Über das neue Buch von Asne Seierstad („Zwei Schwestern: Im Bann des Dschihad“, Verlag Kein&Aber)

In den Tagen, während dieser „Falter“ erscheint, findet in Raqqa ein Machtwechsel statt. Raqqa ist eine staubige Stadt im Osten Syriens, einstöckige Häuser, wenig Schatten, im Herbst hat es dort immer noch 30 Grad. Kurdische Milizen sind, mit amerikanischer Luftunterstützung, drauf und dran, die langjährige Hauptstadt des „Islamischen Staats“ (IS) militärisch zu erobern. Sobald sie einmarschieren, werden die meisten IS-Kämpfer verschwunden sein. Die wichtigeren wurden wohl evakuiert. Alle anderen werden ihre IS-Erkennungszeichen abnehmen, in Zivilkleider schlüpfen und sich unsichtbar machen. Wie bei jeder Niederlage in jedem Krieg.

In Raqqa werden dann zwei junge Frauen übrigbleiben, die nicht hierhergehören. Ayan und Leila heißen sie, zwei Schwestern, inzwischen müssten sie 23 und 20 sein, mit jeweils einer dreijährigen Tochter. Die beiden jungen Frauen fallen in dieser Umgebung auf. Sie sind fremd. Sie haben schwarze Hautfarbe (denn ihre Familie stammt aus Somalia) und sprechen nur gebrochen arabisch (denn sie sind in Norwegen aufgewachsen). Ayan und Leila sind im Oktober 2013 von daheim ausgerissen und nach Syrien abgehauen, um IS-Kämpfer zu heiraten und dem Islamischen Staat Nachwuchs zu schenken.

Was werden die beiden in diesen Tagen tun? Sind sie erleichtert oder verzweifelt, dass das riskante Abenteuer, dem sie sich freiwillig ausgesetzt haben, vorbei ist? Werden sie reuig ins norwegische Baerum zurückkehren, zu ihrem Vater, der sie jahrelang verzweifelt gesucht hat und darüber beinahe den Verstand verlor? Werden sie sofort verhaftet, und als Terror-Unterstützerinnen vor ein norwegisches Gericht gestellt? Oder werden sie im Kampf um Raqqa gar getötet? Alles das ist möglich. Die Geschichte der beiden Schwestern ist noch nicht zu Ende, es ist offen, wie sie ausgeht. Aber genau das – diese Dringlichkeit, die Echtheit – machen die Wucht des Tatsachenromans „Zwei Schwestern“ aus.

Geschrieben wurde dieses Buch von der norwegischen Journalistin Asne Seierstad. Sie ist 47 Jahre alt, freie Journalistin, vielfach ausezeichnete Kriegsberichterstatterin. In akribischer Recherche hat sie alles zusammengetragen, was sich über den Fall der beiden „IS-Bräute“, wie die Medien sie nannten, herausfinden lässt. Sie fuhr dem Vater nach, an die syrisch-türkische Grenze, wo er in die gefährliche Welt der Zwischenhändler abgleitet, um seine Töchter zu finden: „Munition, Gewehre, Autos, zwei Schwestern, alles hatte hier seinen Preis.“ 10 Dollar pro Tag kostet ein Bodyguard, 20 Dollar eine Kalaschnikow, 200 Dollar ein Grenzübertritt; um 1000 Dollar verspricht man ihm Informationen über seine Töchter, um 6000 Dollar ihre Entführung.

Sie taucht in das Leben der Migrantenfamilie in einer Sozialwohnsiedlung ein – rechtschaffene, fromme Eltern, die stets versuchten, alles richtig zu machen, damit ihre fünf Kinder es in Norwegen zu etwas bringen. Sie waren stolz auf die tollen Schulleistungen und das Selbstbewusstsein von Ayan, ihrer Ältesten. Bis sie hilflos zuschauen mussten, wie sie ihnen entglitt. Die Freundinnen ebenso: „Sie waren einmal unzertrennlich gewesen. Nun sang Ela in einer Popband, Ivana ging zum Studieren nach Australien, und Aya war in den Heiligen Krieg gezogen.“

Parallel dazu blickt Seierstad in die islamistische Parallelwelt der Kleinstadt. Wie sich Burschen plötzlich in Jagdkurse einschreiben, um schießen zu lernen. Wie sie in Online-Tutorials lernen, wie „Halal Dating“ funktioniert. Wie die Mädchen trotzig beginnen, Lehrerinnen zu provozieren. „’Denkt selbst’, hatte die Direktorin immer gesagt, ‚geht eure eigenen Wege, informiert euch, hinterfragt’“. Dass das Selbst-Denken dazu führt, dass ein Mädchen plötzlich ihr Gesicht verhüllt, die Schule schmeißt und sich dort einem Kleinkriminellen an den Hals wirft – so war das nicht gemeint. Die liberale norwegische Gesellschaft schaut ziemlich ratlos aus in solchen Momenten. Womit wir bei den großen Fragen der Gegenwart angelangt sind, die sich nicht nur in Baerum stellen, sondern in allen westlichen Ländern.

Seierstad hat diese großen Fragen schon von vielen Seiten bearbeitet. Sie kennt die Schauplätze dieses Buches aus erster Hand. Sie weiß, wie es riecht, wenn in Syrien Frühstück gekocht wird, und wie es sich anhört, wenn ein Gewehr entsichert wird. Sie lebte lang in Afghanistan und schrieb über ihren Quartiergeber den Bestseller „Der Buchhändler aus Kabul“, er wurde in 42 Sprachen übersetzt. In Tschetschenien recherchierte sie „Der Engel von Grosny“. Genauso intensiv nahm sie sich die Abgründe ihres eigenen Landes vor. „Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“ ist das Psychogramm des rassistischen Attentäters Anders Breivik.

Wahre Geschichten zu schreiben ist heikles Terrain – speziell dann, wenn die Menschen, um die es geht, noch leben. Nicht jeder will vorkommen, nicht jedem gefällt, wie er beschrieben wird, und viele können nicht abschätzen, was es heißt, durch ein Buch öffentlich bekannt zu werden. Dass Seierstad hier an Grenzen geht, ist ihr bewusst. Der Buchhändler aus Kabul, der sich von ihr falsch dargestellt fühlte, strengte einen Prozess gegen sie an – erst kürzlich wurde Seierstad, nach acht Jahren Verfahren, freigesprochen. „Das bringt einen dazu, sehr gründlich drüber nachzudenken, was man tut“, sagt sie. Es hat sie aber nicht davon abgehalten, weiter ihre Art Journalismus zu machen.

Wenn Ayan und Leila die Schlacht um Raqqa überleben, werden auch sie „Zwei Schwestern“ lesen, und erfahren, was in ihrer Abwesehnheit alles passiert ist. Schwer zu sagen, ob es ihnen gefallen wird.

 

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