Beim Thema Altenpflege ist viel Scham und Scheinheiligkeit im Spiel. Und öfter als man zugibt, geht es ums Geld. Die Abschaffung des Pflegeregresses wird das zeigen.

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Großonkel Hans ist dement. Außerdem ist er nicht mehr gut zu Fuß. Man muss ihn zum Spazierengehen in den Rollstuhl setzen. Er ist jedoch so schwer geworden, dass seine Betreuerinnen ihn kaum mehr heben können. Seine Betreuerinnen, das sind: Seine Frau Helga, die zwar noch wach im Kopf ist, sich aber nur noch zwischen Küche und Garten bewegt. Die Nichte, die am Wochenende für ein paar Stunden vorbeischaut. Und die zwei rumänischen Pflegerinnen, die sich alle zwei Wochen abwechseln. Eigentlich lautet ihre korrekte Bezeichnung „Personenbetreuerinnen“, denn Pflege haben sie nie richtig gelernt, schon gar nicht den speziellen Umgang mit Demenzerkrankungen.

Die Situation ist anstrengend (denn Hans kann sehr anstrengend sein). Es gibt Konflikte (denn Helga und eine der Betreuerinnen können einander nicht ausstehen und tragen im Alltag kleine Machtkämpfe aus.) Doch die Nichte kommt sonntags schlichten und beschwört die beiden, sich doch ein bisserl zusammenzureißen: Es gebe zum Arrangement keine Alternative. Es sei nicht leicht, neue Betreuerinnen zu finden, nicht an diesem abgelegenen Ort, und nicht um den relativ günstigen Tarif, den man ihnen zahlt.

Objektiv betrachtet, gäbe es selbstverständlich eine Alternative: Wahrscheinlich wäre Großonkel Hans in einer guten öffentlichen Einrichtung, die auf Demenzerkrankungen spezialisiert ist, besser aufgehoben als daheim. Das beginnt beim Haus. Onkels Schlafzimmer liegt im ersten Stock. Die Treppe ist eng, mit dem Rollstuhl kommt man nicht ins Badezimmer. Waschen und Baden ist deswegen Schwerarbeit, die Betreuerinnen kriegen das nur selten hin. Was dazu führt, dass Onkel Hans schlecht riecht, und sich deswegen nie jemand neben ihn setzen und plaudern mag. Über einen barrierefreien Umbau hat die Familie zwar nachgedacht – ist aber ist vor den Kosten zurückgeschreckt. Wer weiß denn, wie lange der Großonkel noch lebt.

Weiter geht es mit Onkel Hans’ Eigenheiten. Eine Demenzerkrankung ist eine schwierige Sache, speziell für nahe Angehörige. Sie haben Erinnerungen, die der Kranke nicht teilt. Sie leiden am fortschreitenden Verfall, den sie beobachten; er leidet daran nicht. Familienfremde tun sich mit Hans oft leichter, er ist in ihrer Gegenwart viel gelöster. Außerdem kann man den Umgang mit solchen Patienten lernen. Geschulte Pflegekräfte kennen tausend kleine Kniffe, die den Alltag, vom Waschen bis zum Essen, weniger stressig machen. Sie gehen nach acht Stunden Arbeit nach Hause, können abschalten und behalten deswegen besser die Nerven. Sie nehmen Onkel Hans’ Launen nicht persönlich. Und idealerweise bekommen sie Unterstützung und Supervision.

Was also hat die Familie bisher davon abgehalten, für Großonkel Hans eine gute, für ihn passende Einrichtung zu suchen, obwohl das für alle Beteiligten besser wäre? Erstens das schlechte Gewissen; die – speziell am Land – immer noch stark verbreitete Geisteshaltung, Pflege sei ureigene Aufgabe der Frauen; „Abschieben“ in ein Heim, „so etwas tut man nicht“. Zweiter Faktor war das Geld. Wenn Großonkel Hans ein Sparbuch mit 50.000 Euro besaß oder ein Grundstück, musste eine Familie bisher kühl rechnen: Wenn er ins Heim kommt, das 3000 bis 6000 Euro im Monat kostet, ist das kleine Vermögen in wenigen Jahren weg.

„Es ist besser für den Onkel, wenn er zu Hause bleibt“, bedeutete somit häufig gleichzeitig: „Es ist besser für uns, wenn von seinem Erbe etwas übrig bleibt.“

Die Abschaffung des Pflegegegresses ab 1. Jänner wird diese komplexen Gedanken- und Gefühlsketten durcheinanderwirbeln. Großonkel Hans wird, wie tausende andere, im Heim angemeldet werden. Seine zwei Betreuerinnen werden, wie tausende andere, heim nach Rumänien fahren. Und die neue Regierung – welche auch immer das sein wird – wird unser gesamtes Pflegesystem auf neue Füße stellen müssen. Mal schauen, ob sie das hinkriegt.

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