Misstrauen, Bespitzelungen, Vorurteile und Existenzängste überall: Erdogan macht seinen Landsleuten in Europa das Leben jeden Tag schwerer

presse-kolumne

Es kann nicht lustig sein, derzeit als Türke oder Türkin in diesem Land zu leben. Du stehst unter permanenter Beobachtung. Kunden, Arbeitskolleginnen, Nachbarn schauen dich an und versuchen, dich abzuschätzen: Ob das wohl ein Erdogan-Fan ist? Was die wohl denkt von den Hetzreden ihres größenwahnsinnigen Präsidenten? Ob der wohl beim Referendum teilnehmen wird, und wie er abstimmt?

Bist du tatsächlich Erdogan-Anhänger, ist das unangenehm genug. Zumal es ja kaum jemanden interessiert, warum du einer geworden bist. Vielleicht war Erdogan der erste Politiker in deinem Leben, der dir gesagt hat, dass er stolz auf dich ist. Vielleicht hat es dir, nach Jahrzehnten des Schuftens und Sparens, einfach einmal gut getan, dass jemand deine Leistung wahrnimmt und lobt. Vielleicht fühlst du dich, inmitten der wehenden Fahnen und Beschwörungen nationaler Größe, erstmals stark und zugehörig, nachdem dir Österreich nie das Gefühl vermittelt hat, richtig dazuzugehören.

Wenn du Erdogan nicht magst, muss es noch unangenehmer sein. Da hast du dich womöglich dein Leben lang gegen nationalistische Vereinnahmungen gewehrt. Hast dich gefreut, hier in einem halbwegs laizistischen, liberalen Land zu leben, in dem du deine Ruhe hast. Du wählst SPÖ oder ÖVP, engagierst dich in einer Bürgerinitiative, dachtest eigentlich, du wärst hier angekommen. Aber prompt haben sie sich über Nacht wieder zum „Türken“ gemacht. Jeden Tag erwartet jemand von dir, dass du die Türkei rechtfertigst, dich distanzierst, dich solidarisch erklärst, Stellung beziehst. Warum bloß?

Du kannst natürlich auch Kurde sein. Alevit. Armenierin. Journalistin. Oder aktiver Oppositioneller, Sympathisant des Gezi-Park-Aufstands. Dann musst du jetzt besonders aufpassen. Alles, was du sagst, kann gegen dich verwendet werden. Auf Facebook bist du besser still und beschränkst dich auf Tier- und Blumenfotos. Jede falsche Bemerkung kann Hassmails auslösen, inklusive Gewaltandrohungen. Vielleicht sogar von Menschen, die dir bis gestern nahestanden.

Du kannst nie wissen, wer mitliest und die Informationen weiterleitet; offenbar gibt es ein ganzes Spitzelnetzwerk, das der türkischen Regierung zuarbeitet. Bist du Anhänger der Gülen-Bewegung, etwa als Lehrer an einer Wiener Schule, bist du, ohne dass du deine Tätigkeit verändert hättest, über Nacht zum Staatsfeind geworden. Dann solltest du dich hüten, am türkischen Konsulat vorzusprechen – sonst konfiszieren sie womöglich deinen Reisepass. Planst du einen Sommerurlaub oder einen Verwandtenbesuch in der Türkei, sperren sie dich vielleicht sogar ein. Lass das also lieber bleiben.

Deine Religiosität hat ihre Unschuld verloren. Trägst du Kopftuch, wirst du auf der Straße von Rassisten angepöbelt. Trägst du keines, wirst du auf derselben Straße von selbsternannten Sittenwächtern angepöbelt. Schwer zu entscheiden, was angenehmer ist.

Auch deine ökonomische Existenz ist plötzlich in Gefahr. Betreibst du erfolgreich einen Kebap-Stand, zahlst seit Jahren brav deine Steuern, kann es sein, dass dir das Amt über Nacht deine Lizenz entzieht, weil dein Deutsch nicht gut genug ist (eben geschehen in Wiener Neustadt). Arbeitest du bei den Türkish Airlines, kannst du deinen Job genausoschnell verlieren – diesmal auf Betreiben Ankaras, das aus politischen Gründen die komplette Belegschaft säubert.

Und jetzt droht dir auch noch, dass deine doppelte Staatsbürgerschaft auffliegt, und du deine österreichische verlierst, samt allen Sicherheiten, die du hier in langen Jahren erworben hast. Du riskierst, dass deine hier geborenen Kinder demnächst zu „Ausländerkindern“ werden, und in einem ihnen fremden Land ihren Wehrdienst leisten müssen, womöglich im Krieg gegen die Kurden – den eigentlich schon deine Eltern oder Großeltern hinter sich lassen wollten, als sie damals von dort wegzogen.

Nein, im Moment möchte ich nicht in deiner Haut stecken.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.