Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts entstand ein neuer Politikertyp: Er setzt auf Gefühle, hetzt gegen Minderheiten, und fühlt sich als wahrer Vertreter des Volkes gegen den Staat

Ein persönlicher Nachruf, und eine presse-Kolumne

Ich habe vergangene Woche ein Buch aus dem Regal genommen, das seit zwanzig Jahren dort steht. Es heißt „Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators“ und trägt uns an den Beginn des 20. Jahrhunderts. Wien war damals eine aufregende, rasch wachsende Metropole voller sozialer und ethnischer Spannungen.

Es gab damals die Alldeutsche Bewegung, unter Georg Schönerer. Die Bewegung hatte ihre Symbole: die Kornblume, die Runenzeichen, den Heil-Gruß. Sie traten bei einem Trauerkommers der Burschenschaften auf, und machten daraus eine mächtige politische Kundgebung.

„Die Bevölkerung befindet sich in äußert aufgeregter Stimmung“, schrieb man damals. Schönerer „hat wohl unter den besseren Klassen viele Gegner, aber es getraut sich kein Einziger, gegen ihn aufzutreten, weil sie seine Rücksichtslosigkeit und massive Grobheit fürchten.“ Besonderen Erfolg hatte Schönerer, wenn er über die k.u.k. Nationalitätenpolitik schimpfte: Man habe 10 Millionen für bosnische Flüchtlinge ausgegeben und dieses Geld „dem österreichischen Volk entzogen.“

Im Reichsrat protestierte er gegen das „massenhafte Herbeiströmen eines unproduktiven und fremden Elements, dessen Anzahl sich in den letzten 20 Jahren in Österreich verdoppelt, in Wien sogar verdreifacht“ habe. Er forderte eine Beschränkung weiterer Einwanderung nach dem Muster der amerikanischen Anti-Chinesen-Bill. Da der Reichsrat das ablehnte, setzte Schönerer mit der Vorlage einer Unterschriftenliste mit rund 500 Namen nach. Später sammelte er gar 40.000 Unterschriften, als „Aufschrei des Volkes gegen die jüdische Bedrohung“.

Schönerer berief sich auf den wahren „Willen des deutschen Volkes“. Dieses Volk fühle sich weder im k.u.k Staat, noch im Reichsrat, noch in der Presse hinlänglich vertreten – und habe ihn deswegen zu seinem Sprecher gemacht. An seine Anhänger appellierte er, sich auf eine großen Kampf vorzubereiten. „Wer nicht vertrieben werden willl, der muss vertreiben!“ Wer mit Juden befreundet war, wurde als „Veräter am deutschen Volk“ und als „Judenknecht“ beschimpft.

Seine spektakulärsten Erfolge erlebte er mit seinen Kampagnen gegen die liberalen Wiener Zeitungen. Sie hatten zuerst scharf gegen ihn polemisiert und ihn lächerlich gemacht, später verlegten sie sich auf die Taktik, ihn totzuschweigen. Schönerer warf ihnen nun vor, korrupt und bestechlich zu sein, im Dienst des „jüdischen Kapitals“ zu stehen, das „deutsche Volk“ zu beleidigen und zu täuschen. „Die Juden wollen Vampyren gleich ihre Lebensfähigkeit aus der Kraft der arischen Völker saugen. Das Volk solle gezwungen werden, die todbringende Arznei sich selbst zu verordnen, im Schlafe hinzusiechen, und sich dann langsam zu Grabe zu legen, damit der vaterländische Boden zum Tummelplatz für fremde vaterlandlose Nomaden gemacht werde“.

Im Reichsrat brachte Schönerer den Antrag ein, einen Landstrich anzukaufen, um dort eine Strafkolonie für Verbrecher und „gemeinschädliche“ Menschen einzureichten. Dort müssten auch all jene Journalisten „auf mindestens sechs Monate“ büßen, deren „wider besseres Wissen in der Presse vorgebrachte Unwahrheiten“ dem Volk schaden.

Schönerers Abstieg begann mit einem Gefängnisaufenthalt und übermäßigem Alkoholkonsum. Doch Adolf Hitler hatte bei ihm seine wichtigste Lektion gelernt: „Die breite Masse des Volkes besteht weder aus Professoren noch aus Diplomaten“, schrieb er in „Mein Kampf“. „Das Volk ist so eingestellt, dass weniger nüchterne Überlegung als vielmehr gefühlsmäßige Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt. Es gibt hierbei nicht viel Differenzierungen, sondern ein Positiv und ein Negativ, Liebe oder Hass, Recht oder Unrecht, Wahrheit oder Lüge, niemals aber halb so und halb so oder teilweise.“

Es ist ein interessantes Buch. Seine Autorin heißt Brigitte Hamann, sie war meine Mutter. Vergangene Woche ist sie gestorben.

 

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2 Responses to Es ist hundert Jahre her, aber wir stecken noch mitten drin

  1. Frank Arold sagt:

    Sehr geehrte Frau Hamann,

    ich habe einige der Bücher Ihrer Mutter gelesen. In „Hitlers Wien“ stecke ich noch mitten drin. Aus den TV-Beiträgen Ihrer Mutter und einer Diskussion in 3sat über den Beitritt Österreichs zur EU habe ich sie auch als sehr warmherzig und meinungsstark wahrgenommen. Bewundernswert finde ich auch, wie sie sich in der Männerwelt der Historiker durchgesetzt hat und gleichzeitig Mutter von drei Kindern war.

    Warum schreib ich Ihnen das? Es war mir einfach ein Bedürfnis. Ich habe Sie zufällig bei einem Aufenthalt in Wien über die Kolumne in „Der Presse“ gefunden und den Zusammenhang mit Ihrer Mutter über den Namen herstellen können. Gleichzeitig möchte ich Ihnen meinen Respekt zum Ausdruck bringen. Und zwar für Ihr Engagement als Journalistin bzw. für den freien Journalismus. Auch wenn ich politisch eher aus der entgegengesetzten Richtung komme, macht es mir Spaß, mich mit Ihren Standpunkten auseinanderzusetzen (insbesondere Flüchtlingspolitik).

    Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute, viel Erfolg beruflich und privat!

    Mit freundlichen Grüßen

    Frank Arold

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