Die Debatte um die 250 Millionen Familienbeihilfe, die ins Ausland fließen, wird falsch geführt.  Wir sollten weniger übers Geld reden, und mehr über die Kinder.

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250 Millionen Euro fließen jeden Monat aus Österreich ins Ausland. Menschen, die in Österrreich arbeiten, aber ihre Kinder daheim gelassen haben – beim anderen Elternteil, bei den Großeltern, bei Nachbarn – bekommen dieses Geld an Familienbeihilfe überwiesen.  Zwischen 110 und 160 Euro pro Kind, je nach Alter, jeden Monat – das ist viel in Ungarn, Rumänien oder in der Slowakei. Ein Vielfaches dessen, was das Kind im Nachbarhaus bekommt; obwohl beide in dieselbe Schule gehen, denselben Bus und denselben Spielplatz benützen, gleich viele Winterschuhe und Schulhefte brauchen. Die Familienministerin der Familienpartei ÖVP sagt: Das ist ein Problem. Wir müssen der einen slowakischen Familie etwas wegnehmen, ihr die Familienbeihilfe kürzen, damit es, der anderen slowakischen Familie gegenüber, gerechter wird.

Man kann dieselbe Sache anders sehen. Etwa so: Es ist doch gut, wenn ungarische, slowakische, rumänische Väter und Mütter, die bei uns in Österreich arbeiten, ihre Kinder daheim lassen; beim andern Elternteil, den Großeltern oder Nachbarn. Wenn wir verlangen, dass Kinder, für die österreichische Familienbeihilfe bezogen wird, tatsächlich in Österreich leben müssen – dann werden all diese Eltern nachrechnen und sofort tun, was für sie am vorteilhalftesten ist: nämlich ihre Kinder sofort hierher übersiedeln. Dann haben wir ein noch größeres Problem! Denn es gibt eh schon genug slowakische, ungarische und rumänische Kinder, die in Österreich wohnen, in die Schule gehen, unsere Busse und Spielplätze benützen. Jedes ausländische Kind, das hierhergeholt wird, wird uns jeden Monat noch wesentlich mehr kosten als die 150 Euro, die wir ihm derzeit ins Ausland schicken. Deswegen ist es für uns vor Vorteil, wenn alles so bleibt wie es ist. In dieser Art werden die meisten Einwände gegen das Vorhaben der Familienministerin formuliert.

Es gibt aber noch eine dritte Sichtweise, und man wundert sich, warum weder die Familienministerin noch irgendjemand anderer bei der Familienpartei ÖVP drauf gekommen ist, speziell in den Tagen vor Weihnachten. Sie lautet: Es ist grundsätzlich gut, wenn Familien zusammenleben. Arbeitsverhältnisse, die Familien dauerhaft auseinanderreißen, und Mütter und Väter monatelang von ihren Kindern fernhalten, sind grausam.

Sprechen wir einmal deutlich aus, von wem wir reden: Vom ungarischen Hilfsarbeiter, von der slowakischen Pflegerin. Sie schuften in Österreich zu Niedriglöhnen und unter Dauerstress, wohnen häufig den Großteil des Jahres unter unwürdigen Verhältnissen, strudeln sich beim Pendeln ab, zahlen, was ihre Beziehugen betrifft, einen hohen Preis. Sinn macht das bloß aus zwei Gründen: a) wegen des Lohngefälles in der EU, und b) weil der österreichische Staat die Niedriglöhne, via Kindergeld, auch noch subventioniert. Auf dass uns diese Verhältnisse möglichst lang erhalten bleiben.

Kurzsichtig gesehen, profitiert Österreich davon. Langfristig nicht. Langfristig gesehen, wäre es sinnvoller, genau diese Menschen, deren Qualifikationen hier ja offenbar dringend gebraucht werden, samt ihren Familien nach Österreich zu locken und an Österreich zu binden. Damit wir ihre hier erworbene Expertise, etwa in Pflegeberufen, dauerhaft nützen können. Damit sie ihr hart verdientes Geld nicht in Häuschen in sterbenden Landstrichen investieren, sondern dort, wo es eine ökonomische Perspektive gibt. Damit ihre Kinder ihnen nicht fremd werden, sondern am  Leben ihrer Eltern teilhaben. Damit sie hier, wo ihre Mütter und Väter Steuern, Pensionsbeiträge und Kammerumlage zahlen, in die Schule gehen, im Park spielen, die Sprache lernen, Beziehungen eingehen und Wurzeln schlagen.

Europäische Politik könnte zur Abwechslung nicht nur bei der Integration der Märkte, sondern bei der Integration der Familien helfen. Und die Familienministerin sich dran erinnern, was ihr Job ist.

 

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