Kann man ganz ohne Coaches, Berater, Fokusgruppen und Social-Media-Taskforces eine Wahl gewinnen? Viel schwieriger als MIT all diesen kann es nicht sein

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Eine Wahl zu zu schlagen, heißt es, sei eine äußert komplexe Angelegenheit. Viele, viele Fragen muss man permanent im Auge behalten, um dabei erfolgreich zu sein.

Es beginnt bei Äußerlichkeiten. Wie optimiere ich meine Körpersprache? Wie kommt meine Kopfhaltung rüber, meine Gesten, die Art, wie ich die Fingerkuppen aneinanderdrücke, wenn ich betonen will, dass mir etwas wichtig ist? Wie blicke ich möglichst entschlossen, damit man mir abnimmt, dass ich in der Lage bin, Probleme anzupacken? Die Wahl meiner Brille transportiert ein Image, meine Krawatte, meine Uhr. Kommt es vertrauenswürdig rüber oder allzu harmlos, wenn ich lächle? Zeige ich dabei zu viel von meinen schiefen Eckzahn? Oder gibt mir genau dieser jenen gewissen Echtheitstouch, der mich normal und authentisch macht, ein Angelpunkt zur Identifikation mit dem unperfekten Wähler, quasi? An meiner Stimmlage arbeite ich noch. Mein Coach hat mir empfohlen, sie um eineinhalb Halbtöne tiefer zu legen, damit ich staatsmännischer wirke. Und er hat mir abgewöhnt, auf die Unterlippe zu beißen, wenn ich nachdenke. Meistens hab’ ich das unter Kontrolle.

Auch Inhalte sind wichtig, logisch. Man nennt sie „Botschaften“ und muss stets darauf achten, sie richtig zu platzieren. Welche Botschaft vor welchem Publikum, was hat da bei welcher Fokusgruppe am besten funktioniert? Manchen Themen weicht man besser aus, weil sie eher dem Gegner nützen. Manche verschweigt man aus strategischen Gründen, obwohl man sie persönlich für wichtig hält. Es gibt Begriffe, die sich taktisch eignen, um von einem Thema auf ein anderes hinüberzuspringen, ohne dass es jemand merkt. Welche Wörter lösen wohlige Assoziationen aus, welche polarisieren? Diese Effekte muss man wohldosiert einsetzen. Darf ich „Leistung“ sagen, oder erzeugt das Stress? Klingt „Sozialstaat“ heimelig oder abschreckend? Was schwingt beim Wort „Alleinerzieherin“ mit – Mitleid, Aversion oder Hochachtung? Und wenn ich Anekdoten von persönlichen Begegnungen erzähle – hatte da die Supermarktkassierin bessere Sympathiewerte, oder die Krankenpflegerin?

Wichtig ist, bei alldem immer die Social-Media-Strategie im Hinterkopf zu behalten. Damit sich das, was ich sage, geschmeidig in den Image-Strom einfügt, den meine Leute auf allen Kanälen von mir zu erzeugen versuchen. Ab und zu brauchen die nämlich auch einen perfekten spontanen Sager von mir, zum Einspeisen in die Kampagnenvideos.

Wobei man die traditionellen Medien natürlich nicht vergessen darf. Was dort nicht richtig rüberkommt, hat nicht stattfgefunden, deswegen braucht es auch dort einen großen Plan samt Verbündeten, da darf man nichts dem Zufall überlassen. Mit welcher Geschichte kann ich Medium A gefallen, und was braucht anschließed Medium B, um darob nicht grantig zu werden? Was wird die C vom ORF sagen, wenn ich dem D von der Kronenzeitung die Geschichte vom E erzähle? Gilt eigentlich die Vereinbarung über die Causa F noch, oder ist die seit den Vorfällen um G hinfällig? Wieviel weiß H eigentlich über I? Genug, um den J damit in Schach zu halten? Hat er ein Eigeninteresse daran, dass K unter der Decke bleibt? Ist er mir seit der Geschichte mit L nicht noch einen Gefallen schuldig? Oder ist das alles in dem Moment wurscht, wenn ich ihnen einfach das Geld für die Inserate streiche? Wenns hart auf hart geht, geh ich halt mit der Sache O raus. Dann entgleist zwar alles, aber egal. Hauptsache, ich steh nicht allein mit schmutzigen Händen da.

Nein, leicht ist es nicht, mit so vielen Fragen im Hinterkopf einen Wahlkampf zu schlagen. Simpler und billiger wäre es, es einmal auf eine ganz andere Art zu versuchen: Einfach auf die Kraft der eigenen Persönlichkeit vertrauen, und sagen, was man für richtig und wichtig hält. Kann nicht fuktionieren, kann unmöglich erfolgreich sein, heutzutage? Nun – viel mehr schiefgehen als mit der derzeitigen Strategie kann es auch nicht mehr.

 

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