Der künftige Kanzler wie auch der künftige Vizekanzler kommen aus Wien. Beide finden Freude daran, ihre Stadt schlechtzumachen, um Nicht-Wienern zu gefallen.

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Es war, als hätten die Wienerinnen und Wiener am Wahltag bereits geahnt, was in den nächsten Jahren auf sie zukommen wird. Die SPÖ legte hier deutlich mehr zu überall sonst. Aus den trotzigen Tönen während der Regierungsbildung kann man nun heraushören: Wien geht in Verteidigungsstellung. Eingraben, absichern, wachsam sein lautet die Devise – und sich gegen Angriffe rüsten, die der Stadt unmittelbar bevorstehen. Dafür gibt es gute Gründe. Denn verwirklichen Schwarz und Blau, was sie im Wahlkampf angekündigt haben, dann werden sie Wien finanziell die Daumenschrauben anlegen, zudrücken, und zuschauen, wie es weh tut.

Zuallererst wird es, wie dem Publikum zigtausendfach versprochen, die Bezieher von Sozialleistungen treffen, zuerst die Flüchtlinge, kurz darauf wohl auch die Einheimischen. Die anderen Bundesländer haben ja alles getan, um möglichst viele von ihnen nach Wien zu schicken – und sich anschließend darüber empört, dass Wien sie tatsächlich alle aufnahm. Wenn Familien demnächst auf die Straße gesetzt werden, weil sie ihre Mieten nicht mehr zahlen können, wenn die Obdachlosigkeit steigt – dann wird das der Bundesregierung als Beweis dafür dienen, dass Wien sozialpolitisch gescheitert ist.

Sind Einsparungen im Gesundheitswesen dran, gerät Wien ebenfalls ins Visier. Wiener Spitäler versorgen zwar viele Patienten aus anderen Bundesländern, mussten sich jedoch von Sebastian Kurz im Wahlkampf vorhalten lassen, dass es dort immer noch Gangbetten gibt. Wird gespart, gibt es davon demnächst garantiert noch mehr. Ähnliches lässt sich für den Bildungsbereich prognostizieren. Dass in städtischen Brennpunktgebieten dringend Millionen in Schulen, Kindergärten, in intensive Sozialarbeit, mehr Sprachunterricht und Ausbildungsprogramme für Jugendliche investiert werden müssten, ist unbestritten. Für all das wird es unter Schwarz-Blau jedoch wohl nicht mehr, sondern weniger Geld geben. Auf dass man nachher umso besser mit dem Finger auf Wiener „Problemschulen“ und „Problemkinder“ zeigen kann.

Eigentlich ist es paradox: Alle drei Chefs der großen Parteien sind in Wien aufgewachsen (Kurz in Meidling, Kern in Simmering, Strache in Erdberg). Alle drei nicht in Nobelgegenden. Sie sind auf den Straßen dieser Stadt sozialisiert, haben Wiener Schulen besucht und in Wiener Parks gespielt, alle drei haben dabei einen beachtlichen sozialen Aufstieg hingelegt. Doch nur Christian Kern hat der Stadt einen Anteil an diesem Aufstieg zugestanden.

Kurz hingegen versuchte in seinen Wahlkampfvideos, vor allem die ländliche Herkunft seiner Großeltern hervorzustreichen; mit Bildern von Scheune und Stall und Weizenfeldern. Viele Wiener würden aus Wien wegziehen wollen, weil sie sich in ihrer eigenen Gasse fremd fühlen, behauptete er. So etwas hören all jene Menschen gern, die sich in ihren leeren, stukturschwachen Dörfern alleingelassen fühlen, zwischen Scheune, Stall und Weizenfeldern, und zuschauen müssen, wie ein Enkel nach dem anderen fortzieht, nach Wien. Wenn Heinz-Christian Strache von seiner Heimatstadt spricht, bemüht sich er sich, ähnliche Animositäten zu bedienen. Er malt die Stadt stets in den hässlichsten Farben, spricht von Gefahr und Verwahrlosung. Im fernen Kärnten fürchtet man sich vor Praterstern, U6 und Stadtpark.

Wie absurd dieses Bild ist, weiß jeder, der in Wien lebt – und vielleicht, zum Vergleich, die eine oder andere Großstadt ebenfalls kennt. Wie absurd das ist, zeigen auch die stetig steigenden Wohnungspreise, die Wirtschaftdsdaten, sowie der anhaltende Zuzug aus allen Bundesländern. Selbst den Stresstest durch zehntausende Flüchtlinge hat die Stadt, samt ihrer Infrastruktur, bisher erstaunlich gut verkraftet.

Tatkräftige Unterstützung dabei könnte Wien von einer neuen Bundesregierung natürlich gut brauchen. Es ist allerdings nicht damit zu rechnen, dass sie die von Schwarz-Blau bekommt.

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