich nirgendwo verboten, Stunden zu koppeln. Das System der Wahlpflichtfächer maximal auszureizen und sie zu einem wesentlichen Teil des Stundenplans aufzuwerten. Unverbindiche Übungen so ernst zu nehmen, dass ausnahmslos alle Kinder nachmittags daran teilnehmen. Und die „empfohlenen Stundentafeln“, die das Schulunterrichtsgesetz nennt, seien halt bloß das: Empfehlungen.

Oja, selbstverständlich sei man manchmal an Grenzen gestoßen. Dass 13jährige im Gemeindekindergarten helfen dürfen – das sei bisher das Schwierigste gewesen. Da war die Angst der Kindergärtnerinnen, ein weiteres Kind zum Betreuen aufgehalst zu bekommen. Die Sorge mancher Eltern, verantwortungslose Teenager könnten Blödsinn machen. Da waren rechtliche Fragen: Wer haftet, wenn etwas passiert?

Klar hätte man, nach einer Woche, beim ersten Widerstand aufgeben können. Aber man hat nicht.

Eigentlich dürfe man auch gar nicht aufgeben, sagt der Bezirksschulinspektor und faltet seinen langen Körper ins Auto, er muss los zu seinem nächsten Termin mit einer Gruppe reformwilliger Direktoren ein paar Orte weiter. Das Gesetz, meint Hörndler, erteile ihm ausdrücklich den Auftrag zu dem, was er hier macht. Lehrplan der Neuen Mittelschule, Allgemeines Bildungsziel, BGBl II Nr 185/2012, geändert durch BGBl II Nr 174/2015: „Selbstbestimmtes und selbst organisiertes Lernen und eigenständiges Handeln sind zu fördern“, steht da; ebenso „Orientierungen zur Lebensgestaltung und Hilfen zur Bewältigung von Alltags- und Grenzsituationen“.

Der Inspektor hat den kopierten A4-Zettel mit diesem Text immer in seiner Aktentasche dabei. Nur für den Fall, dass jemand zweifeln könnte.

 

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2 Responses to So geht Schule

  1. David sagt:

    Vielen Dank für diesen Bericht, ich fand ihn sehr inspirierend und werde mich nun weiter über das Modell von Margret Rasfeld informieren.

    Schöne Grüße!

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