Meine Rede zum Neujahrsempfang des Vorarlberger Referats für Frauen und Gleichstellung am 12.1. 2017 in Götzis

 

Es ist lang her, dass ich die Einladung zu diesem Vortrag bekommen habe. Neues Jahr, Winter in Vorarlberg, ein Land unter einer frischen Schneedecke: Da hätte ich gern flockig reden wollen. Anekdoten und Schwänke erzählen, über Männer und Frauen, Mars und Venus, und die vielfältigen Verstickungen, die sich aus ihrem Verhältnis häufig ergeben. Die aber dann doch meistens wieder irgendwie versöhnlich ausgehen.

Aber dann habe ich über dieses Jahr nachgedacht. Das Jahr, das mit Köln begann. Ein Jahr, in dem so viele Verwerfungen stattgefunden haben. In der uns so viele Klarheiten unter den Füßen weggebrochen sind; in dem die Krisen dieser Welt so nah an uns herangekommen sind wie schon lange nicht mehr; und in dem auch die Konflikte innerhalb unserer Gesellschaft so erbittert, so gehässig und so angstvoll ausgetragen wurden wie kaum jemals zuvor.

Da ist mir bewusstgeworden: Es ist in diesem Jahr um viel mehr gegangen als sonst.

Wir haben uns mit Krieg beschäftigen müssen. Mit tiefreichenden ökonomischen Krisen, für die es so schnell keine Lösung geben wird. Mit den Grundwerten der westlichen Demokratie; mit der Frage, was unsere Identität und unser westlich-liberales Lebensmodell ausmacht. Es ist um Menschenrechte gegangen, um Gewaltverbrechen, um Terrorismus, um Überwachung. Um die großen, existenziellen Fragen von Freiheit und Sicherheit.

Wir sind an Grenzen gegangen in diesem Jahr, und darüber möchte ich heute reden.

Ich möchte Ihnen dafür eine Frau vorstellen, die in diesem Jahr sehr wichtig für mich war: Meine neue Freundin Fatima.

Wie so viele Menschen in diesem Land, Sie vielleicht auch, habe ich in diesem Jahr neue Bekanntschaften gemacht. Bin in Welten eingetaucht, die mir bisher fremd waren. Das hat mit den Menschen zu tun, die wir „Flüchtlinge“ nennen, und die unseren Alltag ordentlich durcheinandergewirbelt haben.

Fatima also: Sie ist 35 Jahre alt, eine schöne Frau. Sie hat drei Kinder zwischen 4 und 8, sie kommt aus der syrischen Stadt Raqqa, wo heute das Hauptquartier des IS ist. Sie hat dort als Technikerin gearbeitet, bei der syrischen Telekom. Sie hatten dort ein großes Haus mit Garten, ein Auto, eine wohlhabende Mittelschichtfamilie.  Fatima ist eine gebildete, willensstarke, mutige Frau, selbstbewusst, und gleichzeitig sehr gläubig. Ihr Mann Mohammed nimmt das mit dem Glauben weit weniger ernst. Er hat einen guten Schmäh. Er ist ein liebevoller Vater. Wäre seine Frau nicht gar so streng, er tränke öfters gern ein Bier. Er braucht immer Leute um sich, er kann melancholisch werden. Die beiden halten zusammen, das kann man spüren, sie lieben einander sehr. Ich vermute, Sie kennen Vorarlberger Familien, die ählich sind.

Ich hingegen bin völlig anders als Fatima. Ich bin eine Frau, für die Religion noch nie eine Rolle im Leben gespielt hat. Krieg kenne ich zwar, allerdings nur aus dem Blickwinkel der Reporterin. Ich habe noch nie erlebt, wie es ist, wenn man Menschen, die mir nahestehen, öffentlich hinrichtet, auf dem Marktplatz. Ich habe auch noch nie erlebt, wie das ist: sein Haus zurückzulassen, samt allem was drinsteht, und mit drei kleinen Kindern bei hohem Wellengang in ein Schlauchboot zu steigen, obwohl ich selbst nicht schwimmen kann.

Ich kann schwimmen. Ich habe noch nie woanders bei Null neu anfangen müssen. Anders als Fatima, bin ich in einer westlichen Demokratie aufgewachsen, und ich bin Feministin.

Dennoch – ich mag Fatima sehr, wir sind ein bisschen zusammengewachsen. Ich habe viel Zeit mit ihr verbracht. Ich bin mit ihr durch Wien gegangen, auf Ämter, einkaufen, in Schulen, ins Schwimmbad, zur Polizei, zum AMS, auf die Uni. Immer wieder ging es dabei natürlich auch darum, wie sich Männer und Frauen verhalten. Und häufig fragte ich mich: Was sieht Fatima hier? Wie sieht sie mich? Wie stellt sich die Beziehung zwischen Männern und Frauen aus ihrer Sicht dar, die Österreichische Gesellschaft, die österreichische Genderpolitik, und wie die Gleichberechtigung im Alltag? Dadurch habe ich viele Situationen, die mir vorher selbstverständlich erschienen, erstmals durch fremde, durch ihre Augen gesehen. Und ich habe viele Argumente, die ich vorher mit „no na“ abgetan hätte, neu formulieren müssen.

Dabei ist mir vieles sehr viel klarer geworden. Wer sind wir? Wer behaupten wir, dass wir sind? Wer wollen wir sein?

Ich will das hier kurz durchdeklinieren, an drei Beispielen. (Und damit nicht alles, wie dieser Tage, von der Migrations-, von der Islam- und von der Kopftuch debatte verschluckt wird, muss unsere Fatima gar keine Syrerin sein. Sie könnte, zum Beispiel, auch von einem anderen Planeten kommen. Alien-Fatima quasi.)

Xxx

Stellen wir uns also vor, ich bin Fatima. Ich komme von einem anderen Planten, und fange in Österreich neu an. Deswegen gehe ich zum AMS. Dort sagt man mir heute: Du musst etwas lernen und eine Berufsausbildung machen, damit du Arbeit findest. Jeder Mensch in Österreich, ob Mann oder Frau, muss sich mit Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen. Es gibt keine Altervative zur eigenständigen Erwerbstätigkeit.

Nun komme ich, Alien-Fatima, aber vielleicht von einem eher konservativen Planeten, und frage schüchtern: „Aber ich bin doch eine Frau, ich bin verheiratet, ich habe Kinder! Ich bleib gern zu Hause. Mein Mann geht arbeiten, der kann das viel besser. Reicht das nicht?“ Da antwortet mir das österreichische AMS: Nein, das reicht nicht. Von einem Gehalt kann man in diesem Land nicht leben, nicht mal eine Wohnung kann man sich davon leisten. Du musst auf eigenen Beinen stehen, brauchst eine eigenständige Pensionsversicherung, du kannst dich nicht drauf verlassen, das deine Ehe ewig hält und dir dein Mann immer etwas zusteckt. Hausfrau zu sein, dich von einem Mann ernähren zu lassen ist ein hochriskantes Lebensmodell, vor dem man dringend warnen muss. Sich eine Hausfrau zu halten, ist ein Privatvergnügen, das sich allen falls Superreiche leisten können – aber man kann nicht erwarten, dass der Staat so etwas subventioniert.

„Aber wer kümmert sich um meine Kinder?“ fragt Alien-Fatima dann zaghaft. Das AMS antwortet darauf: Dein Mann kann das genauso gut wie du. Hier bei uns hacht man Halbe – halbe, in der Arbeitswelt und auch zu Hause. Hier hast du eine Liste mit Kinderbetreuungseinrichtungen! Je früher dein Kind in einen Kindergarten geht, desto mehr Chancen wird es später haben, und desto besser für uns alle. Ein Kindergarten ist nämlich eine ganz wichtige Bildungseinrichtung, das kann man gar nicht laut genug sagen.

Aha, denkt Fatima, das ist ja interessant. Ich hingegen denke mir: Seltsam. Als Feministin finde ich natürlich super, was den Neuankömmlingen hier gesagt wird. Aber klang das nicht eben noch ganz anders? Ich selber hab doch schon Vorträge gehalten, in Dörfern, und dort den Satz „Es gibt für Frauen keine Alternative zur eigenständigen Erwerbstätigkeit“ gesagt. Daraufhin brach meistens große Unruhe aus im Raum, Raunen, Getuschel, Kopfschütteln. Doch dort im Publikum saßen keine Aliens von fremden Planeten, sondern Frauenpolitikerinnen von FPÖ und ÖVP.

„Wahlfreiheit!“, sagte man doch noch vor kurzem. „Frauen sollen sich aussuchen können, ob sie zu Hause bleiben oder nicht! Hausfrauen leisten einen wichtigen Dienst an der Gemeinschaft, die Arbeit zu Hause ist immens wichtig, und braucht dringend öffentliche Ankerkennung! Wenn Frauen zu Hause bleiben wollen, gehört das staatlich gefördert, am besten sogar irgendwann mit einem Hausfrauengehalt, dieses Lebensmodell muss endlich wertgeschätzt und besser belohnt werden! Und überhaupt – mit einer Mutter, die nicht bei ihren Kindern bleibt, stimmt wahrscheinlich irgendetwas nicht. Kleine Kinder gehören zu ihrer Mutter, und dürfen nicht abgeschoben werden in seelenlose Aufbewahrungseinrichtungen, sonst tragen sie alle dauerhafte seelische Schäden davon.“

Ich vermute, es ist gar nicht so lang her, dass auch Sie in Vorarlberg solche Sätze gehört haben. Es scheint also: Da hat sich etwas radikal gedreht in unseren Prioritäten, um 180 Grad, auch und gerade in der ÖVP.

Und wäre uns das, in aller Deutlichkeit, ohne Fatima überhaupt aufgefallen?

Xxx

Zweites Beispiel.

Fatima hat sich, wie wir alle in diesem Jahr, natürlich sehr über die Ereignisse in Köln erschreckt. Aber sie hat mit Interesse aufgesogen, wie hierzulande über sexuelle Gewalt und Belästigung geredet wird. Sie hat sich gefragt, ob ihr Änliches wohl auch einmal passieren könnte – dass sie belästigt oder gegen ihren Willen bedrängt wird –  und war sich nicht sicher, ob man ihr in Österreich dann beisteht.

Aber selbstverständlich, daran besteht keine Sekunde Zweifel!, hat sie nun herausgehört. Hört man der Debatte des vergangenen Jahres zu, klingt es tatsächlich so, als sei die körperliche Integrität von Frauen, ihre sexuelle Selbstbestimmung, die Verteidigung ihrer Intimzone das wichtigste politische Thema überhaupt. Und als seien Polizei, Justiz, Behörden, Medien und öffentliche Einrichtungen zuvorderst dazu da, die selbstbestimmte Sexualität von Frauen zu schützen.

„Ist doch völlig klar“, tönt es: „Eine Frau soll sich jederzeit an jedem Ort aufhalten, sich bewegen, wie immer es ihr gefällt, und sie könnte das auch völlig nackt oder völlig verhüllt tun – niemandem gäbe das das Recht, ihr näherzutreten. Der öffentliche Raum gehört ihr! Anzügliche Bemerkungen sind eine Verletzung der weiblichen Freiheit, Grapschen ist ein schwerer Übergriff, sexuelle Gewalt ist eines der schrecklichsten Verbrechen überhaupt, und die hehrste Aufgabe von Politik besteht darin, Frauen davor zu bewahren, und alle Täter kompromisslos zu verfolgen.

Fatima findet das sehr beruhigend. Doch ich sage schon wieder: Nanu? Seit wann genau ist denn das so? Mir klingt es nämlich noch ganz anders im Ohr nach! Wurden Feministinnen, die über sexuelle Gewalt reden wollten, denn nicht eben noch als „lustfeindlich“, „verklemmt“ und „verhärmt“ verhöhnt, mit dem Unterton „die wäre ja froh, wenn endlich einer mal hingrapscht bei ihr?“ Wer hat denn vor ein paar Jahren noch gefordert, den Frauenhäusern die Subventionen zu kurzen, weil sie angeblich „familienzerstörend“ sind? (Es war die FPÖ.)

Wieviele Jahrhunderte ist denn die Diskussion um den sogenannten Pograpsch-Paragrafen her – und wieviele hochrangige Politiker, Kommentatoren, haben sie lächerlich gefunden? („Haben wir denn keine wichtigeren Sorgen?“, meinten damals fast alle.) Und wie hieß nochmal der Politiker, der sagte, man werde ja wohl noch hinlangen dürfen, um herauszufinden, ob der Popo hält, was er verspricht? Für welche Partei saß der im Parlament? Und ist diese Partei denn nicht immer noch in der Regierung? Und wie passt das alles zusammen?

Xxx

Drittes Beispiel, das das Paradox vielleicht endgültig enthüllt.

Unsere Fatima will ja in diesem Land dauerhaft Fuß fassen, deswegen geht sie in einen Integrationskurs. Dort will man ihr unsere „Leitkultur“ vermitteln, ihr beibringen, was unser westliches Lebensmodell ausmacht, und ihr sagen kann, woran sie sich gewöhnen und anpassen wird müssen, wenn sie hier glücklich werden will.

„Leitkultur“ – das ist, wie wir alle wissen, jedoch gar nicht so leicht zu definieren. Was macht uns denn so speziell, so besonders, was unterscheidet unser Lebensmodell von anderen? Was wird man da in einem Integrationskurs wohl lehren? Nun – die Mülltrennung fiele uns vielleicht als besonderes Kennzeichen unserer Gesellschaft ein ein. Das Schifahren. Aber dann wird die Aufzählung von Spezifika schon bald schwieriger, ehe uns etwas Entsheidendes einfällt: Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die ist ganz wichtig bei uns!

Tatsächlich: Dass wir das Patriarchat in unseren Gesetzen abgeschafft haben, dass wir Männern und Frauen in allen Bereichen gleiche Rechte und gleiche Pflichten geben, dass wir uns aus den Fesseln des Biologismus gelöst haben, der Männern und Frauen verschiedene Rollen und Verhaltensweisen zuweist – das ist eine wesentliche Errungenschaft unserer Zivilisation. Gleiche Teilhabe an Politik, Macht, Geld, Öffentlichkeit, gleiche Rechte und gleiche Chancen für alle – das ist genau jener Fortschritt, auf den wir stolz sind, den wir uns niemals wieder nehmen lassen. Und ein Fremder, der hier leben will, wird sich daran anpassen müssen, sonst wird das mit der Integration nicht funktionieren.

Super! sagt Fatima, hätte ich gar nicht gedacht, das die das hier so ernst nehmen! Super, sage auch ich als Feministin. Aber ich erinnere ich mich daran, dass auch diese Erkenntnis noch gar nicht so alt ist. Erinnern Sie sich, was eben noch los war, wegen der Töchter in der Bundeshymne? „Genderwahn!“ wurde geschrien, Shitstorms wurden losgetreten, wie eigentlich meistens, wenn man wieder einmal auf irgenwelche Ungerechtigkeiten hingewiesen hat.

„Müssen die Feministinnen denn immer so radikal sein?“, hieß es dann. „Die Natur kann man halt manchmal nicht ändern, und soll es auch gar nicht!“ Manderl und Weiberl müsse man auseinanderhalten können, sagte auch Volksmusikkünstler Gabalier unter lautem Beifall. (Finden diese Leute es dann eigentlich besonders gut, wenn man Manderl und Weiberl besonders gut unterscheiden kann, wenn die einen Kopftücher tragen? Oder ist dann genau das dann doch wieder nicht recht?)

Sie sehen: Es sind einige Fronten durcheinandergeraten in diesem Jahr, aber es hat sich, meiner Meinung nach, auch vieles neu zusammengesetzt, zu neuer Klarheit.

Und das ist die positive Erkenntnis aus dieser Krise: Dass sie uns dazu gezwungen hat, die Gleichberechtigung der Geschlechter endlich wirklich als das zu erkennen, was sie tatsächlich ist – nämlich als einen der tragenden Stützpfeiler unserer westlich-liberalen Gesellschaftsordnung. Sogar jene Rechtspopulisten, die das lang bestritten haben, habens es jetzt akzeptiert, zumindest vordergründig, und tragen das Bekenntnis zu Frauenrechten demonstrativ vor sich her. Ich habe für diese Spätberufenen den Namen „Völkische Neofeministen“ kreiert. Grundsätzlich ist es eine gute Nachricht, dass auch sie an Bord sind.

Xxx

Die Gleichberechtigung der Geschlechter galt ja bisher häufig als Luxusproblem. Als etwas, um das man sich kümmert, wenn man die wesentlichen, existenziellen Fragen des Lebens geklärt hat. Wenn man genug zu essen hat, ein Dach über dem Kopf hat, Arbeit hat, sicher ist. Wenn die Sättigungsbeilage gegessen ist, und man noch Lust hat, länger am Tisch sitzen zu bleiben, dann gibt’s sozusagen noch die Genderfragen als Nachspeise dazu.

Die Krise hat uns eines Besseren belehrt: Die Gleichberechtigung ist wichtiger denn je. Ohne sie geht es nicht. Was wir bloß noch lernen müssen – und da bin ich jetzt beim Titel meines Vortrags, mehr Mut! – ist, diese Erkenntnis auch selbstbewusster zu vertreten, gegen alle, die das Rad immer wieder zurückdrehen wollen.

Weil wir hier in Vorarlberg sind, und die Vorarlberger als besonders rational denkende Menschen bekannt sind, will ich das hier einmal ganz nüchtern ökonomisch durchargumentieren. Denn es ist ja keineswegs so, dass Frauen und Gleichstellungspolitik etwas kostet. Das Gegenteil ist wahr: Die Reste des Patriarchats kosten.

Nüchtern betrachtet, gibt es nämlich kaum etwas Unsinnigeres als Geschlechter-Rollen und Rollenklischees. Männern und Frauen ihren unterschiedlichen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen, ehe man sie nach ihren konkreten Talenten, Fähigkeiten und Interessen gefragt hat, ist eine Unsitte, die wir aus dem Feudalismus über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart mitgeschleppt haben. Die aber eine unglaubliche Vergeudung von Ressourcen bedeutet.

Die Unternehmen und die Forschung, aber auch die Politik zahlen täglich einen Preis. Dafür, dass sie ihre LeistungsträgerInnen, FunktionsträgerInnen, ChefInnen, BürgermeisterInnen nicht unter den besten Köpfen rekrutieren können – sondern bloß aus einer jener Schicht von (ziemlich vielen) Männern und (ziemlich wenigen) Frauen, die ihnen zu den gegenwärtigen Bedingungen zu Verfügung stehen. Die Bedingungen lauten: Permanente Verfügbarkeit, keine familiären Pflichten, kein Leben außerhalb der Arbeit.

Auch der Staat, die Gesellschaft insgesamt vergeudet Ressourcen:  Wenn ein Staat eine Hälfte seiner Bevölkerung, die Frauen nämlich, erst zu Physikerinnen, Informatikerinnen oder Therapeutinnen ausbildet, um sie später auf Teilzeitstellen aufs Abstellgleis zu schieben, und ihnen aufträgt, nachmittags die Hausübungen ihrer Kinder zu korrigieren, vergeudet er die Hälfte ihres Bildungsbudgets. Das wird sich nicht mehr lang ausgehen.

Gleichzeitig erzeugen wir riesige Verluste, indem Menschen durch einseitige Belastung unproduktiv werden. Die alle kennen Menschen, die in der Mitte ihres Lebens frustriert sind und in beruflichen Sackgassen stecken, weil sie ihre Berufsbiographien eher von Geschlechterklischees und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflussen ließen, anstatt von ihren ganz persönlichen individuellen Talenten.

Zum Beispiel fehlen uns in den Schulen, in den Kindergärten, den Sozialberufen, und auch in den Familien die Männer – samt aller Erfahrungen, Brüche und Zweifel, die sie aus vielen hundert Jahren Patriarchat mitbringen. Wir könnten dort viel lernen von ihnen. Auch hier liegt Potential brach – unnötigerweise. Ich halte das für eine gigantische Verschwendung.

Xx

Wir machen heute einen grundlegenden Fehler: Wir definieren leider immer noch viel zu häufig die Genderfrage als Frage, die vor allem Frauen angeht. Das wird sich nicht ausgehen.

Heute stellt sich Gleichberechtigung in etwa so dar: Die Männer tun, was sie immer schon getan haben. Die Frauen tun, was die Männer tun, und was Frauen früher getan haben, nur eben zusätzlich (und bisweilen sogar gleichzeitig). Frauen nennt man jetzt „Powerfrauen“ und „Alphamädchen“, sie sind Pilotinnen, Soldatinnen und vielleicht sogar Kanzlerin, und sie sind erschöpft. Denn die Zuständigkeit fürs Sorgen und Nähren, fürs Kümmern, Pflegen und Ausputzen klebt heute mit ähnlicher Selbstverständlichkeit an ihnen wie vor hundert Jahren. Und alle Konflikte, die sich aus der Kollision beider Sphären ergeben, sind per Definition Frauenprobleme.

Das hat es Männern leicht gemacht, so zu tun, als ginge sie die Gleichberechtigung der Geschlechter gar nichts an. Als sei Gleichberechtigung eine Sache, die sich Frauen untereinander ausmachen müssen. Als sei das eine Sportart, die unten im Frauenstadion stattfindet, und die Männer können oben auf den Rängen zuschauen, ohne eigene Beteiligung. Etwa so: Man schickt Frauen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen in den Ring, Glucken gegen Rabenmütter, brutale Karrieristinnen gegen schwurbelige Esoterikerinnen, klopft sich vor Vergnügen auf die Schenkel und delektiert sich daran, wie uneinig sie sind. Kinder oder nicht? Krippe oder Nanny? Vollzeitstress oder Teilzeitfalle? Was die sich alles an Problemen aufgehalst haben mit ihrer Selbstverwirklichung! Wie gut nur, dass uns solch „Gedöns” nichts angeht, wie Gerhard Schröder Frauenpolitik einst nannte!

So wird das nicht gehen. Es gibt einen besseren Weg. Einen, der viel zukunftsträchtiger, viel froher, und mit viel mehr Lebensqualität für alle Beteiligten verbunden ist. Er lautet: Männer endlich gleichberechtigt ernst zu nehmen – als Kümmerer, Nährer und Erzieher; bei all jenen reproduktiven Aufgaben, die bis jetzt Frauensache sind.

Wenn wir Gleichberechtigung wollen, müssen wir die Aufteilung in Haupternährer und Zuverdienerin aufbrechen. Jeder Mensch braucht Pausen, Auszeiten – auch Männer. Speziell wenn wir im Alter länger arbeiten sollen. Jeder Mensch braucht Teilzeitphasen – auch Männer, und nicht nur dann, wenn die Kinder klein sind, sondern über die gesamte Lebensarbeitszeit verteilt. Am angenehmsten werden 30-Stunden-Jobs-empfunden. Warum gibt es die kaum? 30 und 30 macht 60 Arbeitsstunden in der Woche. Warum kennen Sie so wenig Paare, die sich das so aufteilen – statt der üblichen 45 plus 15? Das Ergebnis ist ebenfalls 60.

Eine solche Aufteilung täte allen gut – dem Arbeitgeber, dem nicht ständig Frauen samt ihrer Expertise abhandenkommen, wenn sie jahrelang in Karenz gehen. Der auch nicht ständige Mann abhandenkommen, wegen Herzinfarkt oder wegen Burnout. Ist weniger riskant für eine Familie – wenn einer den Job verliert, kann der andere einspringen. Ist ökonomisch sinnvoller, weil beide ähnliche Gehaltsvorrückungen haben und die Schere in der Beziehung nicht auseinanderklafft.

Ist weniger riskant für die Beziehungen – weil man sich nicht völlig unverstanden fühlt, wenn der eine fertig von der Arbeit kommt, und der andre genervt von den hunderttausend Dingen daheim. Schafft Abwechslung. Und tut den Kindern gut. Zwei gleichberechtigte Bezugspersonen. Und wenn trotz allem alles schiefgeht – auch im Trennungsfall einfacher, weil beide schon beides können, das ist der gemeinsamen Obsorge einfacher funktionieren wird, und keiner den anderen aushalten muss.

Lieblingsprojekt: Vereinbarkeitsfrage radikal zur Männerfrage machen. Auf allen Ebenen, in der eigenen Beziehung, in der erweiterten Familie, im Betrieb, in der Schule, in der Nachbarschaft. Kann sehr lustig sein, und zweiteile mach Ichs selber: Männer ansprechen – wie machst du das eigentlich mit dem Abholen um drei? Politiker fragen, ob denn ihre Kinder nicht zu kurz kommen, und ob sie sich denn das zutrauen. Personen des öffentlichen Lebens fragen, wie sie das denn schaffen (Niki Lauda: “Die Birgit macht das ganz wunderbar”). Ich bin es nämlich leid, diese Fragen ständig beantworten zu müssen, wie man “als Mutter” dies oder jenes tut. Viel interessanter, zu erfahren, wie man das “als Vater” macht!

Es ist an der Zeit, dass sich männliche Arbeitnehmer und deren männliche Chefs gleichberechtigt Gedanken machen über Vereinbarkeitsfragen. Heißt es: “Deine Frau kriegt ein Kind”, oder “ihr kriegt ein Kind”? Ein schlichtes “Gratuliere!” reicht jedenfalls nicht mehr. Die nächste Frage an einem Mann muss sein: Und, wie stellst du dir das vor? Wie lang bleibst du weg? Wie machen wir das nachher? Diese Frage muss Routine werden, damit sich die Zuständigkeit beider Geschlechter als Normalität in den Köpfen festsetzt. Und wir brauchen in der Öffentlichkeit Rolle Models, die uns das vorführen, von Ministern angefangen.

“Geht halt nicht anders” würde als Ausrede nicht mehr akzeptiert. Auch daheim in der Beziehung nicht. Geht es wirklich nicht anders? Wie lange haben wir drüber nachgedacht, was alles ginge?

Vereinbarkeit zur Männertreu zu machen, wird ungeahnte Kreativität in den Betrieben freisetzen. Was wir dann erleben werden: Massive Änderungen in der Betriebskultur (Anwesenheitskult, Wochenendarbeit, späte Sitzungen am Abend). Werden sich neue Rituale und neue Hierarchien bilden, und man wird über andere Dinge sprechen der Kantine.

Wenn viele Männer in Teilzeit gehen, werden wir plötzlich erleben, dass man auch Führungspositionen sehr gut in Teilzeit leisten kann. Und wenn Männer sich Auszeiten nehmen, werden wir erleben, dass Auszeiten plötzlich nicht mehr als Aufstiegshindernis gesehen werden (“Die nimmt die Arbeit ja gar nicht ernst”), sondern, im Gegenteil als karrierefördernde Qualifikation (In der Auszeit erwirbt man Realitätsbezug, neue Blickwinkel, erschließt sich neue Dimensionen, lernt Multitasking und at sein Verantwortungsbewusstsein bewiesen). Wir werden erleben, dass es plötzlich viel stärkeren Druck gibt, Kindergärten länger offen zu halten und in den Schulen ein warmes Mittagessen anzubieten. Und wir werden erleben, wie die Wertschätzung für die Arbeit der Pädagogen und Pädagoginnen dort steigt.

Kann man das lernen? Kar kann man als lernen. Wenn es eine Lehre gibt aus mehreren Jahrzehnten Frauenbewegung, dann diese: Man kann eigentlich alles lernen: Auto fahren und Konzerne leiten, Mikrochips designen und Frühstücksflocken produzieren, Kriege führen und Staaten lenken.

Männer werden viel gelobt werden in dieser Übergangszeit, für alle die neuen Erfahrungen, die sie auf dem Terrain der Vereinbarkeit machen. Mehr gelobt werden, als wir je gelobt worden sind (wir haben das bei den Karenzvätern bereits beobachten können).

Das ist natürlich unfair. Aber da müssen wir durch. Ich würde sogar sagen: Diesen kleinen Triumph müssen wir den Männern gönnen, auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung.

Das ist natürlich ein bisschen viel verlangt – immerhin legt man Männern nahe, ein Arrangement in Frage zu stellen, dass ihnen bis dato satte materielle Vorteile bringt. Dass sie kurzfristig auf Privilegien verzichten müssen, ist sicher – und wer weiß, ob sich der langfristige Gewinn überhaupt materialisiert? Aber je länger die ökonomische Kris andauert, je tiefer sie hineinschneidet in unsere Gewissheiten, dato deutlicher wird: Auch Männer haben im Patriarchat nicht alles. Was Männer gewinnen können, ist eine neue, viel aufregendere, bisher unbekannte Vielfalt an Lebensentwürfen, Erfahrungen und möglichen Beziehungen. Beziehungen, die nicht auf Abhängigkeit basieren, sondern auf Augenhöhe stattfinden. Es ist richtig, dass man nie genau wissen kann, was nachkommt, wenn man die Sicherheit einer gut befestigten Geschlechterrolle aufgibt. Es ist eine lange Reise über unbekannte Gewässer, und es ist sehr wahrscheinlich, dass man bei einem derartigen Abenteuer mit Spott und Häme rechnen muss, mit Abwehr, Selbstzweifeln, Erschöpfung und einigen wilden Stürmen.

Aus Frauensicht kann man dazu nur sagen: Wir kennen die Gewässer schon. Ganz leicht ist es nicht, aber ist zu schaffen. Und lasst euch sagen: Es zahlt sich aus.

Übungen fürs neue Jahr. Vorhaben, an denen man ein bisschen trainieren kann.

Erstens: Immer nachzählen. Immer nachzählen. Immer nachrechnen nachmessen. Was die Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft, können wir uns auf unser Gleichgewichtsgefühl nicht verlassen. Vier Männer, zwei Frauen: So eine Runde kommt uns ausgewogen vor. Vier Frauen und zwei Männer: das kommt uns seltsam vor, da tun uns die Männer irgendwie leid. Auch Männer haben eine Gleichgewichtsstörung: 5050 empfinden sie als unerträgliche Benachteiligung, erst bei 70:30 entspannen sie sich. Wir sind die Schieflage über Jahrhunderte so sehr gewöhnt, dass sie uns, ohne konzentriertes Nachzählen, gar nicht auffallen würde.

Wir brauchen also eine Wasserwaage, um festzustellen, ob die Sache schief hängt. Das das gilt auch für den Staat- die Statistik ist unsere beste Freundin. Und es gilt für die private Partnerschaft – Sie kennen das, es kommt immer einem so Ort, als räume er immer den Geschirrspüler aus, und dem anderen ebenfalls. Da hilft nur nachzählen. Sonst bleibt, bei mindestens einem, ein permanentes ungutes Gefühl.

Zweitens: Immer misstrauisch werden, wenn jemand Frauen überhöht. „Ganz besonders wertschätzt“. Bewundert. Als „besonders schützenswert“ deklariert. (Berlusconi: die Frauen und „das weibliche Prinzip“ an und für sich angebetet). Überhöhung ist fast immer die andere Seite von Erniedrigung, Wer eine Frau zur Göttin macht, zur Statue, sie zum Zweck der Verheerung auf ein Podest stellt, macht man sie zu einem Ding. Kann wertvoll sein, bleibt aber doch ein Besitz. Eine Erwerbung, auf die man stolz ist (Strophe wie). Oder die man bewachen muss, damit sie einem niemand wegnimmt. (Nicht umsonst – gibt es in der muslimische n Literatur ein Bild, das von der Frau als Vase spricht, die nicht zerbrechen darf.)

Auch wenn es sich kurz gut anfühlen mag – auf einem Podest lebt es sich nicht gut. Man kann sich dort nicht bewegen, man kann dort nicht tanzen, und man kann tief herunterfallen.

Drittens: Klar sagen, was wir wollen. Klare Deals – gute Freunde.  Das gilt sowohl in der Arbeitswelt, als auch in der Politik als auch in der Partnerschaft. Wir kennen das doch: Er muss doch irgendwann merken, dass mir das nicht gefällt. Dem Chef wird doch irgendwann auffallen, fass ich es bin die den Laden zusammenhält. Er wird schon irgendwie spüren, was ich mag. Irgendwann werde ich belohnt werden dafür, dass ich mich jetzt so anstrenge. Der muss doch merken, wie wichtig ich bin. Sie ahnen es: Das wird nicht passieren. Wer nicht klar sagt, was er will, wird nicht bekommen.  Männer wissen das, die haben das geübt.

Viertes: Loslassen üben. Das ist schwerer, als man oft denkt. Die Kinder, die Verantwortung dafür, was sie anziehen, wenn man ein paar Tage nicht da ist, was sie zum Essen kriegen. Die Zuständigkeit für die Kontrolltermine beim Zahnarzt, für den Buchstabentag im Kindergarten, für das schluffet beim Sportfest. Das kann nur ich Das kann ich am besten. Die Kinder mögen das nur, wenn ich das mache. Ich bin unverzichtbar. Unersetzbar. Das ist ein sehr narzisstischer Reflex. Und einer, der Frauen gar nicht guttut, in vielen anderen Bereichen. Also: Loslassen üben. Vertrauen üben, dass das auch jemand anderer hinkriegt. Auch wenn jemand anderer es viele ich etwas anders macht als ich.

Fünftens: Die Tricks durchschauen, mit denen man Frauen zu verwirren versucht. Und abrinnen lassen. Es ist ja logisch, dass Veränderungen nicht ohne Widerstand passieren. Und dass man jene einzuschüchtern versucht, die den Kopf hinaustrecken. Das beginnt schon bei der Wortwahl. Sie kennen das alles, und man hat es jaul auch an Hillary Clinton beobachten können: Ein Mann, der sich reinhängt, ist zielstrebig. Eine Frau, die sich reinhängt, ist verbissen. Ein Mann ist leidenschaftlich, eine Frau ist hysterisch. Ein Mann ist nüchtern, eine Frau ist berechnend. Er ist temperamentvoll, sie ist instabil. Er ist professionell distanziert, sie ist eiskalt. Er ist ehrgeizig, sie ist überehrgeizig, ein Wort Fes für Frauen erfunden wurde. Eine Lehre aus Trump: Eine Frau darf dies und jenes nicht. Ein Mann darf fast alles, dann ist er originell und authentisch.

Das heiß, sechstens: man kann eh nicht recht machen, also kann Manz gleich so machen, wie man selbst es für richtig hält. Die Angst ablegen. Die Angst, sich unbeliebt zu werden. weniger geliebt zu werden. Das mächtigste Unterdrückungsinstrument über die Jahrhunderte, geschmiedet mit allergrößter Raffinesse, eine Urangst, die von Frau zu Frau quasi über die Generationen und durch die Jahrhunderte weitergegeben wird, und wir wirklich von Männern etwas lernen können.

Keine Angst – das ist es schließlich, was mich wieder an den Anfang, zu meiner Freundin Fatima zurückführt. diesmal die reale.

Ich habe in diesem Jahr viele relativiert, was ich vorher als „Problem“ wahrgenommen habe. Sie hat mich dran erinnert, wovor man wirklich Angst haben muss. Was wirklich ein Problem ist, im Gegensatz zu dem, was wir oft als solches bezeichnen. Ich bin mir, angesichts unserer Auseinandersetzung und unserer Beziehung, zwar umso sicherer geworden, dass Feminismus die Antwort auf sehr vieles erleichtert.

Aber ich bin, angesichts der existenziellen Krisen, die mir plötzlich sehr nahegekommen sin, ein bisschen dankbarer geworden. Ein bisschen nachsichtiger. ein bisschen gnädiger, mit anderen mit mir.

Und denk mir, vielleicht brauchen wir genau das auch manchmal.

 

 

 

 

 

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.