Menschen an den Pranger zu stellen, damit sich das Volk an ihnen abreagieren möge, ist eine mittelalterliche Foltermethode. Die nicht auch noch mit Presseförderung belohnt gehört.

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22 Jahre ist es her, Gemeinderatswahlkampf in Wien. Die FPÖ ließ überall in der Stadt großflächige Plakate affichieren. „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk – oder Kunst und Kultur?“ Einzelne Menschen, mit Gesicht und Namen, an öffentlichen Orten auszustellen, auf dass sich alle an ihnen abreagieren können – das gab es im Mittelalter. Pranger hieß das damals, oder „Schandpfahl“, „Schandesel“, je nachdem, ob man die Schmach im Stehen oder Sitzen zu ertragen hatte. Mit Kette und Halseisen war man an der Kirchenmauer oder an einem in den Boden eingelassenen Pfeiler festgebunden. Manchmal sogar auf einer Drehplattform, um von allen Seiten sichtbar zu sein.

Das Publikum wusste, was es zu tun hatte: Gaffen, Geifern, Schimpfen, Spucken, Zuschlagen. Je wohler man sich im Schutz der Menge fühlte, desto leichter ging es. Mancherorts artete es derart aus, dass die Obrigkeit das Werfen spitzer Gegenstände und Steine verbieten musste. Hauptziel der Prozedur war nämlich nicht, das Opfer körperlich zu verletzen. Sondern es so sehr zu demütigen, dass es nicht als geachtetes Mitglied der Gesellschaft weiterleben würde können. Es sollte sich vor Scham in ein Loch verkriechen und in Hinkunft den Kopf nicht mehr herausstrecken.

Künstler traf diese Art Gewalt besonders häufig. Wie Daniel Dafoe, Autor des Abenteuerromans „Robinson Crusoe“. Er führte ein wildes Leben, scherte sich wenig um Konventionen, gehörte einer verfolgten religiösen Minderheit, den „Dissenters“ an, schrieb autobiographische Reiseberichte und satirische Gedichte, eine „politische Geschichte des Teufels“, ein Sex-Aufklärungsbuch („Eheliche Hurerei“), verdingte sich als Skandalreporter und als Ghostwriter von Verbrechern, und machte auf massenhaft verteilten Flugblättern „Vorschläge zur Verbesserung des Lebens“. 1703 wurde er wegen seiner aufrührerischen Schriften zu Kerker und dreimaligem Pranger verurteilt.

Wer meint, seit der Aufklärung sei es mit solchen Methoden vorbei, hat nicht mit der FPÖ und der „Kronenzeitung“ gerechnet. Diese maßen sich, in gut getaktetem Gleichschritt, seit Jahren an, ihnen nicht genehme Bürger und Bürgerinnen an den Pranger zu stellen. Mit Künstlern tun sie’s besonders gern. Ob einst Peymann und Jelinek, oder heute Stefanie Sargnagel: Irgendein aus dem Zusammenhang gerissener Satz, an dem sich Neid und Hass entzünden lässt, findet sich immer (bevorzugt hat er in Österreich mit Sex, Kot, Nazis oder Tieren zu tun). Auf dass sich das Publikum, journalistisch und politisch ermuntert, so heftig an den Angeprangerten abreagieren möge, samt Morddrohungen und Vergewaltigungsphantasien, dass sie auf immer verstummen. Was einerseits als Warnung an alle anderen dient, sich mit „Kronenzeitung“ oder FPÖ anzulegen: Pass auf, was wir alles mit dir machen können! Und andererseits als Machtdemonstration: Schau her, wir sind quasi öffentlich legitimiert, denn wir bekommen für das, was wir tun, auch noch Förderungen und Inserate vom Staat!

Bei Elfriede Jelinek funktionierte die Einschüchterung. „Der Hass, der mir entgegenschlägt, ist nicht ertragbar“ sagte die Nobelpreisträgerin, und zog sich für viele Jahre aus der österreichischen Öffentlichkeit zurück. 1703 hingegen funktionierte die Einschüchterung noch nicht. Daniel Dafoe schrieb, während er auf seine Strafe wartete, eine satirische „Hymne an den Pranger“, die eine Huldigung all jener „ehrenwerten Männer“ enthielt, „die das gleiche Los erlitten hatten.“ Das Publikum belohnte ihn. Als der Dichter, Kopf und Hände in der sogannenten „Holzgeige“ gefesselt, in London am Pranger stand, wurde er nicht mit Steinen, sondern mit Blumen beworfen, und erhielt Ovationen.

Gut für Daniel Dafoe, dass er ein Mann war. Und dass es im Jahr 1703 noch keine sozialen Medien gab. Aus beiden Gründen muss Stefanie Sargnagel heute noch ein bisschen tapferer sein als er.

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