Das P-Wort ist zum Schimpfwort geworden. Schade eigentlich. Ist es schon Zeit für eine Ehrenrettung?

presse-kolumne

Es muss irgendwann in den Achtzigerjahren gewesen sein, und es war wahrscheinlich Jörg Haider, der damit angefangen hat. Was der gelernte Österreicher bis dahin als Normalität akzeptiert hatte, bekam plötzlich einen abwertenden Klang. Man begann, „Parteienstaat“, „Systemparteien“ und „Altparteien“ zu sagen. „Parteifunktionär“ zu sein, hatte einen ehrenrührigen Beigeschmack, eine „Parteikarriere“ zu machen, ebenso (auch wenn sie erfolgreich war). „Parteipolitik“ war eine suspekte Art von Politik, und „Parteiraison“ ein Sündenfall.

Kein Wunder, dass Parteien hinfort alles daran setzten, an dem schmutzigen P-Wort möglichst wenig anzustreifen (auch wenn sie weiterhin intern als Parteien funktionieren und Parteinförderung bekommen wollten). Die in den Achtzigerjahren gegründeten Grünen machten den Anfang: Sie waren einerseits „Liste“ (ALÖ), andererseits „Vereinte Grüne“ (VGÖ), und demonstrierten damit ihre Verbundenheit zu jenen außerparlamentarischen Bewegungen, aus denen sie hervorgegangen waren.

Als nächstes kam die FPÖ. Parteichef Haider strich ihr, mit einer kleinen Bewegung aus dem Handgelenk, das „P“ aus dem Namen und benannte sie in „Die Freiheitlichen“ um. Als „Bewegung“, so Haiders Kalkül, würde man den anderen Parteien noch ein bisschen mehr Schrecken einjagen als ohnehin schon. Es würde wilder, unberechenbarer klingen, ein Hauch von Aufstand schwang da mit, und man würde sich bei allen Tabubrücken, die man plante, besser auf das Volk und seinen angeblichen Willen berufen können.

Die Liberalen, die sich abspalteten, konnten dahinter selbstverständlich nicht zurück. „Forum“ – das klang nach antikem Theater oder nach Sesselkreis, jedenfalls nach gesittetem Austausch von Wortmeldungen, nachdem man vorher brav die Hand gehoben hatte. Ihre Neos-Nachfolger probieren seither mehrere Namensgirlanden in verschieden Kombinationen auf dem Stimmzettel aus – alle jedoch ohne das verfemte P-Wort.

Ja, und dann kamen die Einzelkämpfer. Erst Lugner, dann Stronach, dann Pilz. Ersterer als „Die Unabhängigen“, zweiterer als „Team“, der dritte als „Liste“. Und auch wenn man Peter Pilz inhaltlich Unrecht tun mag, indem man ihn in diese Reihe stellt – strukturell gibt es durchaus Gemeinsamkeiten. Listen werden vom Listenführer freihändig erstellt, indem er alte Freunde und Bekannte durchruft, oder Leute, die ihm im Fernsehen irgendwann als sympathisch aufgefallen sind. Das Programm besteht aus jenen Themen, die dem Listenführer bedeutsam erscheinen und wo er sich auskennt. Der Listenführer hält den Laden zusammen, solange er Kraft und Laune hat. Er darf halt nicht krank werden. Der Rest ergibt sich irgendwie.

Bei Sebastian Kurz, der seine Partei  – vorübergehend – im Hinterzimmer verräumt hat und nach außen hin ebenfalls als „Liste“ auftritt, läuft es im Prinzip genauso. Mit der wesentlichen Besonderheit, dass er zwar das „P“, den Parteinamen und die Parteifarbe abgeworfen hat, nicht aber die Parteikassa, die mit der Parteienförderung reich gefüllt ist.

Wenn niemand mehr Partei sein will, ist es vielleicht an der Zeit, dass jemand für sie Partei ergreift. Das könnte sich in etwa so anhören: Es ist organisatorisch von Vorteil, wenn eine Gruppe, die etwas verändern will, nicht nur von einer einzelnen Person, sondern von weltanschaulichen Grundsätzen zusammengehalten wird. Es ist gut, wenn diese inhaltlichen Grundsätze in Diskussionen verschiedenster Menschen entwickelt werden, statt dem Hirn eines Einzelnen zu entspringen. Es ist schön, wenn eine Partei auf eine Geschichte zurückblicken kann, die den Einzelnen überlebt. Wenn sie sich an Erfolge und Niederlagen erinnert. Wenn es gemeinsame Erfahrungen gibt, die verschiedenste Indviduen ähnlich geprägt haben. Und wenn man weiß, dass es für manche historischen Veränderungen einen langen Atem braucht.

In diesem Sinn würde ich gern ein Partei wählen, die sich nicht dafür schämt, dass sie eine ist.

 

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.