Verantwortung übernehmen und anpacken, wo Regierungen nicht handeln – das ist eigentlich eine hohe Bürgertugend. Seit wann wird man dafür beschimpft?

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Manche Leute warten drauf, dass die Regierung alles für sie richtet. Von der Wiege bis zu Bahre – „die da oben“ werden sich schon um alles kümmern, sagen diese Leute. Die Wirtschaft, die Umwelt, soziale Fragen, die anderen Menschen – da misch ich mich am besten gar nicht erst ein. Leute, die so denken, waren im real existierenden Sozialismus gut aufgehoben. Dort musste man alles, was die Regierung mit einem vorhatte, bloß abnicken, brav sein und sich fügen. Weiter hatte man nicht viel zu tun.

Es gab und gibt aber auch einen anderen Typ Mensch. Der hätte am autoritären Staatssozialismus keine große Freude, weil er sich nicht in jeder Lebenslage auf die Obrigkeit verlassen will. Dieser Typ Mensch schaut sich in seiner unmittelbaren Umgebung und auf der Welt um – die Wirtschaft, die Umwelt, die sozialen Fragen, die anderen Menschen – und sieht, dass die Regierungen da nicht alles ideal hinkriegen. Manchmal, weil sie nicht wollen (etwa, weil sie sich davon Vorteile versprechen). Manchmal, weil sie nicht können (aus Überforderung, Unfähigkeit, Angst oder wegen politischer Sachzwänge). Und dann fragt sich dieser Typ Mensch: Was fehlt hier? Was wird gebraucht? Was kann ich tun? Er fühlt sich verantwortlich. Tut sich sich anderen zusammen, gründet vielleicht einen Verein, und gemeinsam packt man an, um zur Lösung eines Problems etwas Konkretes beizutragen – egal, was die Regierung dazu sagt.

So sind Gebilde mit dem hässlichen Namen „Nicht-Regierungs-Organisationen“ entstanden (englisch: „Non-Governmental Organisations“), abgekürzt mit dem ebenso hässlichen Kürzel „NGOs“.

Richtig ist: Einige große NGOs – vom Roten Kreuz bis Greenpeace, von „Arzte ohne Grenzen“ bis zur Caritas – sind mittlerweile große, professionelle, intenational agierende Unternehmen mit beachtlichen Budgets. In einigen Weltregionen, speziell dort, wo die staatlichen Strukturen besonders schwach ausgeprägt sind, haben sie Macht. Und für etliche spezialisierte Experten und Expertinnen bieten sie gut bezahlte Jobs und Karrieremöglichkeiten. Richtig ist jedoch gleichzeitig: Der Motor, der all dies antreibt, ist immer noch die Arbeit zigtausender Freiwilliger.

Diese Freiwilligen stehen stundenlang am Herd, um einer Obdachloseneinrichtung warme Mahlzeiten vorbeizubringen. Sie gehen als Lesepatinnen in Schulen, und üben dort mit Kindern, die vom staatlichen Schulsytem im Stich gelassen werden. Sie stellen ihre Expertise Bedürftigen unentgeltlich zur Verfügung, als Anwälte oder Übersetzerinnen zum Beispiel. Sie leisten, als Pfleger oder Ärztinnen, kostenlose medizinische Hilfe. Sie suchen Wohnungen für Menschen, die am Wohnungsmarkt keine Chance haben. Sie begleiten bei Behördenwegen, geben Nachhilfe, üben Deutsch; organisieren Mütterrunden, Ausflüge, Schwimmkurse, Musikgruppen, Fußballtrainings, und bringen Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, mit anderen zusammen. Manche machen das mit kleinerem, manche mit größerem persönlichen Einsatz. Einige gehen zur Freiwilligen Feuerwehr und löschen Brände. Andere gehen zur Bergrettung und helfen Menschen in Bergnot. Und einige retten Ertrinkende aus dem Mittelmeer.

Selbstverständlich könnte man all diese Aufgaben den Regierungen überlassen; beziehungsweise mit den Schultern zucken, wenn man sieht, dass sie diese Aufgaben nicht wahrnehmen. Selbstverständlich passieren dabei manchmal auch Fehler. Aber man hat es zumindest versucht.

Die ÖVP hätte diese Art Engagement, vor ein paar Jahren noch, „Bürgersinn“ genannt. Sie hätte Menschen, die ihre private Zeit, privates Geld und Energie in das Gemeinwohl investieren, Respekt gezollt. Sie hätte jenen, die dort einspringen, wo die Regierung versagt (oder wo sie in ihrer Arbeit absichtlich Lücken lässt) gedankt, zumindest im Nachhinein.

Aber offenbar hat sich da, bei der Bürgerpartei ÖVP, inzwischen einiges verändert.

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