Meine Rede zum 15jährigen Bestehen des Instituts für Journalismus und Public Relations in Graz

Seit 15 Jahren gibt es dieses Institut. Seit 15 Jahren fangen immer wieder junge Leute an, hier zu studieren. Halten störrisch an der Idee fest, „etwas mit Medien“ zu machen. Obwohl man Sie mit allen Mittel abzuschrecken versucht. Bei der Bewerbung wahrscheinlich schon, und nachher dann wahrscheinlich zu Beginn jeder einzelnen Lehrveranstaltung, wo man die Studierenden zweifelnd bis mitleidig anblickt. Ob Sie denn wirklich wissen, was Sie da tun, obwohl doch auch die Vortragenden hier selber keine Ahnung haben, wie es mit unserer Branche weitergeht? Ob das, was Sie da lernen, irgendwer brauchen kann? Ob es übermorgen überhaupt noch Medien gibt? Jobs in Medien? Für die gezahlt wird? Echtes Geld? Weil auf Facebook gibt’s ja alles umsonst!
Nun – viele haben es trotzdem gemacht, und halten durch, trotz aller Untergangsprophezeiungen. Und beweisen damit schon die ersten Eigenschaften bewiesen, die man in dieser wunderbaren Branche gut brauchen kann – Unbeeinflussbarkeit, Dickköpfigkeit und Eigensinn. Das ist super.

Aber was braucht man außerdem sonst noch, in den Medien? Was soll man an einem Institut lehren, lernen, das auch in Zukunft noch einen Wert hat? Um da draufzukommen, hab ich mir gedacht: Am besten wir erinnern uns einmal ganz an den Anfang. Wo beginnt Journalismus? Wo beginnt PR? Zum Beispiel in jenem Moment, in dem man, unaufgefordert, an eine fremde Tür klopft.

Ich mache ja jetzt auch schon 12 Jahre lang an der FH Wien eine regelmäßige Schreibwerkstatt, und eine meiner Lieblingsübungen lautet: Klopfen Sie beim Nachbarn an die Tür! Sobald ich das sage, schaue ich jedesmal in schreckgeweitete Augen der Studierenden. Im Sinn von: Wie jetzt – anklopfen? In echt?

Denn natürlich ist das eine Grenzüberschreitung. So etwas tut man normalerweise nicht. Man quatscht niemanden an, den man nicht kennt, ohne einen genau definierten  Anlass (Amazon-Packerl übergeben, Gaszähler ablesen, melden, dass da ein Wasserfleck an der Decke ist, der schnell immer größer wird). Alles andere fühlt sich peinlich an, übergriffig. Das kostet Überwindung.

Was tun meine Studierenden also, jedes Mal?  Sie denken sich, angesichts einer doch recht einfach Übung, tausend Probleme aus, die sich einem dabei in den Weg stellen könnten. An welcher Tür soll ich denn klopfen, an dieser oder der anderen, oder gilt vielleicht auch das Nachbarhaus? Sollte ich nicht vorher recherchieren, wer da wohnt? Soll ich vorher anrufen, um mein Anklopfen anzukündigen? Und wenn einer aufmacht – soll ich gleich reingehen, oder erst einen Termin ausmachen, fürs richtige Treffen später? Wie soll ich mich denn vorstellen, und wie soll ich erklären, warum ich das tu? Soll ich meinen Laptop mitnehmen? Die Allerraffiniertesten fragen: Wie schaut denn das rechtlich aus, brauch ich nicht eine schriftliche Zustimmug zur Veröffentlichung, verwende ich die richtigen Namen, und was tu ich, wenn die Person das verweigert? Und muss ich all das nicht besser vorher klären, bevor ich anklopfe?

Sie sehen schon: Es gibt eine Menge Tricks, um den unangenehmen Moment noch ein bisschen hinauszuzuögern. Sich stattdessen hinter dem vertrauten Latop zu verschanzen; dort wo es sicher ist.

Und dann kommen die drei Killerausreden.

Ausrede 1: Der Nachbar sagt eh nichts. Ausrede 2: Ich weiß eh schon, was er sagen wird. Ausrede 3: Was er sagen wird, ist uninteressant.

Ich kenne diese Ausreden gut, von mir selber. Ich kenne auch den inneren Widerstand, die Scheu vor der Grenzverletzung. Jeder Journalist, jede Journalistin, jeder Mensch, der in einem Kommunikationsberuf arbeitet, kennt das. Aber man muss ganz brutal sagen: Wenn wir an dieser Stelle stehenbleiben, geben wir unsere Existenzberechtigung auf.

Denn genau das – die Grenzverletzung  – ist unser Job. Die Überwindung jener feinen Linie, die unsere Komfortzone markiert. Unser Job, mehr noch: unsere gesellschaftliche Aufgabe besteht genau darin: Mit Leuten reden, mit denen normalerweise niemand redet. Sich für Dinge interessieren, wo andere bloß sagen:  „Ist halt so“. Den Radius verlassen, der einem vertraut ist, wo man weiß, welche Regeln gelten, wo man sich mit schlafwandlerischer Sicherheit auskennt. Unser Job ist: Fremdheit zuzulassen.

Ja, das könnte Zeitverschwindung sein. Könnte unangenehm werden, peinlich, stressig, irritierend, mühsam, langweilig. Manchmal tuts auch ein bissl weh. Aber all das werden wir nicht wissen, ehe wir uns ausgesetzt haben.

Wie banal, werden Sie jetzt sagen. „An Türen klopfen“ als Contentstrategie. Wir haben doch Wichtigeres zu tun, Content gibt’s eh schon mehr als genug.

Aber so ist es nicht.

Ich glaube sogar sagen zu können: Neue Geschichten sind genau das, was dem Journalismus und der PR heute am allerdringendsten fehlt. Es wird zu wenig Neues erzählt wird.  Ich will das an drei Kennzeichen unseres Kommunikationsalltags erklären, die hnen wahrschienlich auch öfters begegnen, und die uns vom wesentlichen ablenken.

Erstens: Das Recyclingproblem.

In jeder Sekunde des Tages rauscht ein unendlicher Mahlstrom an Informationen vorbei. Wahre, halbwahre und erfundene Geschichten, wichtige und völlig unwichtige, missverstandene und weitererzählte, von Werbestrategen oder politischen Spindoktporen absichtlich in die Wekt gesetzte, oder von Algorithmen programmierte. Und wir, in den Medien, aber auch in den PR-Büros – wir haben unglaubliche Fähigkeiten entwickelt, irgendwas davon herauszupicken, es mit anderem zusammenzurühren, es neu zu verpacken; wir tun irgendwelche Bilder oder Preisfragen dazu, eine fette Überschift, und setzen es wieder neu in Umlauf.

Manchmal fühl ich mich dann, als säßen wir alle um eine riesige Wurstmaschine herum, und rührten im selben Brei. Wenn man genauer hineinriecht, muss man zugeben:  Es sind verdammt wenig frische Zutaten drin; verdammt wenig neue, authentische, echt erfahrene, bezeugte tatsächliche Begebenheiten.

Zweites Kennzeichen: Malen nach Zahlen.

Unglaublich viel Zeit und Energie geht derzeit damit drauf, drüber zu grübeln, was Medienkonsumenten  von uns erwarten. Was wollt ihr lesen, was wollt ihr hören, was wollt ihr spüren dabei? Schreibt uns am besten eine ganz genaue Zutatenliste, wir nehmen die Bestellung auf, und liefern euch alles genauso, wie ihrs euch gewünscht habt.

Wir behaupten: Wir tun das, damit es den Konsumenten gut geht, damit nichts zwickt und kratzt, nichts aufstößt, sondern alles ganz geschmeidig runtergeht, wie der Brei in einer Schnabeltasse.

Ich fürchte aber: Wir tun das nicht bloß den Konsumenten zuliebe, sondern auch aus eigener Bequemlichkeit. Weil wir damit jede Verantwortung abgeben können. Die Leute kriegen genau, was sie bestellt haben – dann kann es ja nicht unsere Schuld sein, wenn das Ergebnis nicht schmeckt! Und ist auch nicht unsere Schuld, dass Medien heute ausschauen, wie sie ausschauen.

Was zum dritten Kennzeichen führt: dem Applausproblem.

Erwischen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie beim Nachdenken schon vorausdenken, wie der Gedanke, der sich eben erst im Kopf zu formen beginnt, bei anderen ankommen wird? Wen wird es aufregen, wer wird sich kränken, wer wird widersprechen, und wer aller applaudieren? Der Effekt verstärkt sich natürlich, je mehr man sich den Feedback-Maschinen aussetzt – den Forenpostings, Likes, Clickraten, Twitter. Nicht zufällig erinnern mich die Klingeltöne, die dabei entstehen, an die Belohnungs-Jingles der Spielautomaten. Man fühlt sich wahrgenommen, das ist ein Glücksgefühl wie unter einer warmen Dusche. Man muss schon sehr stark, sehr gefestigt sein, damit einen das alles unbeeindruckt lässt. Man muss schon sehr in sich ruhen, um eine warme Dusche nicht als wohltuend zu empfinden, und einen Shitstorm nicht als angsteinflößend.
Was aber macht es mit unseren Geschichten, wenn wir beim Schreiben immer schon die Reaktionen mitdenken? Wenn wir während der Recherche schon an die Belohnung denken?
Ich meine, dass es den Geschichten nicht guttut. Ich meine, dass viele Gedanken nicht zu Ende gedacht werden, weil wir bei der ersten Unsicherheit, beim ersten gedanklichen Einspruch, schon zurückschrecken und uns selbst verbieten, sie weiterzuverfolgen. Ich fürchte, dass es uns ängstlich macht.
Das Ergebnis dieser drei Faktoren – Recycling, Malen nach Zahlen, Applaus – kennen wir.

In der Politik heißt es Populismus – jeder Politiker sagt, was er meint, dass es die Wähler hören wollen.

In der Freizeitgesellschaft ist es der All-inclusive-Urlaub auf immer demgleichen Kreuzfahrtsschiff, das nie irgendwo anlegt.

Bei McDonalds ist es der Do-it-Yourself-Burger.

In Facebook heißt das Echokammer – jeder wird nur beschallt mit dem, was er oder sie eh selber immer schon gedacht hat.

Und ich kann jetzt nicht über die Politik sprechen, nicht für die Reiseveranstalter und nicht für die Hamburgerbrater, ich kann nur den Journalismus sprechen, und da glaube ich: So war das nicht gemeint mit unserem Beruf.

Machen Sie einmal ein Experiment, achten Sie darauf, wie häufig Sie in unserer Kommunikationsbranche die Ausreden meiner anfangs erwähnten Studierenden hören: Was soll der schon sagen. Wass soll da schon sein. Achten Sie darauf, wie häufig das bei Redaktionssitungen gesagt wird, beim Brainstorming, bei Gesprächen mit Kollegen und Vorgesetzten., und wie oft Sie es selber sagen:

Ich-habs-eh-schon- immer –gesagt. Da brauchen wir gar nicht erst hingehen /nachfragen. Zahlt sich nicht aus. Ist doch alles schon zigfach erzählt. Es gibt doch eh nichts Neues mehr unter der Sonne.

Und genau an diesem Punkt stehen wir jetzt. Nicht nur in den Medien, in den sozialen Mendien, in der Werbung, sondern in der gesamten öffentlichen Debatte. Jeder weiß immer schon alles vorher. Ein Reizwort reicht, ein Instant-Argument, und man hat Position bezogen, einen Standpunkt markiert, wie mit einem Fähnchen. Man wirft ein Reizwort hin, sagt „Gettoschule“ oder „Genderwahn“ oder „Hassprediger“ oder „kriminelle Flüchtlinge“, und aus den vielen Feedbackschleifen weiß man bereits, welche Assoziationsketten das bei den anderen in Gang setzen wird. Ich weiß, wer es liked, wer es teilt, wer sich empören wird, und in welcher Szene ich damit Punkte sammle.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Politiker und Medienmenschen so häufig „die Welt draußen“ und „die Menschen“ draußen“ sagen? Offenbar, weil sie sich selbst gar nicht als Teil davon fühlen. So als säßen sie woanders, drinnen, und kriegten von draußen, aus der Wirklichkeit, bloß Häppchen hereingeworfen, um damit ihre Argumente besser illustrieren zu können.

So. Was wünsche, was erhoffe ich, als Medienkonsumentin, mir nun von Ihnen, als künftigen Medienmenschen?

Ich hoffe, dass Ihnen das Spil, das sich unsere Generation von Medienmenschen da ausgedacht hat, zu fad ist.

Dass Sie Journalismus studieren, weil Sie tatsächlich etwas Neues über das Leben herausfinden wollen.

Dass Sie Public Relations studieren, weil Sie tatsäschlich etwas Neues über Menschen wissen wollen, und sich für ihre Motive und Wünsche interessieren.

Dass Sie nicht zu viel an den Applaus denken, speziell nicht an den Applaus von uns, denn wir haben ja von dem, was morgen wichtig und interessant sein könnte, keine Ahnung.

Dass Sie sich einlassen können auf das, was im Augenblick passiert.

Dass Sie öfters mal reingehen, wo Sie nichts verloren haben,

reden mit Leuten, mit denen Sie sonst nie reden,

dass Sie sich immer, immer erinnern an die Neugier, die Sie doch sicher ganz am Anfang dazu angestiftet hat, diesen Berufsweg einzuschlagen,

dass Sie keine Angst haben,

und dass sie tatsächlich einmal anklopfen beim Nachbarn.

Ich kann Ihnen berichten: Es ist auch in meinem Kurs noch allen gelungen. Sie haben dort Seeleute und und Hundetrainerinnen gefunden, Schmalspurschamanen und Trickbetrüger, Menschen mit seltsamen Sammlungen, vertrackten Familienbeziehungen und abgründigen Geheimnissen, lauter Geschichten, die man im Internet, o Wunder, bisher nicht finden kann  – weil es eben NEUE Geschichten waren.

Es hat das Leben von einigen verändert, dass sie jetzt ihre Nachbarn kennen.

Ich bin sicher, Sie lernen das hier an der FH und haben Lehrende, die Sie dabei ermutigen.

Und ich verspreche: Irgendwann, wenn ich meinen ganzen Mut zusammennehme, klopfe ich auch.

 

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