25 Millionen Menschen haben weltweit heuer Kreuzfahrten gebucht. Möglichst viel herumfahren, ohne irgendwo anzukommen: Wo führt das hin?

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Schiffe wurden einst dafür gebaut, um von A nach B zu kommen. Die Wikinger bauten Boote, um baltische oder englische Dörfer zu plündern. Die Araber setzten ihre Segel, um an den Küsten des Indischen Ozeans Handel zu treiben. Christoph Kolumbus wollte von Europa nach Indien, und kam dabei versehentlich in Amerika an. Auf dieser Route folgten, in den Jahrhunderten danach, Passagierschiffe sonder Zahl. Allesamt mit Menschen an Bord, die ein Ziel hatten: Sie wollten dort, wo sie hinfuhren, etwas tun. Plündern, missionieren, auswandern, Öl finden, glücklich werden, eine Familie gründen, ein neues Leben beginnen.

Weil die Transatlantik-Strecke im Winter schlecht gebucht war, das Wetter unwirtlich und die See rau, kam die „Peninsular & Oriental Steam Navigation Company“ Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Idee, ein unausgelastetes Passagierschiff für Bildungs- und Vergnügungsfahrten im Mittelmeer einzusetzen. Das war ein voller Erfolg. Passagierschiffe gibt es heute kaum noch, stattdessen sind die Werften voll damit ausgelastet, all die neuen Kreuzfahrtsschiffe zu bauen, die geordert werden. 16 kommen heuer neu dazu, was die Gesamtzahl der Schiffe derzeit auf 474 bringt. Mehrere tausend Passagiere haben auf jedem Platz – auf Kurs zwischen den Mittelmeerhäfen, in der Karibik oder im fernen Osten.

Dort, wo sie anlegen und kurz an Land gehen, sind die Kreuzfahrer allerdings immer weniger willkommen. In Venedig sowieso – die Wellen schaden den Gebäuden, und die Abgase der Gebäudesubstanz, abgesehen von der ästhetischen Zumutung, wenn Schiffstürme die Sicht auf Kathedralen und Palazzi verstellen. Widerstand regt sich auch in Dobrovnik (wo an einem einzigen Tag im heurigen Juni 9000 Kreuzfahrtpassagiere die engen Gassen der Altstadt fluteten), Malta oder Barcelona. Abgesehen davon, dass für die immer größer werdenden Schiffe oft gar kein Platz mehr an den Kais und Hafenanlagen ist. In Folge werden bei Kreuzfahrten, je aufwendiger und beliebter sie werden, immer weniger Landgänge eingeplant. Die Strecke zwischen den Häfen ist längst das eigentliche Ziel der Reise geworden.

Dementsprechend haben die Schiffe inzwischen aufgerüstet, was Bord-Entertainmelt betrifft. Wer sich ein paar Speisesäle und Bars vorstellt, einen Pool, eine Bowling-Bahn, ein paar Geschäfte und eventuell noch Disco und Spielcasino, ist hoffnungslos von vorgestern. Statt „Pool“ bieten die modernen Mega-Schiffe inzwischen, je nach Klientel, entweder komplette Fun-Fabriken (Wasserrutschen, Rafting und Wellenanlagen fürs Surfen) oder Wellness-Oasen (komplett mit Spa, Massage-, Yoga- und Beautystudios, Schönheitsoperationen manchmal inklusive). Wer genau weiß, was er mag, kann genau das Schiff finden, das ihn oder sie rundum glücklich macht – und da reden wir längst nicht mehr nur von Vorträgen für Bildungsbeflissene. Hobbysportler können auf Kreuzfahrtschiffen mittlerweile eislaufen, Bungee-Jumpen, Rennen auf Gokart-Bahnen fahren, Golf spielen und Klettern lernen. Wer gern spazieren geht, bucht ein Schiff mit Park und wandelt durch exotische Pflanzenhaine. Wer eher auf Heavy Metal steht, geht auf eine Heavy-Metal-Kreuzfahrt, gemeinsam mit einigen Dutzend Heavy-Metal-Bands, und kriegt täglich mehrere Heavy-Metal-Konzerte serviert.

Die logische Weiterentwicklung des Reisens auf See liegt auf der Hand: Wenn das Anlegen immer lästiger, und die Zeit dazwischen immer spannender wird, legt man einfach gar nicht mehr an, sondern bleibt die ganze Zeit an Bord. Schon jetzt haben manche Zimmer statt Fenstern elektronische Bildschirme, die die Aussicht live übertragen. Auf diesen könnte natürlich genausogut jede beliebige andere Aussicht eingespielt werden. Was bedeutet, dass man, im Interesse der Umwelt – man denke an den Co2-Ausstoß! – gar nicht erst herumfahren müsste. Sondern gleich dort bleiben könnte, wo man an Bord gegangen ist.

 

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