Noch zehn Tage Einkaufen. Und so viele Fragen, die man dabei im Hinterkopf behalten muss, wenn man nicht ganz blind durchs Leben gehen will.

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Noch zehn Tage. Weihnachtslieder aus Kaufhauslautsprechern, Glitzerdeko, volle Parkplätze, Gedränge in der U-Bahn, alle Hände voll Sackerln, allen Punschständen erfolgreich ausgewichen, und wenn man endlich zu Hause ist, hat man doch wieder etwas von der im Kopf gespeicherten To-Do-Liste vergessen. Die Glühbirnen. Die Schokoglasur. Die Staubsaugerbeutel. Strumpfhosen für den Jüngsten. Kein Wein mehr im Haus. Kein Uhu-Stick. Keine Zahnpasta. Und der Fotokalender für Tante Herta!

So vieles, an das man gleichzeitig denken muss. Und es ist ja noch einiges an Hintergedanken dazugekommen in den vergangenen Jahren. Längst reicht es ja nicht mehr, das richtige Zeug heimzuschleppen. Man muss auch noch bedenken, wo es herkommt. In welchem Land, won wem, unter welchen Umständen wurde es hergestellt? Wie alt waren die flinken Finger, die den Teppich fürs Kinderzimmer geknüpft haben, ob das etwa ebenfalls Kinder waren? Ob die Zippverschlüsse des neuen Schianoraks heutzutage wohl in kambodschanischen Wellblechhütten in Heimarbeit eingenäht werden, so ähnlich wie vor hundert Jahren in Wien, als Frauen und Kinder daheim am Küchentisch Krägen im Akkord nähten? Oder passiert das heute eher in großen, dicht gedrängten Fabrikshallen, ohne Lärm- und Feuerschutz, ohne Fluchtwege und Evakuierungsplan, in Hallen wie jener in Bangladesh, die vor vier Jahren in der Vorweihnachszeit einstürzte und hunderte Menschen unter sich begrub?

Sind die Arbeiterinnen froh, wenn sie einen Job in einer Zulieferfabrik für H&M ergattern, können sie damit ihre Familien ernähren? Oder sind es Schuldknechte, die sich in 16-Stunden-Schichten abrackern, ohne jede Perspektive, sich jemals zu befreien? So groß dieser Unterschied wäre – aus Konsumentensicht ist er kaum ersichtlich. Am Preis lässt er sich nicht immer ablesen. Bei einem T-Shirt um fünf Euro, da kann logischerweise nicht viel ankommen im Herstellungsland. Aber 50 Euro für ein T-Shirt zu bezahlen, ist keine Garantie dafür, dass mehr bei der Näherin ankommt. Womöglich haben sich bloß noch mehr Marketingleute mit noch besseren Marketingkonzepten dazwischengeschaltet.

Und es ist ja nicht getan mit den Fragen nach der Herstellung. Es geht ja immer noch weiter. Aus welchen Rohstoffen ist das Zeug, das ich unter den Christbaum lege, denn gemacht? Wie viel Wasser wird verbraucht, wieviel Russ geht durch die Schlote, welches Gift wird dabei erzeugt, und wieviel davon wird einfach in den nächstgelegenen Fluss gekippt? Wer einmal die Bilder von den barfüßigen Männern, Frauen und Kindern im Kongo gesehen hat, die mit bloßen Händen Tantal, Zinn und Wolfram aus der Erde buddeln, unter der Aufsicht bewaffneter Sicherheitsleute – der kriegt sie so leicht nicht aus dem Kopf, oder? Doch, kriegt man leicht. In dem Moment, in dem das neue Handy ausgepackt, seine tausend Funktionen getestet und das erste Weihnachtsvideo gedreht wird, sind die Bilder schon wieder weg. Gibt ja so viele neue.

Dann gibt es noch Fragen, die weniger altruistisch sind. Etwa diese: Wer verdient an meinem Weihnachtseinkauf, in welchem Land werden diese Gewinne versteuert, wem kommen diese Steuergelder anschließend zugute, wer profitiert am Ende, wer zahlt die Rechnung? Aber spätestens zu diesem Zeitpunkt hat der Gedanke, Gewinne würden überhaupt irgendwo versteuert, alle Auskenner bereits zum Lachen gebracht. Steuern zahlen – das betrifft ja nur die Buchhandlung an der Ecke, das Kaffeehaus, Leute wie uns. Ist man groß genug und global unterwegs, geht einen das alles nichts mehr an.

Diese Fragen kämen uns schon ein bisschen näher. Träfen uns in unserem ökonomischen Eigeninteresse. Aber ist die Bescherung erst einmal vorbei, und alle sinken erschöpft, satt und beschwipst in die weichen Kissen zurück, kann man gar nicht so schnell „O Tannenbaum“ singen, wie man das Nachfragen wieder vergessen hat. Bis zum nächsten Weihnachten.

 

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