Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein und dasselbe zu erklären. Das gilt auch in der leidigen Debatte um Mindestsicherung, Ein-Euro-Jobs und Arbeitsverpflichtung für Arbeitslose

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Die erste Geschichte geht so: Wer Mindestsicherung bezieht, ist faul. Er oder sie liegt der Allgemeinheit auf der Tasche, macht es sich auf Kosten hart arbeitender Menschen in der Hängematte bequem, das darf man diesen Leuten nicht durchgehen lassen. Deswegen muss man sie ein bisschen quälen. Früh aufstehen sollen sie, eine Schaufel in die Hand nehmen, anpacken, am besten unter strenger Aufsicht, und spüren, wie sich das anfühlt. Wer nicht gehorcht, dem drohen wir mit Strafe. Verweigerern wird die Mindestsicherung gekürzt, oder ganz entzogen – sollen sie halt selber schauen, wo sie dann bleiben. Wie kommen denn wir dazu, sie durchzufüttern? Speziell jene, die aus der Fremde hergekommen sind mit der einzigen Absicht, unser Sozialsystem auszunützen und jeden Monat 838 Euro zu kassieren. Um denen unsere Werte einzubläuen, muss man ihnen Daumenschrauben anlegen, bis es weh tut. Arbeitsbrigaden für Arbeitsscheue! Ein-Euro-Jobs für Minderleister! Solche Leute brauchen eine harte Hand!

Die zweite Geschichte klingt anders. In etwa so: Österreich garantiert jedem Menschen, der hier lebt, die Möglichkeit, zu arbeiten. Auch jenen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben – weil sie zu schlecht ausgebildet sind, weil sie die Sprache noch nicht beherrschen, weil sie soziale oder gesundheitliche Probleme haben, oder sich aus anderen Gründen schwertun. Das Gefühl, unnütz und wertlos zu sein, kann sehr belastend sein – das darf niemand in diesem Land erleben. Deswegen steuern wir niemanden aus, lassen niemanden allein, kümmern uns um jeden einzelnen. Und wenn einer auf dem regulären Arbeitsmarkt nichts findet, dann beschäftigen wir ihn auf dem sogenannten „zweiten Arbeitsmarkt“, also im geschützen, geförderten, öffentlichen Bereich.

Idealerweise sind das gemeinnützige Tätigkeiten. Das hat mehrere Vorteile gleichzeitig: Einerseits machen Menschen, die bisher von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen waren, hier die Erfahrung, dass sie etwas Sinnvolles beitragen; sie können sich beweisen und bewähren. Menschen, die noch nicht so lang im Land sind, erfahren bei diesen Tätigkeiten außerdem, wie Österreich funktioniert, wie man miteinander umgeht – wenn sie etwa, wie der Innenminister vorgeschlagen hat, „Essen auf Rädern“ für pflegebedürftige Menschen ausliefern, oder im Museum Dienst tun. Sie lernen dabei Einheimische kennen, üben deutsch. Positiver Nebeneffekt für alle: Die arbeitende Bevölkerung kommt mit Arbeitssuchenden im Alltag in Kontakt, es entstehen Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen. Das wirkt Vorurteilen entgegen und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Sinnvollerweise werden diese gemeinnützigen Tätigkeiten nur ein Teilzeit-Programm sein, damit daneben noch Zeit für Sprachkurse und Qualifizierungsmaßnahmen bleibt, die wir ebenfalls allen Arbeitssuchenden garantieren. Auf dass sie nicht in ungelernten Jobs am zweiten Arbeitsmarkt steckenbleiben, sondern ihr Potential ausschöpfen und so bald wie möglich in reguläre Jobs wechseln können. Solange, bis das geschafft ist, erhalten sie jedenfalls eine monatliche Unterstützung von 838 Euro. Weil es für alle in einem Land gut ist, wenn Arme nicht auf der Straße schlafen, sondern menschenwürdig leben können.

Aufmerksame Leser und Leserinnen haben es bemerkt: Die beiden Geschichten sind faktisch dieselbe. Sie unterscheiden sich bloß atmosphärisch, im Menschenbild und im Tonfall. Wer die erste Geschichte erzählt, muss nicht viel tun: Drohen, Schimpfen und Schuldzuweisungen reichen völlig. Wer die zweite Geschichte erzählen will, muss hingegen konkret handeln – nämlich tatsächlich hunderttausende gemeinnützige Jobs schaffen, und dafür sorgen, dass jeder einzelne Arbeitslose etwas Sinnvolles zu tun kriegt.

Kein Wunder, das die erste Geschichte die beliebtere ist.

 

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