Donald Trump ist nicht der erste Machthaber, den erratische persönliche Befindlichkeiten antreiben. Da hilft nur: Distanz halten, sich unabhängig machen, und auf sich selber schauen.

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Gundsätzlich kann man zwei Arten der Machtausübung unterscheiden: Die eine beruht auf abstrakten Regeln, die andere auf einer konkreten Person. Unternimmt man einen Streifzug durch die Geschichte, finden sich für beide Varianten unterschiedlichste Beispiele (ohne dass man die eine Variante prinzipiell als „besser“ bezeichnen könnte als die andere).

Macht, die sich an Regeln orientiert – das wären, in der sympathischsten Variante, die skandinavischen Demokratien. Dort identifiziert sich eine überwältigende Mehrheit der Bürger mit dem Staat und unterwirft sich bereitwillig seinen Regeln. Weniger groß ist die emotionale Identifikation etwa mit der EU. Doch auch hier speist sich die Macht nicht aus dem Willen eines Einzelnen, sondern aus einem komplizierten Verfahren, und heraus kommen am Ende Regeln, für sich kaum mehr ein Verantwortlicher identifizieren lässt. Auch autoritäre Systeme können bürokratisch funktionieren – erinnern wir uns nur an die verblichene Sowjetunion. Da versteckte sich die Macht, die das Leben ihrer Bürger bis in kleinste Details diktierte, hinter anonymen Amtsträgern; und wenn man die Untertanen quälen wollte, schickte man sie, samt ihren Bittgesuchen, jahrelang im Kreis, bis sie zermürbt waren. So ähnlich könnte das Untertanengefühl auch in historisch älteren Bürokratien gewesen sein – etwa im chinesischen Kaiserreich.

Religiös oder rassistisch inspirierte Gewaltsysteme operieren ebenfalls gern mit detallierten Regelkatalogen – denn die kommen ja angeblich von einer höheren Macht. Weiße im vorderen Teil des Busses, Schwarze im hinteren; Männer auf der linken Straßenseite, Frauen auf der rechten; und wer die Regel bricht, wird mit Peitschenhieben bestraft: So brutal solche Vorschriften sind, so eindeutig und berechenbar sind sie gleichzeitig. Wer sie verletzt, weiß, dass Strafe folgt. Der einzelne Wächter mit der Peitsche trägt dafür keine Verantwortung, er ist ja bloß der verlängerte Arm des Systems.

Die zweite Art der Machtausübung hingegen ist die persönliche. Charisma, Autorität – all das gibt es bekanntlich in der positiv/insprierenden Variante ebenso wie in der destruktiv/dämonischen. In beiden Fällen hängt das Wohl und Wehe der Untertanen von einem einzelnen Menschen ab, von seinem Charakter, seinen Vorlieben und Launen. Berechenbarkeit existiert nicht. Mal gilt dieses, ein andermal jenes. Hat der Machthaber grad einen guten oder einen schlechten Tag? Hat er heute gut geschafen, oder quälen ihn seine chronischen Magenschmerzen? Leben und Tod von Millionen Menschen können davon abhängen.

Vor allem aber verändert diese Art des Herrschens auch die Untertanen. Sie lernen, dass ihre eigenen Handlungen völlig irrelevant sind, und dass es sich gar nicht auszahlt, selbst Entscheidungen zu treffen. Stattdessen üben sie, sich in die Gemütszustände des Machthabers hineinzudenken, kleine Zeichen zu deuten, ein Zucken im Mundwinkel hier, eine wegwerfende Geste dort, und ihr Verhalten anzupassen. Menschen, die in gewalttätigen Beziehungen gefangen sind, kennen dieses Muster wahrscheinlich: Man weiß nie, was als nächstes kommt; aber man hat keine Chance, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Deswegen muss man den Partner jede Sekunde im Auge behalten, und erstarrt dabei selbst in Untätigkeit. Narzisstische Machthaber – seien sie Sonnenkönige oder Volkstribune – schöpfen daraus tiefe Befriedigung: Keiner tut mehr etwas, außer mir! Schaut mich an, und wartet, was mir als nächstes einfällt!

Es sieht ganz danach aus, als müsste Europa in den kommenden vier Jahren mit einem amerikanischen Machthaber der zweiten Sorte umgehen lernen. Politisch empfieht sich dabei wahrscheinlich etwas ähnliches wie in der Paartherapie: Je schneller wir es schaffen, nüchtern Distanz zu halten und unsere Angelegenheiten selber in die Hand zu nehmen – desto besser für uns.

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