Interessant zu beobachten, wie im Umgang mit den erstarkenden Rechtspopulisten dieselben Anfängerfehler gemacht werden wie einst in Österreich mit Jörg Haider

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Selten kommt es vor, dass Österreicher sich als Trendsetter fühlen. Was den Umgang mit Rechtspopulismus betrifft, dürfen wir das. Mit Jörg Haider waren wir da ganz vorn mit dabei. Unsere deutschen Nachbarn hingegen sind Spätzünder. Erst dreißig Jahre nach uns sind sie erstmals mit einer starken rechtspopulistischen Kraft konfrontiert; stehen sie vor jenem tückischen, rutschigen, unsicheren Terrain, das uns seit Jahrzehnten vertraut ist. Man kann darauf viele Fehler machen – die meisten davon haben wir gemacht, einige gleich mehrmals. In diesen Tage können wir, erste Reihe fußfrei, zuschauen, wie die Deutschen hier ihre ersten Schritte ausprobieren, forsch die einen, zaghaft die anderen. Man empfindet dabei ein gewisses Deja-Vu.

  1. Die Unsicherheit beginnt bei der Frage, ob man mit AfDlern überhaupt reden dürfe. Was man bloß sagen solle, wenn einer in der Bundestags-Cafeteria neben einem sitzt? Was tun, wenn einer in der Fußballmannschaft mitspielen will? Darf man mehr als „Guten Tag“ sagen – oder nicht einmal das? Nur ja nicht anstreifen, mit denen reden wir gar nicht – das war auch gegenüber FPÖlern lange die Losung. Unvergesslich die EU-Gipfel nach der FP-Regierungsbeteiligung, bei denen alle den freiheitlichen Minsterinnen so weiträumig auswichen, als hätten sie eine ansteckende Krankheit. Gebracht hat das nichts. „Wir werden ausgegrenzt, das ist unfair“, lautet der weinerliche Sermon der Rechtpopulisten, der damit permanent bekräftigt wird.
  2. „Die wissen gar nicht, was sie tun“, heißt es in Deutschland oft über AfD-Wähler. Anders als die Anhänger anderer Parteien, sagt man, wählten diese Leute aus Dummheit. Unabhhängig davon, ob das stimmt oder nicht – diese offene Abwertung trägt nicht gerade dazu bei, das Verhalten dieser Menschen zu verändern. „Deplorables“ („Bedauernswerte“), nannte Hillary Clinton die Trump-Anhänger; „when they go low, we go high“, sagte sie. Es war wohl ein wesentlicher Beitrag zu ihrer Niederlage. Man fühlt sich zwar gut, wenn man auf andere hinunterschaut. Aber bei denen, auf die hinuntergeschaut wird, erzeugt das Kränkung und Zorn. Sie sehen sich bestätigt in ihrer Überzeugung, von „denen da oben“ nicht verstanden zu werden. Rachegelüste weckt es außerdem.
  3. Auf jede Provokation reagieren und ständig „Skandal!“ schreien – diesen Sport betrieb Österreich jahrzehntelang mit Leidenschaft; Jörg Haider freute sich riesig darüber. Er war ja auch ein Meister dieses Fachs. Eine absichtliche Unverschämtheit hier, ein gezielter Tabubruch dort – schon war er wieder auf allen Magazincovers. Mit Worten wie „Einsperren!“, „Jagen!“, „Ausmisten!“ drängen sich nun die AfDler ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und prompt dreht sich auch in Deutschland alles um sie. Der Provokateur wird zum Sonnengestirn. Offenbar, lautet die Botschaft, hat er Anziehungskranft, also muss er wichtig sein. Und wenn ich mich ihm anschließe, werde auch ich wichtig genommen.
  4. Ja, selbstverständlich haben auch die Nazis mit solchen Methoden gearbeitet. Und der „Stürmer“ mit ähnlicher Diktion. Aber nach dreißig Jahren österreichischer FPÖ-Erfahrung könnte man auch in Deutschland wissen: Es konktraproduktiv, dieses Argument allzu häufig zu verwenden. Theoretisch zielt die Technik der Nazi-Entlarvung auf rechtspopulistische Wähler ab, die sich selbst nicht als Nazis sehen. Man will damit einen Keil zwischen sie und ihre verbalradikalen Politiker treiben. Praktisch wirkt das jedoch häufig umgekehrt: Die Wähler fühlen sich zu Unrecht beschuldigt, und solidarisieren sich erst recht mit ihren Politikern. Echte oder vermeintliche Nazis warten deshalb bloß darauf, dass jemand die „Nazi-Keule“ auspackt. Einen größeren Gefallen kann man ihnen gar nicht tun. Dann können sie losheulen, sich beschweren, und sind von der unangenehmen Last befreit, in der Sache Argumente finden zu müssen.
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