Ari Rath hat viel zu tun. 90 Jahre ist er alt, er geht langsam, doch gestern verbrachte er einen ganzen Schultag im Albertus-Magnus-Gymnasium in Wien-Währing und diskutierte mit Jugendlichen. Heute Nachmittag soll er einen Vortrag über die Wahl in Israel halten, morgen wird er im Burgtheater auf der Bühne sitzen. Und dann fliegt er nach Israel zur Parlamentswahl. Rath kommt zu spät ins Café Landtmann; es hat sich noch eine unerwartete Besprechung dazwischengeschoben. Als er das Haus verließ, begann es zu regnen. Und jetzt, wo er endlich im Kaffehaus sitzt und sein Frühstücksei köpft, fällt das Messer auf den Boden und ritzt auf dem Weg dorthin seine Hand blutig. »Kennen Sie das Murphey-Gesetz?«, fragt Ari Rath und lacht. Dann legt er los.

Gestern in der Schule sagten Sie oft den Satz: »Ich kann mich ganz genau erinnern.« Ist das manchmal ein Fluch?

Nein! Es ist ein Glück! Eine wichtige Gabe. Im Lauf der Jahre hat sich mein Gedächtnis sogar verschärft. Weil ich sehr zeitig angefangen habe, Zeitungen zu lesen, schon mit sieben Jahren. Es ist ein großer Schatz.

Sie haben immer parallel abgespeichert, was gerade auf der Welt und in ihrer eigenen Biografie passierte?

Genau. In jeder Phase. So hat sich mein Leben für immer mit den politischen Ereignissen verbunden, den guten genauso wie den schlechten.

Aber Sie leben in Israel – wo die vielen Erinnerungen an die vielen Konflikte Isaraelis und Palästinenser davon abhalten, halbwegs normal miteinander auszukommen. Wünscht man sich da nicht manchmal, man könnte durch Zauberei alles vergessen, was war, und neu anfangen?

Im Gegenteil. Man soll sich erinnern! Wenn man so lange Krieg geführt hat, ist genau das die richtige Motivation, endlich einen Ausgleich zu finden. Man muss sich an die Grausamkeiten erinnern, dann will man eher Frieden machen. Man darf nicht vergessen. Das habe ich gestern auch den Schülern gesagt.

Erinnern kann doch auch eine Qual sein.

Nein. Eine Qual ist, sich nicht erinnern zu wollen. Verdrängen nennt man das. Das braucht viel Kraft. Die Shoah versuchten sowohl die Täter als auch die Opfer jahrzehntelang zu verdrängen. In Israel gibt es hunderttausende Holocaust-Überlebende, aber erst jetzt, in der dritten Generation, sind es die Enkelkinder, die nachfragen. Die von den Großeltern wissen wollen, wie es war, und nach Auschwitz fahren.

Ist es nicht ein Unterschied, ob Opfer schweigen oder ob Täter schweigen?

Ein großer Unterschied. Aber das Syndrom der Verdrängung ist wahrscheinlich ziemlich ähnlich.

Interessant, dass Sie das so formulieren. In dieser Gesprächsreihe hat das auch eine Psychiaterin gesagt, die sich mit Gewalttätern beschäftigt. Sie sagt: Auch ein Täter kann durch seine eigene Tat traumatisiert sein. Das sei keine moralische Wertung, sondern ein neutraler medizinischer Begriff.

Das scheint mir einleuchtend. Es gibt ja auch das Stockholm-Syndrom. Durch ein Verbrechen entsteht eine Verbindung zwischen Opfer und Täter.

Wenn man in Österreich sagt: »Ich erinnere mich«, dann macht man sich nicht viele Freunde.

Nein. Hier verdrängt man immer noch. Ich begegene dem jeden Tag wieder. Auch in der Schule gestern hat eine Schülerin gesagt: Mein Großvater war ein Nazi, aber er wollte nie darüber sprechen. Viele sagen: Schluss, jetzt ist es genug.

Deswegen wollte man nicht, dass die überlebenden Juden zurückkehren?

So ist es.

Weil Sie sich an Taten und Täter erinnern konnten?

Ich glaube, es hatte eher pragmatische, materialistische Gründe. Man wollte uns Vertriebenen die Wohnungen und ihr Vermögen nicht zurückgeben. Es gibt dieses berühmte Zitat aus dem Ministerrat vom 9. November 1948. Am Abend war eine Feier zum Gedenken an das Novemberpogrom, das man damals noch »Kristallnacht« nannte. Ich war damals in Wien. Es steht mir noch vor Augen, wie ich im Musikvereinssaal saß, und Kanzler Figl wendet sich an die österreichischen Juden und sagt, sie mögen zurückkehren und helfen, Österreich wieder aufzubauen. Das war ein reines Lippenbekenntnis. Denn beim Ministerrat nur wenige Stunden zuvor, wo die Entschädigung und mögliche Rückkehr der österreichichen Juden auf der Tagesordnung stand, sagte Innenminister Helmer von der SPÖ: »Man hört immer wieder von jüdischen Ausbreitungen. Auch die Nazis haben im Mai 1945 sehr viel verloren. Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen.« Man wollte uns wirklich nicht zurückhaben.

Ari Rath wurde 1925 in Wien geboren. Sein Vater führte eine der größten Papiergroßhandlungen, bestellte immer Papierballen in Waggonen bei der Steyrmühl-Fabrik. die Familie wohnte, wie viele bürgerliche Wiener Juden, im neunten Bezirk, in der Porzellangasse 50. Kurz nach dem »Anschluss« wurde der Vater verhaftet und nach Dachau gebracht. Die Familie schaffte es, Visa für Amerika zu bekommen, doch Ari, damals 13, und sein drei Jahre älterer Bruder Max wollten unbedingt nach Palästina. Sie ergatterten Plätze auf dem italienischen Passagierschiff Galilea, das in Triest in See stach.

Was war Ihr erster Eindruck von Israel?

Dramatisch. Ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Es war November 1938, wir kamen im Hafen von Haifa an und mussten sofort in vergitterte Busse steigen. Wir wurden mit britischem Polizeigeleit durch die arabischen Statteile und Vororte von Haifa gebracht, um an den Ort zu kommen, wo unser Jugendheim war.

Sie haben geglaubt, Sie fahren in die Freiheit?

Man hat uns erzählt, wie die Pioniere die Sümpfe trocknen. Aber niemand hat uns darauf vorbereitet, dass es damals schon Krieg gab, Kämpfe zwischen Arabern und Juden und den Engländern, die einmal aufseiten der Araber waren und einmal aufseiten der Juden. Wir kamen in ein zerrissenes Land.

Sie wollten ein sicheres Land für das jüdische Volk aufbauen, es fruchtbar machen …

Das entsprang tiefster Überzeugung. Im Rückblick muss man wahrscheinlich sagen: Wir haben zu wenig darüber nachgedacht, dass auf dem Land vorher jemand anderer war. Man hatte das Land reichen arabischen Effendis abgekauft, aber es wurde von arabischen Bauern bearbeitet. Das war uns damals nicht so bewusst.

Wie nah waren Ihnen die Araber?

Im Jugendheim gab es Gemüsefelder, wo wir jeden Tag arbeiteten, einen Wachturm und ein paar Kilometer entfernt eine große arabische Stadt, Sch’faram, mit vielen drusischen Einwohnern. Wir wussten: Dort ist die Grenze. Man hat Wache gehalten, und wir haben gelernt, wie man mit einem Gewehr umgeht. Illegal natürlich, damit es die Engländer nicht mitbekommen.

Sie haben damals körperlich hart gerbeitet?

Ja. Mit großem Stolz. Auch Senkgruben geleert. Man muss alles bewässern, weil es zwischen Mai und Oktober fast keinen Tropfen Regen gibt. Ich war stolz darauf, der Erste in meiner Gruppe zu sein, der gelernt hat, wie man Kühe melkt.

Man weiß, man kann überleben, wenn man solche Dinge beherrscht?

Es war eine neue Lebenserfahrung. Ich habe uns später einmal mit kleinen Pflanzen verglichen, mit Setzlingen in einem Glashaus. Es kommt der Tag, wo man aus dem geschützten Beet in festen Boden draußen umgepflanzt wird. Man muss besonders starke Wurzeln haben, um zu überleben.

Manche macht das auch kaputt.

Ich kann Ihnen sagen: Wir waren im Kibbuz eine größere Gruppe von Jugendlichen und hatten mindestens drei Fälle von Schizophrenie. Mein guter Freund Mordi war aus Mährisch Ostrau, wir haben zusammen im Kuhstall gearbeitet. Eines Tages will er plötzlich Dreschmaschinen und Traktoren kaufen und dringende Sitzungen einberufen und Briefe schreiben an Roosevelt, Churchill und Stalin. Ich merke, er braucht dringend Hilfe, und bringe ihn zu Professor Fleischmann, einem Psychiater. Der sagt uns: »Der Mordi ist ein Grenzfall. Ich könnte ihn in die Anstalt einweisen. Aber wenn ihr bereit seid, Zeit mit ihm zu verbringen, könnte er da wieder herausfinden.« Wir sind also zu ihm ins Zimmer gezogen, haben uns gekümmert, weiter mit ihm im Kuhstall gearbeitet. Und er hat wieder herausgefunden. Wir haben dem Mordi das Leben gerettet. Wir haben noch lange mit ihm Bridge gespielt. Wenn ich heute den Kibbuz besuche, besuche ich auch den Mordi.

Woran Sie sich in Israel nicht mehr erinnern wollten, war die deutsche Sprache.

Wir haben in der Familie nie etwas anderes gesprochen als Hochdeutsch. Aber einen Monat nachdem mein Bruder Maxi und ich vom Schiff gestiegen waren, hörten wir damit auf. Dezember 1938 war es, wir trafen uns in Haifa, es gibt ein Foto davon, da waren alle meine Finger voll mit Pflastern von der harten Arbeit. Damals beschlossen wir beide, ab sofort nur noch Hebräisch miteinander zu sprechen, obwohl unser Wortschatz noch ziemlich beschränkt war. Das haben wir durchgehalten, bis zuletzt, bis zu seinem Tod vor einem Jahr. Am Abend, bevor Maxi gestorben ist, haben wir noch miteinander telefoniert, auf Hebräisch selbstverständlich.

Den Rest Ihrer Familie haben Sie erst nach dem Krieg wiedergetroffen, in New York.

Ja, im Dezember 1946. Ich fuhr auf einem ehemaligen Truppentransportschiff, der Marine Cart. Ich hatte beschlossen, persönlich die Statue of Liberty zu begrüßen, und stand deswegen in der Eiskälte eine dreiviertel Stunde an Deck, als Resultat bin ich mit hohem Fieber angekommen. Ich hatte eine Schwester, die Henny, die war noch ein Baby, nicht einmal zwei Jahre alt, als wir aus Wien weggingen. Jetzt war sie zehn. Und als wir am Pier 84 ankommen, läuft auf einmal ein Mädchen auf mich zu. Das war meine Schwester, die hatte mich von Fotos erkannt.

Aber auch in dieser Situation sprachen Sie nicht Deutsch.

Ja. Das lag an meinem Vater, auch der wollte instinktiv nicht mehr Deutsch reden. Aber Englisch ging nicht, das konnte ich noch nicht gut genug. Da hat er sich spontan dazu entschlossen zu jiddeln, so ein Mischmasch aus Deutsch und Jiddisch, obwohl wir Jiddisch nur vom Hören kannten, von unserer Omama Frimtsche. Viel später, als mein Vater die letzten Monate seines Lebens bei mir in Israel verbrachte, sprachen wir nur Englisch miteinander.

Haben Sie Deutsch in Israel ohnehin nicht mehr gebraucht?

In den ersten Jahren hatte ich sehr wenig Kontakt mit Österreichern. Ich habe mir Deutsch erst wieder angelernt, als ich öfter im deutschen Fernsehen eingeladen war. Vor genau 50 Jahren eröffneten Israel und die BRD erstmals diplomatische Beziehungen. Ich kann mich erinnern, wie sich der Presseattaché bei seinem Antrittsbesuch abgemüht hat auf Englisch und ich sagte: Wir können ruhig Deutsch miteinander reden.

Ein Beweis dafür, dass man gar nicht vergessen kann, selbst wenn man will.

Das Gehirn ist der unglaublichste Computer, den man sich vorstellen kann.

Nach einigen Jahren im Kibbuz wurde Ari Rath Journalist bei der »Jerusalem Post« und stieg 1975 zum Chefredakteur auf. Im Sechstagekrieg und im Yom-Kippur-Krieg war er Soldat. Als Reporter – und zeitweise auch als Berater des Staatsgründers David Ben-Gurion – war er in allen wichtigen Phasen der Nahostpolitik dabei. Politisch war Rath stets im linksliberalen Lager zu Hause und auf der Seite des Ausgleichs mit den Palästinensern. »Weil jede Stimme gegen Netanjahu zählt«, fuhr er Mitte März eigens zur Wahl nach Israel.

Dass Sie ein Vertriebener sind, ist eine Erfahrung, die Sie mit den Palästinensern teilen.

Ja. Wir sind ein ganzes Volk von Flüchtlingen. Durch diese bald 48 Jahre als Besatzungsmacht in den Palästinensergebieten sind wir ein Herrenvolk geworden. Das finde ich fürchterlich.

Die Vertreibungserfahrung ist etwas, wo man ansetzen könnte, wenn man politisch etwas Verbindendes mit den Palästinensern sucht.

Wenn man will, ja.

Wenn man lebt, erlebt man etwas, haben Sie einmal gesagt.

Man hat einen Film mit mir gemacht, kurz vor meinem 80. Geburtstag, da war das sogar der Titel.

Sie haben als Journalist viele wichtige Menschen aus der Nähe kennengelernt. Darf ich Ihnen Namen nennen, und Sie erinnern sich an Momente, die sich Ihnen eingeprägt haben?

Wird das so eine Art Quiz?

Bei Ben-Gurion wird Ihnen das nicht schwerfallen.

Es gibt ein Foto von uns beiden, aufgenommen von einem seiner Sicherheitsleute in Sde Boker, einige Monate nachdem seine Frau Pola starb. Wir gingen zufällig an Polas Zimmer vorbei, und er sagte: Ich kann mich noch nicht daran gewöhnen, dass sie tot ist. Das Gespräch war sehr persönlich. Er fragte mich: Du bist doch auch nicht in Israel geboren, wie kamst du hierher? Ich erzählte. Und er sagte: Was, ganz allein warst du mit 13 Jahren? Ich kam allein mit 19 Jahren, und das war so schwierig! So einsam habe ich mich gefühlt, so sehr habe mich nach meinem Vater gesehnt! Ben Gurion konnte sehr menschlich sein, obwohl man das oft nicht vermutete.

Der nächste Name: Adolf Eichmann. Sie waren wahrscheinlich beim Prozess in Jerusalem dabei.

Ja. Am ersten Tag, da stand er im Gerichtssaal, mittelgroß, schwarzer Anzug, Hornbrille, weißes Hemd, dunkle Krawatte. Er war in einem kugelsicheren Käfig, denn die israelischen Behörden befüchteten, dass Holocaust-Opfer sich an ihm rächen. Ich bin als Pressevertreter vielleicht vier, fünf Meter neben ihm gesessen. Das war das erste Mal, dass ich ihn wiedersah nach dem August ’38.

Was war im August 1938?

Da leitete Eichmann die Zentralstelle für jüdische Auswanderung im Palais Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße gegenüber dem Belvedere, dort, wo heute die Arbeiterkammer ist. Eichmann hatte das sehr gut organisiert: ein großer Saal mit vielen Tischen für die verschiedenen Ämter, Finanzamt, Reichsfluchtsteuerstelle, Gesundheitsamt, jeweils mit einem Beamten. Und am Schluss stand ich mit zitternden Knien vor ihm, vor Eichmann, und bekam von ihm meinen gültigen deutschen Reisepass ausgehändigt mit einem roten J darin für Jude.

Er persönlich hat Ihnen den Pass gegeben, mit dem Sie nach Israel fliehen konnten?

Ja, er musste ihn bestätigen. Dass Eichmann die Juden so schnell loswerden wollte, ist der Grund dafür, dass relativ viele Wiener Juden die Shoah überlebten. Damals war er der gefürchtete SS-Offizier, und jetzt, im Gerichtssaal, saß ich neben ihm.

Wie hat er sich im Prozess benommen?

Alle drei Richter, auch der Vorsitzende, waren deutsche Juden, die noch in Deutschland vor der Nazizeit Jus studiert hatten. Aber der Prozess wurde natürlich auf Hebräisch geführt, mit einem offiziellen israelischen Dolmetscher. Als man ihm die Anklage vorlas, ist Eichmann häufig aufgestanden. »Im Sinne der Anklage – nicht schuldig! Im Sinne der Anklage – nicht schuldig!«, rief er.

Es klingt, als habe er da noch im Befehlston gesprochen.

Ja.

Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Dass ich riesiges Glück hatte, rechtzeitig aus Wien wegzukommen.

Ein anderer Name – Bruno Kreisky.

Den habe ich etliche Male getroffen. Das letzte Mal ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Da war er schon lange nicht mehr im Amt. Es war 1984, kurz nach seiner Nierentransplantation, bei ihm zu Hause in der Wohnung. Er saß im Wohnzimmer, in einem blauen Trainingsanzug, ganz blass war er, mit seinem rötlichen Bart, und ich dachte mir: Jetzt schaut er wie ein alter frommer Jude aus. Wie ein alter Rabbi.

Was denken Sie rückblickend über seine Amtszeit?

Er war ein besonderer Mensch. Seiner Zeit voraus. In seinen Memoiren beschreibt er, wie er als Parteivorsitzender kandidieren sollte und sagte: Ich mit meiner jüdischen Herkunft könnte in einem Land wie Österreich mit seinen starken antisemitischen Tendenzen nie die Nummer eins sein, sondern immer nur die Nummer zwei. Sie haben ihn trotzem aufgestellt, er wurde die Nummer eins, und der Rest ist Geschichte.

Er hat Friedrich Peter zum Vizekanzler gemacht …

Der Karl Lueger hat gesagt: Wer ein Jud’ ist, bestimme ich. Der Kreisky hat gesagt: Wer ein Nazi ist, bestimme ich. Er hat sich, ganz richtig, überlegt: Wie kann ich ein Land regieren, in dem die Hälfte der Bevölkerung entweder aktive Nazis oder Mitäufer waren? Er hat das als großen Versöhnungsakt gesehen. Im Rückblick glaube ich heute allerdings, die Kreisky-Ära war wohl einer der Hauptgründe, warum Österreich so spät begonnen hat, sich mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Erst 41 Jahre nach Kriegsende, erst mit der Waldheim-Affäre.

Jetzt haben Sie selbst Waldheim erwähnt. Auch mit dem hatten Sie eine bemerkenswerte Begegnung.

Ja. Im September 1986 war ich nach Wien eingeladen unter dem Motto »Wien ist anders«. Leon Zelman hat gesagt, gehen wir ins Akademietheater. Es war das erste Mal, dass der Herr Karl vom Erwin Steinhauer gespielt wurde. Der Qualtinger hätte ihm eigentlich die Staffel übergeben sollen, aber er war kurz zuvor an Leberzirrhose gestorben. Also, nachher stehen wir vor dem Theater, und Leon Zelman stellt mir einen Herrn vor mit den Worten: Nimm ihm nicht übel, dass er der Sprecher vom Waldheim ist. Und der hat mich dann gleich in die Hofburg eingeladen.

Das war das berühmte Treffen, wo Sie Waldheim beraten haben, wie er aus seiner internationalen Isolation herauskommen könnte?

Ja. Mein Vorschlag war: Er könnte zum Nationalfeiertag eine große Fernsehansprache halten, wo er sich entschuldigt und klar zur Mitschuld Österreichs bekennt. Aber das hat er nicht getan.

Was dachten Sie über ihn, als Sie neben ihm saßen?

Ein Feigling und ein Lügner. So habe ich das empfunden. Er hat ja bis zuletzt nichts bereut. Lange nach seinem Rücktritt gab es noch sein Buch »Die Antwort«, das wurde in der Säulenhalle im Parlament präsentiert, und da sagte Waldheim: »Ich musste das schreiben gegen die Leute an der Ostküste, die die Medien kontrollieren.« Es war ganz klar, dass er die Juden meint.

Waldheim war der Prototyp dessen, der sich nicht erinnern wollte.

Ha! Ich erinnere mich eben, dass es noch eine 30 Sekunden lange Begegnung gab bei einer Veranstaltung in der Hofburg. Man führt mich vorbei an der ersten Reihe, dort sitzt er neben der Witwe vom Kirchschläger, und ich sage: »Können Sie sich erinnern? Wir saßen 1986 hier um die Ecke und haben besprochen, was Sie am Nationalfeiertag sagen könnten. Hätten Sie das damals gemacht, wäre alles vorbei gewesen.« Da schaut er mich an und sagt: »Sie haben ein gutes Gedächtnis. Sie haben ein gutes Gedächtnis.« Also: An mich zumindest hat er sich genau erinnern können.

Seit einem Jahr läuft im Burgtheater das aufsehenerregende Stück »Die letzten Zeugen«, ein Projekt des Historikers Doron Rabinovici gemeinsam mit dem inzwischen entlassenen Theaterdirektor Matthias Hartmann. Ari Rath sitzt hier gemeinsam mit fünf anderen Zeitzeugen auf der Bühne: Rudolf Gelbard (84), Lucia Heilman (85), Vilma Neuwirth (86), Shoshana Rabinovici (82), Marko Feingold, der Älteste, ist mittlerweile 101 Jahre alt. Ursprünglich auf fünf Vorstellungen angelegt, hat die Truppe bisher 23 Aufführungen absolviert, inklusive Gastspielen in Berlin, Hamburg, Dresden und Frankfurt. Es ist ein Stück über ihre Erinnerungen an die Nazizeit. Jedes Mal gibt es Standing Ovations und nachher aufwühlende Gespräche mit dem Publikum. Das Stück – und sein Buch „Ari heißt Löwe“ – waren für Ari Rath der Anlass, sich Wien wieder anzunähern und hier mehr Zeit zu verbringen. Inzwischen hat er hier sogar einen Zweitwohnsitz.

Zehn Jahre nach Ihrer Flucht 1938 kamen sie erstmals wieder nach Wien. Was war Ihr erster Eindruck?

Friedhof. Es war Ende Oktober ’48, ich bin am Westbahnhof angekommen. Es sah genauso aus wie die erste Szene im »Dritten Mann«: Alles lag in Schutt und Asche, nur ein paar Hütten standen auf dem riesigen leeren Platz. Ich wohnte hinter der Votivkirche und ging gleich meinen alten Schulweg vom Wasagymnasium über die Liechtensteinstraße und den Bauernfeldplatz bis zur Porzellangasse. Es war für mich, wie über einen Friedhof zu gehen. Es war dort zwar nicht viel zerstört, aber sämtliche jüdischen Geschäftsnamen waren weg.

Dann kamen Sie zu Ihrem ehemaligen Wohnhaus, Porzellangasse 50 …

Ja. Der Sohn des Hausmeister Wraneschitz erkannte mich sofort. Ich fragte ihn nach der Familie Pech, die unter uns im Mezzanin gewohnt hatte. Walter Pech war mein Freund, bis er zur HJ ging. Auch Frau Pech erkannte mich sofort. Sie war gerade zurück von ihrem Besuch bei den Soldatengräbern in der Normandie, wo ihr Sohn Walter gefallen war. Ich saß lange bei ihr, wir tranken Kaffee, sie zeigte mir Fotos von ihrem Walter bei der Kavallerie. Ich habe sehr mit ihr mitgefühlt als Mutter, die ihren einzigen Sohn verloren hat. In dem Moment dachte ich gar nicht daran, dass er bei der Wehrmacht war. Nachher begleitete sie mich zur Tür. Gegenüber hatte eine jüdische Familie gewohnt, die Familie Biener. Ich schaute zum Türschild, darauf stand jetzt »Pech«. Frau Pech erschrak und sagte sofort: »Ari, wenn die zurückkommen, natürlich kriegen die sofort ihre Wohnung zurück!«

Und?

Die Pechs haben dort noch viele Jahre lang ihre Schneiderwerkstatt betrieben.

Und die Familie Biener?

Kam nie zurück.

Und niemand hat etwas zurückbekommen?

Nicht, dass ich wüsste.

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2 Responses to Reden wir übers Erinnern!

  1. Gabriele madeja sagt:

    Ein hervorragendes gespräch, so persönlich! Grossartige erinnerung an einen grossen menschen!

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