„Ich glaube weder an Allah, noch an den christlichen Gott. Dennoch kann man manchmal versuchen, sich als nicht-religiöser Mensch in Gläubige hineinzuversetzen.

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Erstens: Ich kann verstehen, wie schlimm es für einen friedliebenden, gläubigen Menschen sein muss, wenn irgendwo auf der Welt im Namen seines Gottes gemordet wird. „Allahu akbar“ heißt „Gott ist groß“ und ist schlicht ein Glaubensbekenntnis, das wohl jeder Muslim beim Gebet oder zu verschiedensten Gelegenheiten häufig auspricht. Jedes Mal, wenn ein Selbstmordattentäter „Allahu akbar“ ruft, bevor er seinen Sprengstoffgürtel zündet oder mit der Machete auf Menschen losgeht (wie eben in der beglischen Stadt Charleroi beim Attentat auf zwei Polizistinnen geschehen), muss sich das für einen Gläubigen anfühlen wie ein Stich ins Herz. Einer harmlosen, aber wichtigen religiösen Floskel wird die Unschuld geraubt, sie wird zum Schachtruf gemacht. So lange, bis man den Satz selbst nicht mehr über die Lippen bringen kann, ohne sich verdächtig zu machen. Einmal in der Straßenbahn arglos „Allahu akbar“ gemurmelt – und alle Umstehenden zucken zusammen, blicken einen misstrauisch an, oder ergreifen gar panisch die Flucht. Nein, das kann nicht angenehm sein. Wahrscheinlich will man sich an manchen Tagen, wenn auf allen Kanälen die Terrornachrichten regieren, am liebsten zu Hause verkriechen.

Zweitens: Ich kann auch verstehen, wie sehr es einen friedliebenden, gläubigen Muslim nerven muss, nach jedem Attentat wieder und wieder gedrängt zu weden, sich von den Attentätern zu distanzieren. „Na, was sagst denn du dazu?“, wird man, mit herausforderndem Unterton, wohl mehrmals täglich gefragt – von guten Freunden ebenso wie von flüchtigen Bekannten, in der Arbeitspause, in der Kantine, am Schulhof und auf Facebook. So als sei man mit den Terroristen verwandt, so als habe man gestern erst mit ihnen telefoniert, oder als sei man sonst irgendwie für das Verhalten wildfremder Leute zuständig. Ich kann verstehen, warum die Frage Trotz auslöst, und man darauf gereizter antwortet als unbedingt notwendig. Warum sollte ich als gläubige Muslima zu Gewalttaten eine andere Meinung haben als ein gläubiger Christ, eine überzeugte Atheistin oder sonst ein normal empfindender Mensch? Unterstellt denn nicht schon die Frage eine Art Mitverantwortung, und stellt einen anklagend in eine Ecke, aus der man sich kaum herauswinden kann, ohne einen moralischen Kratzer abzubekommen?

Was ich jedoch, drittens, ganz und gar nicht verstehen kann: Dass sich die Millionen friedliebenden, rechtschaffenen, gläubigen Muslime in aller Welt nicht viel heftiger dagegen wehren, was Terroristen da mit ihrem Glauben anstellen. Stelle ich Gottlose mir vor, seltsame Typen würden meinen Gott kidnappen; in seinem angeblichen Auftrag die grausamsten Verbrechen begehen; sie würden alles, was mir heilig ist, verdrehen, pervertieren und für ihre zerstörerischen Zwecke missbrauchen; und anschließend dann sogar behaupten, sie hätten das für „alle Muslime“, also auch für mich getan – dann kann man das doch nicht widerspruchslos geschehen lassen! Hat man denn, wenn man gläubig ist, nicht das tiefempfundene Bedürfnis, seinen Gott in Schutz zu nehmen? Ihn gegen seine perversen Fans zu verteidigen? Ihn der Umklammerung jener zu entwinden, die behaupten, in seinem Namen morden, vergewaltigen und brandschatzen zu dürfen? „Niemand tötet in meinem Namen!“, müsste dann doch auf den Transparenten stehen, die Muslime in aller Welt millionenfach in die Höhe hielten (zumindest dort, wo das gefahrlos möglich ist). „Unser Gott ist nicht euer Gott!“, müssten Prediger, Politiker, Gelehrte oder sonstige Volkstribune dem IS zurufen. Oder: „Ihr seid keine Muslime!“

Gläubige Menschen täten das alles nicht, um sich bei Ungläubigen beliebt zu machen, oder um sich von ihrem Gott zu distanzieren. Sondern, im Gegenteil: Weil ihnen ihr Gott und ihre Reigion so heilig sind.

Aber vielleicht folgt das alles bloß einer Logik, die nur einer Ungläubigen einfallen kann.

 

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