Die These von den hermetisch abgeschotteten Milieus in der Stadt und auf dem Land ist Unsinn. In der eigenen Familie kreuzen sich alle Wege.

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Julia verbringt, seit sie in Wien studiert, nicht mehr viel Zeit in ihrem steirischen Herkunftsort. Alle zwei, drei Monate kommt sie vorbei – wenn jemand einen runden Geburtstag feiert, zu Begräbnissen, und zwei Wochen im Sommer, wenn es im Garten viel zu tun gibt. Eltern, Großeltern und ein paar versprengte Verwandte wohnen noch in der Region. Aus Julias Generation hingegen kaum mehr jemand. Die Cousins und Cousinen haben auswärts Jobs gefunden, machen in verschiedenen Städten ihre Ausbildungen, oder sind irgendwo anders in Europa hängen geblieben. Zu Weihnachten sieht man einander. Man nennt den Ort immer noch „zu Hause“.

Opa Herbert kann nicht recht verstehen, warum Julia nach ein paar Tagen zu Hause stets kribbelig wird und wieder weg will. Es ist doch schön hier. Ein geräumiges Haus, viele ungenützte Zimmer, ein großer Garten, immer gutes Essen am Tisch, viel Platz, viel Ruhe. In Wien hingegen muss es ja ziemlich anstrengend sein, nach allem, was man liest. Eng ist es dort, dreckig, gefährlich, teuer, stressig, so viele Ausländer überall, dass man in der Straßenbahn kein Wort mehr versteht. Zumal Julias Studenten-WG mitten im 15. Bezirk liegt, angeblich eine besonders schlimme Gegend. Warum bloß hat sie es da immer so eilig, wieder nach Wien zu fahren?

Als junge Frau mit höherer Bildung, die in einem Ballungszentrum lebt, hat Julia am Sonntag mit hoher Wahrscheinlichkeit Alexander van der Bellen gewählt. Sie gehört zu jener Hälfte der Bevölkerung, die optimistisch in die Zukunft blickt und sich als Europäerin fühlt. Herbert hingegen, pensionierter Arbeiter in einer von Abwanderung gezeichneten Region, sympathisiert mit der FPÖ, und ist fest davon überzeugt, dass alles in Österreich – Politik, Kultur, Ordnung und menschliches Zusammenleben – den Bach runtergeht.

Man sagt heute gern: Die beiden leben in getrennten Blasen, mit diametral entgegengesetzten Sichtweisen auf unser Land, und zwischen diesen Blasen gebe es keinerlei Austausch, bloß Unverständnis und Feindseligkeit.

Doch das stimmt nicht. Julia mag ihren Großvater, und umgekehrt. Die beiden wissen genau, was den jeweils anderen kränkt, was ihn freut, und womit man einander necken kann. Wien ist nicht so schlimm, wie du denkst, Wien ist spannend, erzählt Julia zu Hause. Die Syrer in der Nachbarwohnung sind nette Leute, der 15. Bezirk ist super, Angst hab ich nie, und ein Leben ohne EU mag ich mir gar nicht mehr vorstellen. Und voll ist es in Wien halt, weil von überallher – auch von hier – immer mehr Menschen hinziehen. Es gibt dort halt unendlich viel mehr Möglichkeiten. Mach dir keine Sorgen um mich, ich werd meinen Platz schon finden; komm mich mal besuchen, dann zeig ich dir alles.

In hunderttausenden Familien im ganzen Land treffen die beiden angeblich so fremden Blasen so aufeinander, regelmäßig, bei jedem Geburtstagsfest wird geredet, gestritten, geseufzt. Vor dieser Bundespräsidentenwahl scheint das noch intensiver passiert zu sein als sonst. Gestiegene Wahlbeteiligung, die Mobilisierung von 170.000 Nichtwählern, Zugewinne in kleinen ländlichen Gemeinden: Es sieht ganz so aus, als hätten viele, viele Julias ihre Verwandten diesmal mit ihrem Zukunftsvertrauen angesteckt und zu den Wahlurnen gezerrt.

Ähnliches geschah 2008 in den USA, bei der Wahlbewegung für Barack Obama. Florida, wusste man, würde eine Schlüsselrolle spielen. Die Komödiantin Sarah Silverman machte deswegen einen Aufruf an ihre Altersgenossen: Setzt euch ins Flugzeug, besucht eure Großeltern in den Seniorenresidenzen, und überredet sie, trotz etwaiger Vorbehalte für Obama zu stimmen. „The Great Schlep“ nannte sie das auf jiddisch; „The Mini Schlep“ hieß die Minimalversion, bei der man mit den Großeltern bloß telefonierte. Obama gewann Florida schließlich mit 51:49 Prozent, die Wahlbeteiligung unter jüdischen Senioren war hoch wie selten zuvor.

Und bei uns funktioniert das auch.

 

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