Jeder starrt sie an, jeder zerrt an ihnen herum, jeder sagt ihnen, was sie anziehen und wie sich benehmen müssen. Wie geht es muslimischen Mädchen damit?

eine falter-Reportage

Sibel hatte einen Scheißtag. Er hat schon blöd angefangen mit der Stiefmutter, die sich neuerdings in der Wohnung ihres Vaters breitmacht. Ständig weiß sie alles besser und gibt allen ungefragt gute Ratschläge. Das nervt wahnsinnig. Bei der Mutter, wo Sibel dann hingefahren ist, war es allerdings auch nicht besser, denn dort ist eben die große Schwester wieder eingezogen, die von ihrem Verlobten verlassen wurde, und vermiest mit ihrem Frust allen die Laune. Und dann auch noch der Streit mit ihrem Vater. Am Nachmittag wollte Sibel ins Schwimmbad gehen, mit ihrer Freundin, ganz normal, es ist ja so heiß, und der Vater war längst einverstanden. Aber dann hat die Schwester behauptet, sie wolle im Schwimmbad bloß Burschen treffen, dann konnte sich der Vater plötzlich nicht mehr erinnern, dass er schon Ja gesagt hatte, und dann sind bei allen die Sicherungen durchgebrannt. Schreien, Heulen, Türenknallen, Tränen.

Und jetzt sitzt Sibel, 13 Jahre, lange dunkelblonde Haare, kurzes weißes Sommerkleid, Flipflops, in einem Hinterhof auf einem Klappsessel und lässt sich trösten. Hier kann sie reden, hier versteht man sie, deswegen kommt sie her. Es ist Freitag, Mädchennachmittag bei „Back Bone“, einer niederschwelligen Jugendeinrichtung in der Brigittenau. Es wird viel geraucht in der Runde. Drinnen auf dem Herd steht eine Reispfanne mit Erbsen. Die Jugendarbeiterin Tugban, auf dem Klappsessel neben Sibel, hört zu und findet richtige Worte. Die versteht sie am besten, schließlich war Tugban auch einmal ein 13jähriges Mädchen in einer türkischen Wiener Großfamilie, mit sieben Geschwistern.

Doch es hat sich einiges verändert seit ihrer eigenen Kindheit, sagt Tugban Uslu. „In den Achtzigern hat man innerhalb der Community gelebt, mit Alltagsregeln und Ritualen, aber nach außen hin wollte man nicht auffallen.“ Dass man muslimisch war, war kein Thema. Heute jedoch ist der Islam viel exponierter. Es gibt einen starken Druck, öffentlich zu deklarieren, wohin man gehört, und vieles davon wird über die Mädchen definiert. Die Eltern, die Lehrer, die Peeergroup, die Medien – jeder zerrt an ihnen herum, sagt ihnen was sie zu tun haben, verlangt von ihnen Bekenntnisse. Kopftuch oder kein Kopftuch – allein, dass darüber ständig diskutiert wird, erzeugt Stress. „Jeder spricht über dich, jeder starrt dich an – die Aufladung hat alles sehr anstrengend gemacht“, sagt Uslu.

Sibel erlebt das jeden Tag in der Schule. Sie geht in die dritte Klasse einer AHS, „fast nur Ausländer“, sagt sie. Besonders auf die Nerven gehen ihr die Burschen, die „immer auf ur-klug tun“, obwohl sie vom Islam keine Ahnung haben. Dennoch predigen sie, wie man sich im Ramadan zu benehmen habe: nicht fluchen, nicht lügen, nicht rauchen. „Aber das gilt immer nur für die anderen, nie für sie selbst.“, sagt Sibel. „Die schimpfen in einem fort. Aber wenn ich zurückschimpfe, heißt es gleich: ’Wie pervers bist du bitte?“

Sibel macht ihrem Ärger öffentlich Luft, sie schreibt Texte auf Instagram. „Willst du hören? Ist aber nicht jugendfrei!“ Sie wischt über ihr Handy mit der silbernen Glitzerhülle und liest vor. „’Meine Zukünftige MUSS Jungfrau sein!’- das sagt meistens ein Junge, dessen Schwanz schon in jeder war. Ich meine: wer gibt euch das Recht, etwas zu verlangen, was ihr selbst nicht bieten könnt?“

Die Runde ist beeindruckt. Fatima, 17, hat bisher nur ruhig zugehört, aber jetzt ist sie aufgewacht. Diese depperte Doppelmoral, so etwas ähnliches ist ihr neulich ebenfalls passiert. „Schämst du dich nicht, dass du rauchst?“, habe ein tschetschenischer Bursch sie angefahren, genau hier war es, neben den Blumentöpfen. „Aber er hatte selber eine Tschik in der Hand!“ Eine türkische Freundin mischte sich ein. „Fatima ist Tschetschenin wie ich, deswegen darf ich mit ihr schimpfen“, rechtfertigte sich der Bursch.

Fatima ist introvertierter als Sibel. Schmal, schwarze Jeans, Brille auf der Nase, sie macht eine Gärtnerlehre, die Tschetschenin sieht man ihr auf den ersten Blick nicht an. Dafür haben die Tschetschenen sie umso genauer im Blick. Tschetschenen, pflichten ihr die anderen Mädchen bei, gingen auch in ihren Klassen oft dazwischen, wenn sich irgendein Bursch mit einem tschetschenischen Mädchen unterhält. „Die wollen alles kontrollieren“.

In der Jugendzeitung „Biber“ wurde dieses Verhaltensmuster vor einem halben Jahr erstmals ausführlich beschrieben. „Generation Haram“ nannte Autorin Melisa Erkurt das Phänomen und erregte damit großes Aufsehen, die Story wurde zur „Story des Jahres“ gewählt. Sind da in den Wiener Schulen und Jugendzentren lauter Mini-Religionskrieger unterwegs, die Mädchen drangsalieren?

„Ich glaube, es ist weniger wegen der Religion, und mehr wegen der Ehre“, sagt die stille Fatima. Die Sozialarbeiterinnen stimmen zu. „Die religiösen Sprüche sind bloß die Oberfläche“, sagt Uslu. „Darunter steckt tiefer Frust, das Gefühl, zu kurz zu kommen.“ Und das wiederum habe mit der Ökonomie und dem Geschlechterverhältnis zu tun. Speziell unter schlecht ausgebildeten Türken in Wien steigt die Arbeitslosigkeit. Väter, die dem traditionellen Verständnis gemäß eigentlich die Familie versorgen und ihren Söhnen ein Vorbild sein müssten, verlieren Job und Status. Die Söhne sind orientierungslos, lassen sich von überforderten Lehrerinnen nichts sagen, verlassen die Schule mit einem Hauptschulsabschluss, der nichts wert ist; beobachten, dass Mädchen häufig besser lernen, an ihnen vorbeiziehen, und öfter den Sprung aufs Gymnasium schaffen.

„Die lautesten religiösen Sprüche kommen von denen mit den wenigsten Perspektiven,“ sagt die Sozialarbeiterin Birgit Sekanina.

Sekanina ist alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter. Sie hat all diese Sprüche schon gehört. „Frau mit Hose“, „Frau ohne Mann“, „Mannweib“ hat man zu ihr gesagt – manchmal scherzhaft, manchmal provokant. „Du hast ein Kind, keinen Mann, du bist eine verlorene Seele“, formulierte es einmal ein Bursch, doch das war eher liebevoll gemeint. Dass man sich, samt der eigenen Art zu leben, den Jugendlichen als Reibebaum zur Verfügung stellt, ist sozialarbeiterische Absicht.

Bei Tugban Uslu, ledig und kinderlos, ist die Irritation noch größer – kommt sie doch aus demselben Milieu wie viele der Jugendlichen. Sie ist ledig, hat keine Kinder, hat alle kulturellen Konventionen abgelegt. „Was bist denn du für eine Muslima?“, heißt es dann. Doch genau das will sie den Mädchen zeigen: Dass es viele verschiedene Arten gibt, Muslima zu sein. Fromme Muslima sogar. „Meine Religion ist mir heute wichtiger als noch vor einigen Jahren“, sagt Uslu, „heuer habe ich sogar zum ersten Mal überlegt, ob ich im Ramadan fasten soll.“

Tatsächlich sind jedoch auch die Botschaften der Mädchen mitterweile komplex. Das Outfit ist wichtiger denn je: Hose oder Rock, enge Hose oder weite Hose, kurz, knie- oder knöchellang, und natürlich die Kopfbedeckung: all das sind Signale, mit denen man Zugehörigkeit zeigen kann. Daraus die Unterscheidung zwischen „gläubig“ und „modern“ abzuleiten, ist nicht so einfach. Neulich war die „Back Bone“-Mädchengruppe auf einem Ausflug in Carnuntum. Die einzigen beiden, die sich auch an diesem glühend heißen Tag streng ans Fasten hielten und nicht einmal einen Schluck Wasser tranken, waren in trägerlosen schulterfreien T-Shirts unterwegs, und gehören zur Sorte, die sich von niemandem etwas vorschreiben lässt.

Speziell das in den Medien gern vermittelte Bild von den strengen Eltern, die ihre Töchter unters Kopftuch zwingen, stimme selten, sagen die Sozialarbeiterinnen. Die Elterngeneration lege eher Wert darauf, unauffällig zu sein. Die Töchter hingegen begehren genau dagegen auf, und das umkämpfte Kopftuch eignet sich dazu bestens. „Man tut das, um sich abzugrenzen, der Peergroup zu gefallen, oder um Lehrer zu ärgern.“ Auch mit mangelndem Selbstbewusstsein oder Körperfeinlichkeit gehe das nicht immer einher: „Kopftuch mit knallengen Jeans, offensiv geschminkt, bauchfrei – das gibt’s in allen Kombis“, sagt Tugban Uslu.

Auftritt der beiden Schwestern Betül (21) und Elif (19). Sie kommen nicht bloß, sie erscheinen: Zwei große, schlanke Frauen mit wehenden schwarzen Haaren, in strahlend weißen gestärkten Tops, in denen die drückende Schwüle des Sommertags keinerlei Spur hinterlassen hat. Draufgängerisch und laut die ältere, ruhig und bestimmt die jüngere. Ihre Sprache ist eloquent, doch die rauhe Färbung verrät die Kindheit im Park. Obwohl die beiden inzwischen in Simmering wohnen, machen sie beinahe jeden Freitag den weiten Weg in die Brigittenau, seit über zehn Jahren. „Back Bone“ hat Betül und Elif duch den ganzen Prozess des Erwachsenwerdens begleitet; durch Schulprobleme und Liebeskummer, Amtswege, Familienzoff und Jobbewerbungen. Neun und elf Jahre alt waren sie, als sie zum ersten Mal schüchtern in der Tür standen und fragten, ob man hier denn tanzen könne.

„Ständig haben die Türken im Park über diesen Ort getuschelt“, lacht Betül prustend und klopft sich auf die Schenkel. „Sie haben die Kinder immer davor gewarnt. Wir dachten schon, das ist ein Puff hier!“ Man beruhigte die Eltern, indem man sie hierher einlud und ihnen alles zeigte. Und die Eltern begriffen bald, dass den Mädchen ein bisschen Unterstützung von außen gut tat. Betül, die schon als kleines Mädchen mit den Buben Fußball spielte, hat eben ihren ersten Job als Bautechnikerin verloren und will jetzt in der Abendschule die Matura nachmachen. Elif hat eben erfahren, dass sie ihre HAK-Matura bestanden hat, und denkt über ein WU-Studium nach. „Werdet nicht so wie wir“, hatten die Eltern sie bestärkt.

Es ist eine typische Familiengeschichte, die die beiden erzählen: Vom Vater, der sich als Dackdecker und Eisenbieger auf Baustellen verdingte, bis er invalide und arbeitsunfähig wurde; von der Mutter, die in der Türkei auf Geheiß ihres großen Bruders die Schule abbrechen musste – aber heute die Familie ernährt, indem sie im Schichtdienst als Küchenhilfe arbeitet. Man blieb unter sich, lernte wenig deutsch, suchte nie um die österreichische Staatsbürgerschaft an, und war auf die Hilfe der Töchter angewiesen, wenn man die Post vom Amt nicht verstand. Gleichzeitig zerriss man sich auf der Parkbank das Maul darüber, wenn man die Tochter eines anderen in unanständiger Kleidung auf der Straße gesehen hatte.

Betül und Elif schildern das alles mit freundlicher Nachsicht. Sie haben ihre Eltern lieb. Sie erzählen nicht von religiösen Eiferern, sondern von unsicheren Menschen, die in den patriarchalen Regeln der Heimat ein bisschen Halt suchen – insgeheim wissend, dass sie auf verlorenem Posten stehen. Demnächst steht die nächste Kraftprobe an, doch schon steht fest, wie sie ausgehen wird. „Ich sag dem Papa immer: Du wirst sehen, bald zieh ich aus, und dann wohn ich allein“, sagt Betül. „Aber er wird’s mir erst glauben, wenn ich wirklich ausgezogen bin.“

Fatima, die stille Gärtnerin, nickt. Allein zu leben – ohne Vater, ohne Ehemann – ist für viele Mädchen aus traditionellen muslimischen Familien noch immer ein Tabu. Für Fatima ist dieser Konflikt jedoch noch existenzieller als für andere, denn sie ist lesbisch. Seit sie ihre Lehre macht, sagt sie das auch offen. In ihrer Community trauen sich so etwas nur wenige. Die Vertreterin eines Tschetschenen-Vereins sei neulich zu ihr gekommen, und habe ihr eine seltsame Predigt gehalten – „Sie hat erzählt, dass es Homosexualität gibt, aber das sei nicht gut, und man solle besser nicht drüber reden.“ In Fatimas Ohren klang es wie eine versteckte Drohung.

Fatima ist klar, dass sie, spätestens wenn an Heirat gedacht wird, einen Bruch mit der Konvention wagen muss. Ihre Mutter habe große Angst, was die anderen Tschetschenen über die Familie reden. Gleichzeitig jedoch weiß die Mutter: Je rigider die Regeln, die man den Töchtern diktiert, desto größer ist die Gefahr, sie ganz zu verlieren.

„Meine große Schwester hat sich nichts gefallen lassen. Sie hat gemacht, was sie will, ist ausgezogen, und lebt jetzt mit ihrem Freund“, sagt Fatima leise. „Seither gibt es keinen Kontakt mehr. Ich glaube, meine Mutter ist deswegen weniger streng mit mir. Ich darf jetzt sogar Hosen anziehen.“

Info- Kasten

„Back Bone“ ist eine Einrichtung der Mobilen Jugendarbeit im Arbeiterbezirk Brigittenau. An den unterschiedlichste Orten (Parks, Schulen, Social Media) nehmen die SozialarbeiterInnen mit Jugendlichen Kontakt auf und pflegen diesen oft über viele Jahre. Ziel ist es, ihnen den Rücken zu stärken, damit sie ihren individuellen Weg gehen. Ein großes Hindernis sieht Back Bone-Leiterin Manuela Synek in der Wohnsituation: Für Mädchen, die sich aus einengenden Familien lösen wollen, gibt es kaum Möglichkeiten, auszuziehen. In Frauenhäuser passen sie sie nicht, in Krisen-WGs oder Obdachloseneinrichtungen ebensowenig, andere Plätze für betreutes Wohnen gibt es jedoch nicht. „Man sagt Mädchen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen sollen – aber wo sollen sie denn dann hin?“

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.