Seit elf Jahren schreibe ich an dieser Stelle. Noch nie ist eine Kolumne ausgefallen. Ich verrate Ihnen hiermit, was ich mir vorgenommen habe. Nicht ganz uneingennützig natürlich.

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  1. Bedank dich. Also: Danke!
  2. Lies keine Postings. Mehrere Jahre lang hast du das jetzt schon durchgehalten, du schaffst noch eines.
  3. Erklär deinen Lesern, warum du keine Postings liest. Nun denn: Menschen, die Zeitung lesen und Menschen, die in Zeitungsforen ihre Kommentare posten, sind zwei sehr verschiedene Grundgesamtheiten. Erstere ist um ein Vielfaches größer und vielfältiger als letztere. Wenn man sich davon beeinflussen lässt, was letztere lesen will, verliert man das Gespür für erstere. Und das wäre schade. Denn ich vermute: Erstere will ihren Lesestoff gar nicht vorbestellen, sondern freut sich, wenn etwas Unerwartetes kommt.
  4. Antworte freundlich, wenn sich jemand die Mühe macht, ein persönliches Mail zu schreiben, samt Absender. Erfahrungsgemäß ist es nämlich so: Ganz groß ist der Zorn immer nur beim ersten Mail. Wer keine Antwort bekommt, wird dadurch noch zorniger. Wer hingegen weiß, dass sein Zorn zur Kenntnis genommen wird, kriegt sich im Tonfall meistens wieder ein. Mitunter entwickelt sich daraus – wie manche meiner Leser wissen – eine durchaus respektvolle Mailbeziehung.
  5. Bedanke dich ausdrücklich besonders bei jenen, die ihre Argumente konstruktiv formulieren. Speziell dann, wenn sie nicht deiner Meinung sind. Wir erobern uns so, miteinander, Zentimeter um Zentimeter, ein Territorium zurück, das „öffentlicher Diskurs“ heißt. Diese Kulturtechnik werden wir noch brauchen. Und man muss sie üben, sonst verlernt man sie.
  6. Lass dich nicht beschimpfen. Dafür wirst du nicht bezahlt.
  7. Lass keine Bösartigkeit rein. Nicht in deine Mailbox, nicht in deine Kolumnen, und nicht in deine Gedanken. Bösartigkeit ist Gift. Wo sie einmal eingesickert ist, dort wächst nichts mehr.
  8. Geh nicht in die Facebook-Falle. Natürlich findet es die Presse – wie jedes andere Medium – super, wenn sie in sozialen Medien Aufmerksamkeit erzeugt. Selbstverständlich ist diese Aufmerksamkeit auch für eine Autorin und deren Marktwert nützlich. Aber du weißt ja eh wie der Mechanismus funktioniert: maximalen Facebook-Beifall erzeugt man, indem man die richtigen Reizwörter verwendet, und indem man den richtigen Multiplikatoren gefällt. Das willst du nicht. (Das will auch hoffentlich die Presse nicht?)
  9. Trau allzu lautem Beifall nicht. Wenn sich niemand mehr widersprechen traut, stimmt was nicht.
  10. Lass dich von Buh-Rufen nicht einschüchtern. Wenn im Chor geschrien wird, sind meistens gut organisierte Interessengruppen am Werk.
  11. Rechthaben bringt einen sehr kurzen Moment der Genugtuung. Aber der Erkenntniswert ist minimal. „Ich habs immer schon gewusst“. „Ich habs ja von Anfang an gesagt“, „Gib zu, dass ich Recht hatte!“: Solche Kommentare sind nicht nur Gift für jede Liebesbeziehung. Sie machen auch Facebook unerträglich, und eine Zeitung ununteressant. Die Welt bloß noch nach Belegen für eine bereits gefasste Meinung abzusuchen, ist langweilig. Sich in solche Debatten verstricken zu lassen, ist vergeudete Lebensenergie.
  12. Setz dich aus. Geh mit offenen Augen durch den Alltag, auch dorthin, wo es wehtut. Such die Nähe jener, die dir von Problemen erzählen, die du noch nicht kanntest. Aber nur wenn sie dazu beitragen wollen, sie zu lösen, zu überwinden oder zumindest sie besser zu verstehen. Ansonsten: siehe 11.
  13. Geh keinen einfachen Erklärungen auf den Leim. Wenn verschiedenste Phänomene allesamt auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden (Ausländer, Zinsen, Politiker, Islam, EU, Kohlehydrate), ist eine Verschwörungstheorie am Werk.
  14. Geh aber auch keinen allzu komplizierten Erklärungen auf den Leim. Manche Dinge sind tatsächlich einfacher, als sie scheinen. Und werden bloß mit großem Aufwand absichtlich vernebelt, um Verwirrung zu stiften.
  15. Nimm deine Vorsätze wichtig. Aber nicht allzu sehr. Es geht immer auch anders.

 

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