Wer aus Afghanistan kommt, bringt Gewalterfahrungen mit. Oft auch ein archaisches Frauenbild. Welches? Eine erste Studie gibt Auskunft.

eine analyse für den falter

Neuerdings gibt es viele Afghanen in Österreich; um 37.000 mehr als noch vor einigen Jahren. Die meisten von ihnen sind jung und männlich. Sie kommen sie aus einer feudalen, streng religiösen, von Krieg geprägten, archaischen Gesellschaft. Viele haben kaum Schulbildung. Und viele waren monatelang ganz allein unterwegs – und leben nun ohne Familie, ohne Bindungen, ohne soziale Kontrolle in der Fremde. So etwas riecht nach Problemen, speziell was den Umgang mit Frauen betrifft. Passieren sexuelle Übergriffe, geraten Afghanen denn auch schnell ins Fadenkreuz des Verdachts. 22 Afghanen, 16 von ihnen Asylwerber, wurden 2015 in Österreich wegen Vergewaltigung angezeigt. Liest man die Boulevardmedien, bekommt man den Eindruck, es passiere noch viel mehr.

Von welchen Rollenbildern sind diese Männer geprägt, was halten sie von der Gleichberechtigung der Geschlechter, wie leben sie ihre Sexualität aus, und wie gehen sie damit um, dass hier plötzlich alles ganz anders ist als daheim? Solche Fragen brennen all jenen unter den Nägeln, die mit Afghanen in Österreich konkret zu tun haben – Sozialarbeiterinnen, Betreuern in WGs und Heimen, Lehrern, Freiwilligen, die mit ihnen Deutsch lernen oder Fußball spielen, Paten und Patinnen, die afghanische Burschen in ihre Familien aufgenommen haben. „Manchmal möchte ich seinen Kopf aufmachen und hineinschauen, um herauszufinden, was er denkt“, sagt eine Pflegemutter.

Was in den Köpfen dieser Männer vorgeht, wird – auch – darüber entschieden, ob ihre Integration mittelfristig gelingen kann. Doch erst ganz zaghaft beginnt man sich damit wissenschaftlich zu beschäftigen. Das Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) hat jüngst die erste Studie zum Thema publiziert. Was erfährt man dabei über unsere neuen Mitbewohner?

Die bedrückendste Erkenntnis zuerst: Jeder Afghane hat Gewalt erlebt. Körperliche Bestrafungen sind im Alltag so selbstverständlich, dass sie gar nicht hinterfragt werden. Die Züchtigung von Kindern in der Familie heißt „Tarbia“ (was wörtlich „Moral und Charakter“ bedeutet); Schläge in der Schule heißen „Taleem“ („Ausbildung“). Und wer nachfragt, erfährt: Hier sind nicht einzelne Ohrfeigen oder Tachteln gemeint, sondern systematische Prügel mit Holzstöcken oder Kabeln, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit. In den Kindheitserinnerungen der Männer sei dies alles sehr präsent.

Wichtig ist der Begriff der Ehre, „Ghairat“ genannt. Dem traditionellen Verständnis gemäß gehören Ehefrauen, Schwestern, Mutter zur Ehre des Mannes dazu. „Die meisten Afghanen vermeiden es, den Namen ihrer Ehefrau vor Fremden auszusprechen.“ Am besten wird die Ehre bewahrt, indem die Frau daheim bleibt. „Eine Frau ist entweder im Haus oder auf dem Friedhof“ lautet ein paschtunisches Sprichwort, das bedeuten soll: Das eigene Begräbnis ist im Idealfall die erste Gelegenheit, zu der sie das Haus verlässt. Weil Männer „stark“ seien und Frauen „emotional“, komme dem Mann die Aufgabe zu, Entscheidungen zu treffen und die Ehre der Familie nach außen zu verteidigen.

Gehört zu diesen Mitteln auch, gegenüber Frauen Gewalt anzuwenden? Hier sind die Antworten so vielfältig wie die Milieus, aus denen die Männer kommen. Speziell hier zeigt sich auch deutlich, dass Einstellungen nicht in Stein gemeißelt sind. Die Studie teilte die Männer in zwei Fokusgruppen zu jeweils 11 Personen: Einerseits Neuankömmlinge von 2015/16, andererseits Afghanen, die seit vielen Jahren in Österreich leben. Die Ergebnisse der beiden Gruppen unterscheiden sich deutlich.

Den Neuankömmlingen fielen einige Rechtfertigungen ein, um eine Ehefrau zu schlagen, etwa Respektlosigkeit gegenüber den Schwiegereltern. Interessanterweise ist es der Islam, der hier häufig mäßigend wirkt. Mehrere Befragte sagten, Gewalt sei, der religiösen Lehre gemäß, verboten und schreibe Ehepaaren vor, Konflikte friedlich zu lösen. In der zweiten Gruppe hingegen sagten die Männer allesamt, Gewalt gegen Frauen sei durch nichts zu rechtfertigen, und ihre Meinung habe sich durch die Gesetze in Österreich und ihre Erfahrungen hier verändert. Ähnliches gilt beim Thema Vergewaltigung in der Ehe (die in Afghanistan erlaubt, in Österreich seit 1989 verboten ist).

Grundsätzlich werden an westliche Frauen andere Maßstäbe angelegt als an Afghaninnen. Der Hijab, meinten einige Männer, sei ein guter Schutz für Frauen und bewahre sie vor Vergewaltigungen. Dass Österreicherinnen unverhüllt auf die Straße gehen, erscheint ihnen keineswegs immer als Kennzeichen ihrer Freiheit – sondern im Gegenteil. Mehrere Burschen vermuteten gar, Frauen würde in westlichen Gesellschaften „fast kein Wert“ beigemessen: „Sie werden hier als Werkzeug benützt, um Kleider vorzuführen, und um in Nachtclubs, Bordellen und Bars Männern Vergnügen zu bereiten“.

Shokat Ali Walizadeh, dessen Verein „Neuer Start in Österreich“ seit Jahren afghanische Flüchtlinge begleitet, sieht hier Filme, Internet-Pornos und Legenden am Werk, die Schlepper absichtlich in die Welt setzen, um Kunden zu ködern. „Die Schlepper erzählen den Burschen: Die Mädchen in Europa sind immer bereit, denn die laufen alle im Minirock herum.“ Wenn die Burschen die Mädchen im Minirock dann tatsächlich sehen, können sie das Signal nicht deuten. „Man darf nicht vergessen, wie wenig Erfahrung die meisten Burschen haben“, so Shokat Ali. Die Schlussfolgerung, die die Männer der Studie zogen, lautete jedenfalls: „Frauen in westlichen Gesellschaften brauchen mehr Sex als Männer.“

Auch konkrete Fragen über Sexualität wurden gestellt. Über sexuelle Praktiken, Homosexualität, körperliche Probleme, Verhütung. Doch hier stieß man an Grenzen. „Zena“ (Sex außerhalb der Ehe) ist in Afghanistan verboten, das Sprechen darüber gilt als noch größere Sünde als der Akt selbst. Manche Burschen, die in Österreich in einer unverheirateten Beziehung leben und darüber privat gern reden, wiesen Fragen darüber in einem wissenschaftlichen Setting entrüstet zurück. Sexuelle Probleme gab, wenig überraschend, keiner zu.

Homosexualität bezeichnen fast alle Afghanen als „nicht normal“. An Westeuropäer werden auch hier jedoch andere Maßstäbe angelegt. Dass Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften hier gleiche Rechte haben, wird durchgehend akzeptiert. Was jedoch nicht bedeutet, dies auch innerhalb der afghanischen Community zu tolerieren. Zwar gibt es in Afghanistan eine lange Tradition, Bacha Bazi genannt (wörtlich „Spielen mit Buben“). Dass sich Warlords neben ihren Ehefrauen gern auch ein paar Buben in ihrem Hofstaat halten, ist weit verbreitet. Studienautor Ahmad Ali ist hier jedoch eine Unterscheidung wichtig: Bei Bacha Bazi handelt es sich nicht um Homosexualität, sondern um Pädophilie und Kindesmissbrauch.

Unübersehbar wird in Studie der Druck deutlich, dem Afghanen in Österreich ausgesetzt sind. Traditionelle Männlichkeit definiert sich über „Nafaqah“ – das ist die Aufgabe, für seine Familie zu sorgen, sie zu beschützen und zu ernähren. Wer das nicht schafft, verliert seine Ehre. Diese Erwartungshaltung lastet schwer auf den geflüchteten Burschen – in einem Flüchtlingsquartier, ohne Job, ohne Geld, ohne Bleibeperspektive kann man diese Aufgabe kaum erfüllen. „Multiple psychologische Probleme, Stress und Depressionen“, stellt die Studie daher fest – verstärkt durch traumatische Erinnerungen an den Krieg, die Zersplitterung der Familie, Zukunftsangst, und die Sorge um Angehörige.

Dieser Druck wird im Lauf der Jahre kaum weniger. Shokat Ali Walizadeh, der selbst vor zehn Jahren als 18jähriger nach Österreich kam, hat das an sich selbst und anderen beobachtet: „Die Hoffnungen der Familie sind enorm. Sie haben viele falsche Vorstellungen über das Leben in Europa, wollen bei der Auswahl deine Ehefrau mitreden, und erwarten von dir Dinge, die du kaum erfüllen kannst.“ Zumal sich gleichzeitig auch das Klima in Österreich verschärft hat. „Seit so viele Afghanen da sind, werden auch wir misstrauisch angeschaut.“ Plötzlich werden Männer, die längst österreichische Staatsbürger sind, bei der Wohnungs- oder Jobsuche abgewiesen. „Man hat Angst vor uns“.

Ein Grund mehr für die afghanische Commmunity, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern. Genau das tut sie auch – doch sie stößt an die Grenze dessen, was mit ihren Ressourcen möglich ist. Auch die VIDC-Studie meint, die schon länger hier lebenden Afghanen sollten eine Schlüsselrolle bei der Integration ihrer Landsleute spielen. Sie empfiehlt ein einwöchtiges Intensivtraining für Flüchtlinge, gleich nach ihrer Ankunft, wo ihnen Gesetze, soziale und kulturelle Normen in Österreich vermittelt werden.

Derzeit dauere es viel zu lang, ehe man sich mit den Burschen auseinandersetzt, sagt Studienautor Ali Ahmad. In den vielen Monaten oder gar Jahren, in denen sie warten, herumhängen, ohne Aufgabe, ohne Plan, vergehe – speziell bei Teenagern – zu viel Zeit, in der etwas schiefgehen kann.

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Marginalspalte:

Die Studie: „The perception of gender relations and gender-based violence of Afghans living in Austria. Findings of small-scale microsociological research.“ Eine Studie des VIDC unter Leitung von Ali Ahmad.

Die Workshops: Abgehalten wurden sie von „Poika – Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit in Erziehung und Unterricht“ gemeinsam mit „Association Afghan Youth – New Start in Austria“. Nähere Informationen zu den beiden Vereinen: www.poika.at, www.neuerstart.at

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Kasten 2700

Hungrig nach Informationen

Philipp Leeb ist, als Gründer des Vereins „poika“, einer der Pionere der Burschenarbeit in Österreich. Was macht man mit Jugendlichen, die derart archaische Ideen von Männlichkeit haben? Genau dasselbe wie mit all den anderen Burschen verschiedenster Herkunft, mit denen er auch sonst immer arbeitet, sagt Leeb: Reden, reden, reden, sich für sie interessieren, und auf Augenhöhe kommunizieren. „Die afghanischen Jugendlichen sind unglaublich hungrig nach Informationen. Ob Gewaltschutzgesetz, Jugendschutz oder Familienrecht – je klarer die Regeln, desto lieber ist es ihnen.“

Parallel zur Studie fand, im Auftrag des VIDC, auch eine erste Serie von Workshops mit afghanischen Jugendlichen statt, „interkulturelle Genderkompetenz-Trainigs“ genannt. Sie wurden von „poika“ gemeinsam mit dem afghanischen Verein „Neuer Start“ konzipiert, und von jeweils einem österreichischen und einem afghanischen Trainer im Tandem geleitet. Die Idee dabei: Sich spielerisch auseinandersetzen mit dem Körpergefühl als Mann, mit Rollenbildern, Gewalt, Gefühlen, Sexualität. Das beginnt bei großen Worten wie „Ehre“. Und mündet dann in ganz praktische Fragen wie: Wie kommt man mit Mädchen in Kontakt, ohne aufdringlich zu sein? Wie signalisiert man, dass man jemanden mag?

Der Bedarf, offen über solche Fragen zu sprechen, ist riesig. Schon oft wurde „poika“ als Feuerwehr in Schulen oder Flüchtlingsheime geholt, wenn Betreuer oder Lehrerinnen nicht mehr weiterwussten. „Es wäre aber wichtig, sich kontinuierlich mit den Burschen zu beschäftigen, und eine permanente Ansprechstelle zu haben“, sagt Leeb. Die Expertise dafür wäre da, aber sie ist verteilt auf kleine Vereine oder Initiativen, auf viele Einzelkämpfer, die das häufig nebenberuflich oder gar ehrenamtlich machen. Diese kleinen Gruppen können die großen Budgets, die für Integrationsprojekte theoretisch zur Verfügung stehen, nicht abrufen. „Es bräuchte eine Koordinierungsstelle, um das zusammenzuführen“, meint Leeb.

Das Wichtigste in Gender-Workshops ist: Menschen zu helfen, sich aus Rollenzuschreibungen zu lösen. Sie nicht als Angehörigen einer Gruppe zu sehen (als „Afghane“, „Paschtune“, „Ausländer“ oder „Flüchtling“), sondern als Individuen. Leeb fragt in den Workshops zum Beispiel: Was bedeutet dein Name? Wer hat ihn dir gegeben? Was ist dir wichtig? Oder: Wie stellst du dir dein Leben in fünf Jahren vor?

Speziell letzteres ist eine Schlüsselfrage, die jungen Männern gut dabei helfen könnte, ihre Prioritäten zu ordnen und einen Plan für ihr Leben in Österreich zu fassen. Aber schwer zu beantworten ist, wenn man nicht weiß, ob man Asyl kriegt, subsidiären Schutz, in fünf Jahren immer noch auf seinen Bescheid wartet, oder dann längst schon nach Afghanistan abgeschoben ist.

 

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4 Responses to Wie hältst dus mit den Frauen, Ali?

  1. Erwin Harrer sagt:

    Solche Artikel erscheinen leider viel zu selten bzw. werden viel zu wenig beachtet. Wer nimmt sich dafür schon die Zeit? Die Studie ist dann sowieso nur mehr für eine ganz kleine Minderheit interessant. Daher ändert das leider nichts an der Meinung der Mehrheit in Österreich. Aber für mich und für alle, die diesen Artikel und vielleicht sogar die Studie lesen, liefert die hier geschilderte Milieustudie wichtige Argumente in Diskussionen zu diesem Thema und zumindest in unserem unmittelbaren Umfeld können wir da und dort vielleicht ein Umdenken und Nachdenken bewirken. Dafür vielen, herzlichen Dank, Frau Hamann.

  2. Georg Bramberger sagt:

    Guter Artikel! Wäre super, wenn das mehr Leute lesen würden.

  3. Norbert Hasenöhrl sagt:

    Sehr interessante Studie. Vielen Dank für die Beschreibung, Fr. Hamann!

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