Halb fasziniert, halb ungläubig, schauen die Rechtspopulisten nach Amerika. Ob das, was dort passiert, in Österreich wohl auch mehrheitsfähig ist? Eher nicht.

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„Wien darf nicht Chicago werden“: Die Älteren unter meinen Leserinnen und Lesern werden sich an diesen Slogan der Wiener FPÖ erinnern. Er stammt noch aus der Zeit, bevor sich die FPÖ aufs Reimen veregte; etwa zwanzig Jahre dürfte er alt sein. Die Chicagoer Stadtverantwortlichen jedenfalls lächelten damals nur müde. Mit der lebendigen Wirklichkeit Chicagos hatte das Uralt-Klischee, das hier beschworen wurde, nichts zu tun. Die FPÖ benützte das Wort „Chicago“ bloß als Chiffre; als abschreckendes Gegenbild zu allem, was den Österreichern nach Meinung der FPÖ heilig ist. „Chicago“ stand für Chaos, Gewalt und Anarchie.

Seit der Trump-Präsidentschaft ist die Abscheu der FPÖ vor den USA geschwunden, und hat sich in klammheimliche Faszination verwandelt. Dennoch – so ganz traut sie sich, was offene Unterstützung für Donald Trumps Kurs betrifft, nicht aus der Deckung. Parteichef Heinz-Christian Strache drückte sich am Rande von Trumps Angelobung irgendwo in Washington herum, ohne so richtig in seine Nähe vorzudringen. Ähnlich Marine Le Pen, die Anführerin der französischen „Front National“, die eben ihren Wahlkampf für das Präsidentenamt begann: Sie saß, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, „in einem Cafe im Trump Tower an der Fifth Avenue, und es sah so aus, als ob sie auf einen Termin beim Präsidenten wartete.“

Da klang Geert Wilders schon entschlossener, der Führer der niederländischen Rechtsextremen, die laut Umfragen damit rechnen können, bei den Wahlen im März stärkste Partei des Landes zu werden. Wilders hisste offensiv Trumps Fahne und empfahl den Niederländern, sich dahinter zu scharen. Was in den USA geschehe, sei eine „Revolution“, und „die Lehre für Europa ist, jetzt nach Amerika zu schauen. Was Amerika kann, können wir auch.“ Auf dass auch in Europa ein „patriotischer Frühling“ anbreche.

Also was jetzt? Ist das, was in Amerika derzeit geschicht, das Vorbild, dem Europas Rechte nacheifern? Wollen sie das – einen Führer, der den Rechtsstaat aus den Angeln hebt, der mit erratischen persönlichen Dekreten regiert, dabei Parlament, Gerichte und Administration (also alles, was er „Establishment“ nennt) per Handstreich beiseitewischt? Werden wir das auch in Europa kriegen, sobald eine Mehrheit rechtspopulistische Parteien wählt? Strategisch ist diese Frage für Strache, Le Pen, Wilders oder AfD wahrscheinlich gar nicht so so leicht zu beantworten. Es ist nämlich keineswegs gesagt, dass es aus europäischer Sicht ein attraktiver, mehrheitsfähiger Plan ist.

Mit dieser Vermutung ist wahrscheinlich auch das Zögern der FPÖ zu erklären, sich voll und ganz auf Trumps Seite zu werfen. Die Freiheitlichen, immerhin eine der ersten und erfolgreichsten rechtpopulistischen Bewegungen des Kontinents, haben ihre Anhänger in den vergangenen Jahrzehnten ja ganz gut kennengelernt. Ja, selbstverständlich wollen die „das Establishment“ sekkieren, in die Enge treiben, zittern sehen. Ebenso steht außer Frage, dass sich viele von ihnen, wenn man sie direkt fragt, sehnlich einen „Umsturz“, eine „Revolution“ herbeiwünschen, ein „Ende des Systems“.

Aber wenn diese Revolution, nach Trumps Vorbild, zum Beispiel bedeuten würde, dass von heute auf morgen die Krankenversicherung abgeschafft und Schulen zugesperrt werden? Dass Gemeindebauten per Dekret privatisiert, Schrebergärten enteignet, die Gewerkschaften abgeschafft und alle Reisepässe für ungültig erklärt werden? Dass Österreich Südtirol annektiert, der Türkei den Krieg erklärt, oder was einem egomanischen, reizbaren und sprunghaften österreichischen Alleinherrscher sonst noch so einfallen mag?

Da fühlt sich das verhasste „System“ dann, vergleichsweise, doch wieder ganz heimelig an. Gut möglich, dass jene, die eben noch den Umsturz herbeischrien, angesichts des Chaos die ersten sein werden, die fordern, dass endlich wieder „Ruhe, Recht und Ordnung!“ einkehrt.

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