Wie schön es doch ist, eine zweite Landessprache zu haben. Und wie traurig, wenn man glaubt, sie verleugnen zu müssen.

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Die einen Menschen sind stolz sind auf etwas, das sie können. Die anderen sind stolz auf etwas, das sie nicht können. „Von Mathematik hab ich keine Ahnung“, prahlen sie, und heischen dafür Anerkennung. (Mathe-Unfähigkeit stolz vor sich herzutragen, scheint eine regionale österreichischen Unsitte zu sein, die leider allzuviele Kinder in diesem Land daran hindert, ihr schlummerndes naturwissenschaftliches Talent zu entdecken – „Querschreiber“- Kollege Rudolf Taschner, der das „math.space“ gründete, wird davon ein Lied singen können.) Apropos ein Lied singen: Nicht singen zu können, dessen rühmt man sich ebenfalls gern. Das ist zwar gelogen – denn singen kann tatsächlich jeder. Eher ist die Behauptung der Scham geschuldet; man will vermeiden, je ein Lied anstimmen zu müssen, weil man das als peinlich empfindet. Schade eigentlich.

Während die allermeisten Menschen stolz darauf sind, wenn sie mehrere Sprachen sprechen, existiert in Österreichs südlichstem Bundesland eine weitere Variante von Stolz auf ein Nicht- Talent: In Kärnten brüsten sich nämlich viele damit, einsprachig zu sein. Eine bestimmte Sprache, slowenisch nämlich, NICHT zu beherrschen, gilt in ihrem Milieu nicht als bedauerliche Einschränkung, sondern als Auszeichnung, für die man gelobt werden will. (Singen hingegen kann in Kärnten tatsächlich fast jeder, aber das ist wieder eine andere Geschichte.)

Welch seltsame Blüten diese lokale Eigenart treibt, hat man anhand der monatelangen Debatten über die neue Kärntner Landesverfassung verfolgen können. Vor wenigen Tagen, am 1. Juni, ist sie nun in Kraft getreten, und leider hat man die historische Chance verabsäumt, endlich auch die Minderheitensprache Slowenisch, wie im Staatsvertrag vorgesehen, als Landessprache zu erwähnen. Das hätte Sichtbarkeit bedeutet, Anerkennung, Stolz auf das spezielle gemeinsame kulturelle Gewebe. Aber so etwas geht in Kärtnen offenbar nicht. „Die deutsche Sprache ist die Landessprache“ heißt es im neuen Text, gleich wie im alten Text, in trotziger, ausschließender Bestimmtheit, beschlossen von SPÖ, ÖVP und Grünen. Wie traurig. Wie kleingeistig.

Die Abgeordneten ertrugen es deshalb auch nicht, dass einige Jugendliche auf der Zuschauertribüne des Landtags ein slowenisches Lied anstimmten, um an jene Sprache zu erinnern, die in diesem Moment so offensiv verleugnet wurde. „Solche Aktionen verschlechtern das Verhältnis zwischen den Volksgruppen“, wies der ÖVP-Abgeordnete die Sänger auf dem Balkon zurecht; das sei „eine Verletzung der Spielregeln“ (SPÖ), eine „unerträgliche Provokation“ (FPÖ); „auch ich fühle mich provoziert“, sagte sogar die Grüne.

Die Parteienvertreter schrieben damit eine unselige Tradition fort, die in Kärnten seit dem Ende der Monarchie betrieben wird: Wer die Zweisprachigkeit des Landes hochhält, wird der „Spaltung“, „Aufwiegelung“ und „Unruhestiftung“ bezichtigt. Während man gleichzeitig behauptet, die – einmal mit sanfteren, ein andermal mit brutaleren Methoden betriebene – Zwangsgermanisierung diene der „Einheit“.

„Kärnten bleibt deutsch“: Was für eine gigantische Verdrängung das doch ist. Was für eine Verleugnungsleistung, nicht nur der kollektiven Eigenart, sondern auch von zigtausenden individuellen Familiengeschichten. Dass man sich selbst ein Talent austreibt, eine Besonderheit auszuradieren versucht, die einen von anderen unterscheidet: Wie destruktiv das ist, und was für eine sinnlose Zerstörung von Ressourcen, die man genausogut produktiv nützen könnte. Was für eine Einschränkung auch der wirtschaftlichen Chancen in der Region.

Nur gut, dass die Kärntnerinnen und Kärntner insgeheim schon weiter als ihre politischen Vertreter sind. Die Anmeldungen zum zweisprachigen Unterricht steigen kontinuierlich, inzwischen lernt fast die Hälfte der Südkärntner Kinder in der Schule slowenisch. „Die deutsche Sprache ist die Landessprache“? Nicht mehr lang, und das ist gut so.

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