Boulevardmedien und Öffentlichkeit spielen mit Spitzenpolitikern ein riskantes Spiel. Bald wird es gelungen sein, alle interessanten Menschen aus der Politik zu verscheuchen.

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Beim Abgang sind sie uns noch einmal richtig nahe gekommen.Vielleicht näher als jemals zuvor. Reinhold Mitterlehner und Eva Glawischnig – und ein paar Jahre vorher schon Josef Pröll: Sie alle haben uns einen Spalt weit hineinschauen lassen in das Seelenleben eines Politikers, einer Politikerin, und in diesem Moment begriff man: nein, lustig schaut es dort drinnen nicht aus. Was die alles aushalten müssen. Was die alles hinunterschlucken müssen jeden Tag, an Stellungskämpfen, Sticheleien, perfiden kleinen Demütigungen und offener Aggression. Und wie groß der Preis ist, den man für einen Platz im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit bezahlt: Das permanente Beobachtet-Werden. Der schmerzhafte Verlust an Zeit, Privatheit, Anonymität. Die Unmöglichkeit, ein normales Familienleben zu führen. Und der Raubbau an der eigenen Gesundheit.

Aber kaum ist so etwas einmal ehrlich ausgesprochen, dauert es nicht lang, und die Zyniker melden sich zu Wort. „Mimosen!“ lautet ihr verächtliches Urteil. Und verlässlich findet sich jemand, der das immergleiche englische Sprichwort zitiert: „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen“. Wenn’s dir zu heiß ist in der Küche, dann lass es halt. Auf österreichisch formuliert: Hat dir ja niemand angeschafft. Wer Bergwandern will, darf sich nicht über Höhenluft beklagen. Wer Tänzerin werden will, muss mit Schwielen an den Füßen rechnen. Und wer in die Politik geht, muss es halt aushalten, dass Medien und Öffentlichkeit einen in Besitz nehmen.

Auf den ersten Blick ist dieses Sprichwort einleuchtend. Auf den zweiten jedoch offenbart sich seine ganze Brutalität. Da mutiert es nämlich zur argumentativen Allzweckwaffe, mit der sich jeder noch so perfide Übergriff rechtfertigen lässt. Jemand erwischt einen Politiker beim Einkaufen, drückt auf den Auslöser der Handykamera und schickt das Foto an eine Zeitung? „Politiker wollen das so, Bekanntheit ja schließlich ihr Kapital“. Jemand zerrt intime Geschichten über Politiker-Ehepartnerinnen oder Politikerinnen-Kinder an die Öffentlichkeit, egal ob wahr oder erfunden? „Damit muss man rechnen – man darf halt nichts zu verbergen haben!“ Jemand schiebt einer Politikerin absichtlich falsche Zitate in den Mund, unterlegt das ganze mit Meuchelfotos und stellt sie auf Facebook an den Pranger, bis die Morddrohungen eskalieren? „Nicht so wehleidig sein. Ein bisserl Widerspruch muss man schon aushalten, wenn man sich in die erste Reihe drängt. Selber schuld, kein Mitleid.“

Beisweilen schaut das, was hier passiert, wie eine Versuchsanordnug für ein perverses Experiment aus. Um beim Bild mit der Küche zu bleiben: Wir schieben Politiker – und noch lieber Politikerinnen – hinein, drehen die Temperatur immer höher, schauen von außen zu, wie sie sich winden, und ergötzen uns daran, wenn sie dabei schlechte Figur machen. Erst wenn einer, eine zusammenbricht oder die Flucht ergreift, ist das Publikum zufrieden. Wieder einer verbrannt. Wieder eine erledigt.

Offen bleibt dann nur eine nicht ganz unwichtige Frage: Nämlich die, wer uns am Ende regieren soll. Wer hat denn noch Lust, diese Küche freiwillig zu betreten? Welcher talentierte, ehrgeizige junge Mensch mit Phantasie und Gestaltungswillen wird sich das antun? Keiner jedenfalls, der ein Privatleben und kleine Geheimnisse wahren will. Keiner, der seine Familie wichtig nimmt. Keiner, der noch irgendwelche Interessen außerhalb des Politikbetriebs hat, und keiner, dem irgendetwas wirklich nahegeht.

In der Politik werden, in gar nicht so ferner Zukunft, nur eine Sorte Menschen übrig bleiben: Teflon-Wesen, an denen alles abrinnt. Gefühllose Zyniker, ohne verwundbare Stellen, ohne widersprüchliche Biographien, ohne Lebenserfahrung, dafür mit perfekt geschulter Rhetorik. Wollen Sie von denen regiert werden? Ich eher nicht so gern.

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