Es gibt viele verschiedene Gründe, Mutter zu werden – richtige und falsche. Letztere haben viel damit zu tun, dass wir immer noch in einer patriarchalen Gesellschaft leben.

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Mutter wird man aus vielen Gründen. Der häufigste wird immer gewesen sein: Es ist einfach passiert. Man war verliebt. Oder man war nicht verliebt, hat sich aber trotzdem überreden lassen oder wurde gedrängt. Man wollte aufpassen, doch das hat dann nicht fuktioniert.

Dass Frauen nur dann Mutter werden, wenn sie sich nach reiflicher Überlegung und aus freien Stücken dazu entscheiden, ist eine relativ neue Errungenschaft der menschlichen Zivilisation, die man gar nicht heftig genug feiern kann (mit dem Nachteil, dass viele Frauen manchmal etwas zu lange reiflich überlegen, bis es dann biologisch zu spät ist). Ebenso großartig ist die Errungenschaft, dass die meisten Kinder hierzulande heute tatsächlich Wunschkinder sind (samt dem Problem, dass der Wunsch, wenn er sich trotz aller Bemühungen dann doch nicht erfüllt, verzweifelte Ausmaße annehmen kann).

Zu den guten, allseits akzeptierten Gründen, Mutter zu werden, zählen: Liebe; das Bedürfnis nach einer anderen, noch intensiveren Art von Liebe; der Wunsch, etwas von sich in der Welt zu lassen; eine Herausforderung zu suchen, an der man wachsen kann; dem Leben einen Sinn zu geben; oder etwas zum Fortbestand der Menschheit beizutragen.

Doch es gibt auch falsche Gründe. Zum Beispiel: Weil einem grad nichts Besseres einfällt. Weil man immer schon gern mit Puppen gespielt hat. Weil man auf die Frage „was machst du eigentlich?“ endlich eine gesellschaftliche akzeptierte Antwort parat haben will. Weil die Schwangerschaft ein willkommener Vorwand ist, um nicht weiter über Ausbildung, Beruf und die eigene materielle Existenzsicherung nachzudenken. Weil es für Kinder Kindergeld, Beihilfen und Bonuspunkte im Drogeriemarkt gibt, vielleicht auch schneller eine Gemeindewohnung. Weil die Schwiegeltern drängen. Wenn das Kind ein Rettungsanker sein soll, der einen aus einer Depression, Sucht oder einer Krise befreit.

Falsche Gründe gibt es auch in Partnerschaften zuhauf: Wenn man hofft, ein Kind könne die Ehe retten. Wenn man einen Mann an sich zu binden versucht, der eigentlich lieber davonlaufen will. Wenn das Kind einen Mann zwingen soll, sich zu ändern. Wenn man jemandem aus materiellen Gründen ein Kind anhängt. Oder wenn man sich verpflichtet fühlt, einem Mann Kinder und immer noch mehr Kinder zu „schenken“, weil diese seinen Status erhöhen.

Letzteres wird in Österreich nicht mehr allzu häufig vorkommen – doch in großen Teilen der Welt ist es nach wie vor gang und gabe. Je mehr Kinder (besser: je mehr Söhne), desto toller der Mann. Egal, wie schwach die Frauen nach acht, neun, zehn Schwangerschaften sind; egal, wie früh sie mit dem Gebären beginnen müssen, welche gesundheitlichen Risiken sie tragen, und ob es überhaupt für alle genug zu essen gibt: In patriarchalen Gesellschaften spielt das keine Rolle, denn Gebären ist ja der Frau einziger Daseinszweck. Schließlich mischen sich dann auch noch staatliche und religiöse Autoritäten ein: Je mehr Kinder, desto mehr freut sich Gott oder Allah. Je mehr Kinder (besser: je mehr Söhne), desto stärker das Vaterland, und desto mehr Soldaten kann es in Kriegen verheizen.

Alles das tut Frauen nicht gut. Und alles das zeigt, dass sich Mutterschaft von den großen Fragen der Selbstbestimmung und Gleichberechtigung nicht trennen lässt. Wenn eine Frau Mutter wird, bleibt sie nämlich doch immer eine Frau – mit all den Vorlieben und Abneigungen, die sie vorher auch schon hatte, nur halt eben mit ein paar zusätzlichen Freuden und Sorgen dazu. Mutter zu werden ist kein Zaubertrick, der einen aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit hinausbeamt, in andere Sphären. Im Gegenteil: Viele Fallen, die das Patriarchat für Frauen aufgestellt hat, werden für Mütter einfach noch deutlicher. Und brutaler.

In diesem Sinn: Lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen! Auf dass jeder Muttertag auch ein Tag der Frauenrechte sei.

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