2016 gingen viele Wünsche in Erfüllung. Aber nicht immer macht einen die Erfüllung aller Wünsche froh.

presse-kolumne

Dann sitzt man also unterm Weihnachtsbaum, und hat alles bekommen, das man sich gewünscht hat. Beim Auspacken erzeugt das noch tiefe Befriedigung. Ja, geschafft, genau das musste es sein! Aber es dauert meistens nicht lang, da schleicht sich ein schales Gefühl ein. Monatelange Vorfreude, solange gebangt, gehofft, ob sichs ausgeht – und dann krieg ich das hier, echt jetzt? Wie konnte ich mir bloß so sicher sein, dass mich genau das glücklich machen würde? In diesem turbulenten, verstörenden Jahr 2016 müssen viele Menschen so empfunden haben.

Unser Außenminister Sebastian Kurz zum Beispiel. Zwei Jahre ist es erst her, dass er sich ausdrücklich „mehr Willkommenskultur“ in Österreich gewünscht hat. Kurz ernannte erfolgreiche Einwanderer zu „Integrationsbotschaftern“, tourte mit ihnen durchs Land, und forderte von uns Bürgern, offener und wertschätzender auf jene Einwanderer zuzugehen, die sich bei uns eine neue Existenz aufbauen wollen. „Wir haben zu wenig Willkommenskultur“, formulierte er in mehreren großen Interviews, samt der ausdrücklichen Einladung: Er freue sich über „jeden, der sich entschließt, Österreicher zu werden“.

Und dann kam 2016, der Wunsch ging in Erfüllung, es kamen sehr viele, und Kurz wollte plötzlich nicht mehr dran erinnert werden, sich „Willkommenskultur“ gewünscht zu haben. Das Wort mutierte, mit seiner tatkräftigen Mithilfe, über Nacht zum Schimpfwort; Bürger, die offen und wertschätzend auf Einwanderer zugehen, mutierten über Nacht zu „naiven Gutmenschen“, und an der „schädlichen Einladungspolitik“ war plötzlich allein Angela Merkel Schuld.

Nicht viel anders ging es uns, den Feministinnen. Jahrezehntelang haben wir uns eine Gesellschaft gewünscht, in der Frauen endlich tun dürfen, was sie wollen. Wir wollten – und wollen immer noch -, dass sie sich aus den Rollenzwängen, die ihnen andere auferlegen, befreien. Wir wollten, dass ihnen niemand mehr vorschreiben kann, wie sie reden, sich bewegen, sich kleiden dürfen. Frauen sollten selbstbestimmt leben.

Und dann kam 2016, der Wunsch ging fast in Erfüllung, und da sind plötzlich so viele, die sagen: Wir wollen uns verhüllen! Wir wollen uns beschränken! Wir wollen gehorchen! Genau das ist unsere Art von Befreiung! Und wer seid ihr Feministinnen, dass ihr uns vorschreiben wollt, wie wir reden, uns bewegen, und wie wir uns kleiden sollen? Lasst uns doch endlich tun, was wir wollen!

Oder die Briten. Jahrzehntelang arbeiteten sie sich an der EU ab. Wollten die Bevormundung los sein, die lästigen Einmischungen vom Festland. Endlich wieder ganz allein sein können, mit den britischen Eigenheiten, britischer Größe und britischer Weltgewandtheit – das wäre schön!

Und dann kam 2106, der Wunsch ging in Erfüllung, die Briten sind die EU los, aber kaum dass sie noch richtig losgelassen haben, macht sich schon Phantomschmerz bemerkbar. An wem sollen wir uns denn jetzt abarbeiten? Wer wird einen denn jetzt mit Eimischungen belästigen, über die man sich immer so prächtig echauffieren kann? Wer dient uns denn jetzt als Sparringpartner, und wem geben wir in Hinkunft die Schuld an allem? Man kennt das von Scheidungen: Ist der Partner endgültig weg, ist auch niemand mehr da, dem man die eigenen Probleme umhängen kann.

Schließlich noch die vielen Wähler, die in diesem Jahr ihrer Wut Luft gemacht haben. Die sich, immer drängender, wünschten, dass „die da oben“ endlich abgestraft, gedemütigt werden und in die Knie gehen. Die vielen, die fest davon überzeugt sind, es könne „so nicht weitergehen“, und meinen, das System müsse endlich, endlich in sich zusammenkrachen, mit einem großen Knall.

Und dann kracht alles zusammen. Hat sich das jemand wirklich gewünscht?

P.S. Ich habe letzte Woche einen Fehler gemacht. Die Familienbeihilfe, die Österreich für im Ausland lebende Kinder zahlt, beträgt nicht 250 Millionen Euro pro Monat, sondern pro Jahr. Ich bitte um Entschuldigung und gelobe mehr Sorgfalt im kommenden Jahr.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.