Alle Beziehungen in die Türkei abbrechen? Das wäre ganz falsch. Erdogans Gegner brauchen Kontakte nach Europa jetzt noch dringender als je zuvor.

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Nein, das waren keine guten Nachrichten am Ostersonntag. Erdogan bekommt die autoritäre Verfassung, die er sich gewüscht hat, fühlt sich auf seinem nationalistischen Provokationskurs bestätigt, wird das Land Schritt für Schritt zu einem religiösen Sultanat ausbauen. Und die Mehrheit des türkischen Volkes findet das gut und schreit: „Weiter so!“ Wer nicht mehr an die Demokratie glauben will, kann sich nun bestätigt fühlen, zum dritten Mal in Folge nach Donald Trumps Sieg und dem Brexit-Votum: Schaut her, so schnell kann Demokratie schiefgehen! Menschen wählen eben nicht nach rationalen Interessen, sondern nach Gefühl, und ach, wie leicht sind sie manipulierbar! Man muss ihnen bloß Größe, Stärke und Stolz versprechen, schon kriegt man Mehrheiten. Die Rechnung für Größe, Stärke und Stolz kommt ja erst viel später, wenn vieles kaputt ist.

Man kann das Türkei-Ergebnis aber auch von einer anderen Seite her anschauen. Dann sieht man folgendes Bild: In einem autoritären, mit polizeistaatlichen Mitteln per Ausnahmezustand regierten Land, das bis in die hintersten Winkel von Erdogans Propagandafeldzug zugedröhnt wurde, haben immerhin 49 Prozent der Menschen gegen das von oben gewünschte Ergebnis gestimmt. Sie haben „Nein“ gesagt – obwohl die Nein-Argumente in TV und Massenmedien kaum vorkamen; obwohl jede Kritik an Erdogan in die Nähe eines Vaterlandsverrats gerückt wurde. Und sie haben „Nein“ gesagt, obwohl sie in den letzten Monaten live erlebten, wie Widerspruch zur Regierung ausgehen kann: nämlich mit Entlassung, Berufsverbot und der totalen wirtschaftlichen Existenzvernichtung; oder mit Verhaftung, monatelangem Gefängnis und politisch diktierten Gerichtsurteilen. So geschehen mit zahlreichen Oppositionspolitikern, Anwältinnen, Journalisten, Menschenrechtsakivistinnen.

Angesichts dieser realen Gefahren, die man in unseren satten, verwöhnten Wohlstandsdemokratien ja oft vergisst, muss man sagen: 49 Prozent sind doch überraschend viel. (Wieviele Neinsager gäbe es, unter vergleichbaren Umständen, wohl in Österreich? Wie viele von uns würden sich einem starken Mann entgegenstellen, der verspricht, endlich durchzugreifen, und es den arroganten Eliten und dem Ausland einmal richtig reinzusagen? Ein interessantes Gedankenexperiment!)

Für das westliche Ausland folgt daraus ein klarer Handlungsauftrag: Wir müssen aufhören, uns an dem starken Mann und seinen willfährigen Jasagern abzuarbeiten, das macht ihn nur noch stärker. Stattdessen müssen wir uns mehr mit den mutigen Neinsagern beschäftigen. Wir dürfen die 49%, immerhin viele Millionen Menschen, nicht mit Erdogan allein lassen. An ihnen muss Europa dranbleiben, sie stärken, mit Informationen, Unterstützung und praktischer Hilfe, wo immer es geht. Hiesige Anwälte müssen mit ihren bedrängten türkischen und kurdischen Kollegen Kontakt halten, Verlagshäuser mit den bedrohten Journalistenkollegen, Unternehmer mit Unternehmern, Gewerkschaften mit Gewerkschaften, Kulturinitiativen mit Kulturinitiativen, Studierende mit Studierenden. Damit die 49% wach bleiben können, damit sie nicht demoralisiert werden und in der nationalistischen Abschottung ihres Sultans vereinsamen, brauchen sie Beziehungen nach Europa; private, berufliche, politische. Sie brauchen wissenschaftlichen, technologischen und sprachlichen Austausch, Stipendienprogramme, Forschung, Medien. Sie brauchen Besuch. Sie brauchen Tourismus. Und sie brauchen – unbedingt! – auch endlich die Möglichkeit, ohne Visum in die EU zu reisen.

Erdogans Entourage und tausende seiner Staatsbeamten haben diese Möglichkeit längst – sie sind im Besitz von Dienstpässen, mit denen sie reisen dürfen, so viel sie wollen. Die mutigen 49% Nein-Sager hingegen brauchen diese Verbindung nach Europa viel dringender. Und sei es, damit sie im Moment akuter Bedrohnung rasch bei uns Zuflucht finden können.

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