Nach 31 Jahren fliegen die Grünen aus dem Parlament. Das tut weh. Wie konnte das passieren? Ein paar ungeordnete Gedanken einer Stammwählerin

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  1. Grün-Wähler wollen immer alles richtig machen. Sie fühlen sich besser als andere Wähler – objektiv sind sie besser gebildet, politisch interessierter, ökonomisch leistungsstärker, weltgewandter. Deswegen mussten auch Grün-Politiker von Anfang an immer besser sein als Politiker aller anderer Parteien – sauberer, kompetenter, leidenschaftlicher, arbeitsamer. Ein „Schwamm drüber“ gibt’s bei ihnen nicht. Während Freiheitliche ihrem Strache vieles verzeihen würden – Hauptsache er bleibt, wie er ist – wird grünen Politikern jeder Fehler ewig nachgetragen. Jeder Kompromiss gilt schnell als Verrat. Auf einer Kandidatenliste suchen Wähler nicht den einen Namen, den sie unbedingt ins Parlament bringen wollen, sondern den einen Namen, der verhindert, dass sie die ganze Liste wählen können. Manchmal reicht für diesen Effekt schon ein misslungenes Plakat. „Ungnädig“ ist das Wort, das meine Oma dafür verwendet hätte.
  2. Grüne misstrauen Gefühlen. Auch ihren eigenen. So sehr ihre Anfangszeit von existenziellen Emotionen geprägt war (die Angst vor dem Atomkrieg, die Verzweifung angesichts toter Wälder), so sehr haben sie sich in den vergangenen dreißig Jahren verkopft. Das grüne Weltbild wird von intellektuellen Argumenten zusammengehalten, und das grüne politische Projekt von basisdemokratischen Verfahrensregeln. Im Detail ist das alles richtig, doch die große Erzählung, die alles emotional zusammenhält, gerät dabei aus dem Blick. Man spürt zwar, dass etwas fehlt. Aber sofort hat man dann wieder hundert Argumente im Kopf, warum diesem Gefühl nicht zu trauen ist.
  3. Grün-Wähler und Grün-Wählerinnen sind – wie ihre Mandatare und Mandatarinnen – aus tiefster Überzeugung Feministen und Feminstinnen. Deswegen gendern sie immer. Dazu fühlt man sich einerseits verpflichtet, weil man ja weiß, dass es inhaltlich richtig ist. Aber gleichzeitig ist es auch mühsam (es braucht etwa immer ein paar Zeichen zusätzlich, die auch in dieser Kolumne stets woanders fehlen). Die ideale Lösung, die man – wie für alle großen Fragen dieser Welt – gern hätte, hat man in dieser Frage noch nicht gefunden, deswegen nervt die Sache klammheimlich, und erzeugt, wie jede unterschweillige Genervtheit, das Bedürfnis, es irgendjemandem bei Gelegenheit einmal heimzuzahlen. Bevorzugt einer Frau. Dass es langsam genug sei mit der ewigen Weiberwirtschaft bei den Grünen, ist ein Satz, den wenige Grüne in nüchternem Zustand je deutlich ausgesprochen haben. Aber gedacht oder geträumt haben ihn viele, garantiert.
  4. Grünwähler sind bei ihrem Wahlverhalten auf Distinktion bedacht. Sie wollen sich für ihre Wahlentscheidung Bewunderung und Applaus abholen; so wie man stolz die grünen „Bio macht schön“- Stoffbeutel beim Einkaufen im Bio-Supermarkt mit sich herumtrug. Diese Eitelkeit war während ihrer erfolgreichen Zeit ein wichtiger Grund, warum die Grünwähler bei Umfragen stets überrepräsentiert waren: Mit dieser Antwort konnte man sich abheben, sich als Teil einer interessanten Minderheit fühlen, jung, hip und urban. Seit den Querelen in der Partei gab es diesen Distinktionsgewinn nicht mehr, im Gegenteil: Applaus holte man sich am grünen Stammtisch, indem man über die Grünen herzog. Wer die Grünen auch jetzt noch liebte und sie trotz aller Fehler wählte, tat das still und heimlich – so wie einst die Freiheitlichen ihre FPÖ.
  5. Grüne sind Rechthaber und Besserwisser. Auf grüne Wähler trifft dieser Klischeevorwurf noch viel präziser zu als auf die meisten grünen Politiker. Noch am Wahlabend, als der Schock sickerte, entlud sich das in einem „Ich habs ja gewusst“-Wasserfall: „Ich habs euch immer gesagt“, „Ich hab es schon lang kommen sehen“, „Hättet ihr bloß auf mich gehört, wäre das nicht passiert“, „Ich hätte euch genau sagen können, was ihr hättet machen müssen“.

Liebe Grüne: Ich weiß nicht, was ihr hättet besser machen müssen. Es tut mir leid.

 

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