Europa und die USA zeigen sich neuerdings gern von ihrer hässlichsten Seite, um Einwanderer abzuschrecken. Doch leider wirkt so etwas immer auch nach innen zurück.

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Wer aus dem Haus geht, schaut normalerweise kurz in den Spiegel. Ob eh alles passt, die Frisur sitzt, und kein gelber Fleck vom Frühstücksei auf dem Pullover klebt. Das macht man, weil es ein Grundbedürfnis ist, anderen zu gefallen. Man zeigt zuerst jene Seiten her, auf die man stolz ist. Die weniger attraktiven wird der andere zwar ebenfalls irgendwann bemerken – aber das muss ja nicht gleich beim ersten Kennenlernen sein.

Staaten tun etwas ähnliches wie Individuen. Österreich zum Beispiel zeigt gern Berge, Seen und die Leistungen seiner Wintersportler her. Stolz ist man zurecht auch auf Merkmale, zu denen jeder einzelne Bürger jeden Tag ein bisschen etwas beiträgt: Kultur und lebendige Traditionen, den höflichen Umgang miteinander, das ökologische Bewusstsein, die Rechtsstaatlichkeit und den starken sozialen Zusammenhalt. Wir haben Mülltrennung und gute Schulen, saubere öffentliche Verkehrsmittel, Spitäler, die niemanden wegschicken, Polizisten, die meistens freundlich sind, und aus unseren Leitungen kommt Trinkwasser.

Normalerweise freut man sich, wenn sich diese Charakteristika herumsprechen. Es fühlt sich gut an, anderen sympathisch zu sein. Denn die Außenwahrnehmung färbt auf einen selber ab. Wer sich von anderen geschätzt fühlt, benimmt sich selbstsicherer, gelassener, weniger ängstlich.

Im Moment erleben wir jedoch, dass sich dieser normale Mechanismus umdreht; und das hat mit der globalen Flucht- und Migrationsbewegung der letzten Jahren zu tun. Alles, was Europa und die USA seit Jahrzehnten auszeichnet – sozialer Friede, hoher Lebensstandard, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit – wirkt nämlich anziehend auf andere, die womöglich hierher kommen wollen. „Pull-Faktoren“ für Zuwanderung nennt das die Wissenschaft. Die Politik griff diesen Begriff auf und leitete daraus einen konkreten Handlungsauftrag ab. Der lautet, brutal formuliert: Wir müssen hässlicher werden, dann wollen weniger Leute zu uns.

Deutlich wurde diese Taktik erstmals – Sie erinnern sich – vor eineinhalb Jahren in Traiskirchen. Die Zelte, die Menschen, die auf der nackten Erde schliefen, der künstliche erzeugte Notstand: All das sollte vor allem abschreckende Bilder erzeugen. Der Dschungel von Calais, über Jahre hinweg ein Schandfleck der europäischen Politik, diente wohl einem ähnlichen Zweck. Diese Linie zieht sich bis heute, zu den apokalyptisch anmutenden Szenen aus den Baracken hinter dem Belgrader Bahnhof, zu den russverklebten, frierenden Flüchtlingsgestalten, die dort in Schlamm und Schnee kauern.

„Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“ – mittlerweile scheinen sowohl Europa als auch die USA von dieser Strategie überzeugt. Sie verbergen sorgfältigst ihre vorteilhaften Seiten. Friede, Rechtsstaat, sauberes Trinkwasser, freundliche Menschen? Nie gehört! Gibt’s nicht bei uns! Stattdessen schneidet man Grimassen und schreit in die Welt hinaus: Schaut her, wie schrecklich alles bei uns ist! Chaos, Elend, Gewalt!

Taktisch gesehen, funktioniert das vielleicht. Gut möglich, dass die Botschaft bis in die hinstersten Winkel Afghanistans vordringt und – hoffentlich! – junge Menschen künftig davon abhält, Hab und Gut zu verkaufen und sich auf einen gefährlichen, sinnlosen Marsch zu machen, um am Ende in Ländern zu stranden, wo keiner sie will.

Zu wenig nachgedacht haben wir bisher jedoch über die inhaltliche Frage, nämlich: Was macht das Ganze mit uns? Wie wirken die hässlichen Bilder, die wir von uns erzeugen, auf uns selbst zurück? Welche Auswirkungen auf das kollektive Wohlbefinden und auf die demokratische Kultur hat es, sich täglich herunterzumachen, schlechtzureden, sich von den eigenen Leistungen zu distanzieren und vor jeder Freundlichkeit die Ohren zu verschließen?

Wir sollten es doch wissen, aus anderen Zusammenhängen: Wer es völlig aufgegeben hat, anderen zu gefallen zu wollen, gefällt sich irgenwann selbst nicht mehr.

 

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