Ab kommendem Wochenende müssen alle Menschen in Österreich immer und überall ihr Gesicht zeigen. Wollten wir das eigentlich? Wir wurden nie gefragt.

presse-kolumne

Menschen, die ihrem Staat voll und ganz vertrauen, haben kein Problem damit, ihm persönliche Informationen preiszugeben. Sie erledigen alle Überweisungen online und gewähren dem Finanzamt bereitwillig Einblick in all ihre Konten. Es stört sie nicht, wenn Straßenkameras die Fahrten aller Autos erfassen, und dass die Polizei aus ihren Handydaten lückenlose Bewegungsprofile herstellen kann. Solche Menschen geben bei Online-Aktivitäten stets ihren richtigen Namen an. Sie stellen Finderabdrücke und DNA-Proben zur Verfügung, wenn es der Verbrechensprävention dient. Sie lassen die Polizei, wenn sie will, bei ihren Emails und Facebook-Chats mitlesen. Und sie finden es richtig, dass jeder Mensch, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, stets, für alle erkennbar, sein Gesicht zeigen muss. Wer nichts zu verbergen hat, meinen solche Menschen, muss sich vor totaler Transparenz nicht fürchten. Denn der Staat – das sind schließlich wir alle, und wir müssen einander vertrauen.

Eine andere Art Menschen bringt dem Staat grundsätzlich eher Misstrauen entgegen. Sie wollen den Behörden nicht mehr verraten als unbedingt notwendig. Vehement wehren sie sich gegen die Abschaffung des Bargelds. Die Registrierkassenpflicht ist ihnen ein Dorn im Auge, das Bankgeheimnis hingegen heilig. Sie genießen den Schutz der Anonymität im Netz, verschlüsseln ihren Mailverkehr, eventuell checken sie manchmal in Hotels unter falschem Namen ein. Sie wollen kein Google-Street-View vor ihrem Haus, und keine Section Control auf der Autobahn. Diese Menschen haben nicht zwangsläufig etwas zu verbergen, aber sie halten Privatsphäre für ein hohes Gut. Sie pochen darauf, sich einen Raum zu bewahren, auf den keine Obrigkeit Zugriff hat. „Der Staat“ – das sind in ihren Augen verschiedenste Akteure mit unterschiedlichsten Interessen, denen man keinesfalls einen Blanko-Vertrauensscheck ausstellen darf. Man ahnt ja, wie schnell sich die Machtverhältnisse ändern können, und wieviel Missbrauch ein böswilliger Staat mit all den gesammelten Daten dann treiben kann.

Beide diese Sichtweisen haben etwas für sich. Sie berühren Grundsatzfragen unseres Zusammenlebens, die man redlich und ausführlich diskutierten müsste. Hat man aber nicht. Man hat Fakten geschaffen. In wenigen Tagen tritt in Österreich ein Gesetz in Kraft, das es mit einem Schlag verbietet, inkognito im öffentlichen Raum unterwegs zu sein. Jeder Mensch ist ab sofort verpflichtet, jederzeit und überall offen sein Gesicht zu zeigen. Das ist eine große Sache – angesichts von Gesichtserkennungssoftware, die immer besser wird, und angesichts der immer ausgefeilteren Methoden, die so gewonnenen Daten miteinander zu verknüpfen. Wollen wir das? Welche Folgen wird es haben? Keine Sekunde lang haben wir darüber nachgedacht.

Stattdessen haben wir uns ablenken lassen. Monatelang haben wir uns für die Befreiung muslimischer Frauen in die Schlacht geworfen. Haben leidenschaftlich Strategien diskutiert, um Frauen aus der Burka und aus der Befehlsgewalt ihrer Ehemänner herauszulocken. Wir haben uns an der Vorstellung ergötzt, wie der arabische Scheich in Zell am See jetzt wohl dreinschauen wird, wenn seine drei verhüllten Gattinnen jeweils ein Strafmandat über 150 € kassieren. Und wir haben uns gut gefühlt dabei. Es gehe um den politischen Islam, hat man uns gesagt; darum, seine sichtbaren Symbole in die Schranken zu weisen. Bloß wegen dem Gleichbehandlungsgrundsatz müsse man halt, pro forma, auch alle anderen Gesichtsverhüllungen verbieten. Doch letzteres sei ja nicht so ernst gemeint.

Es könnte jedoch genau andersherum gewesen sein: Dass die Burka bloß ein Vorwand war, um einen weitreichenden Eingriff in unser Recht auf Privatheit auf Schiene zu bringen. Es könnte sein, dass es gar nie so sehr um die unterdrückten Scheich-Gattinnen ging, sondern eher um uns alle. Und wir haben es gar nicht gemerkt.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.