Die 24-Stunden-Betreuung ist für viele alte Menschen ein Segen. Für die Vermittlungsagenturen ist es ein lukratives Geschäft. Die Betreuerinnen zahlen häufig drauf.

ein branchenreport für den „falter“

Maria L. hatte sich alles gut überlegt. Sie hat einen zehnjährigen Sohn, ist Alleinerzieherin, sie mag alte Menschen gern. In Österreich, hatte sie gehört, verdiene man in der 24-Stunden-Betreuung etwa 70€ pro Tag. 14 Tage Arbeit à 70€ – das macht 1000€ im Monat; nach ein paar Abzügen –Agenturhonorar, Steuer, Sozialversicherung – würde da genug zum Leben übrigbleiben. Es klang nach einem guten Plan.

Aber irgendwie ging die Rechnung nicht auf. 300 € zahlte Frau L. dafür, dass sie von der Agentur eine Adresse in die Hand gedrückt bekam. Wien, 15. Bezirk – sie suchte es im Internet. Dort warteten zwei fremde Frauen auf sie. Die Patientin, um die sich Maria L. zu kümmern hatte, war bettlägrig, verwirrt und schwer zuckerkrank. Die zweite Frau, angeblich eine Pflegerin, erteilte ein paar rudimentäre Anweisungen auf slowakisch: täglich spritzen, dreimal täglich Blutzucker kontrollieren, und wenns es ein Problem gibt: Geh’ zur Nachbarin oder ruf’ die Rettung. „Das war alles“, sagt Maria L.

Sie fühlte sich überfordert, aber sie biss sich durch. Am Anfang ist alles schwer, sagte sie sich, wenigstens würde sie gut verdienen. Doch das Geld auf ihrem Konto wurde, je länger sie zwischen der Slowakei und Wien hin- und herpendelte, nicht mehr, sondern immer weniger. Statt der versprochenen 940€ bekam sie nur 676€ überwiesen. Warum? Für Nachfragen war bei der Agentur niemand erreichbar, und wenn doch, dann nannte man ihr für jeden Abzug irgendeinen Grund, den sie nicht verstand. Eigentlich hatte die Agentur versprochen, sich „um alles zu kümmern“ – doch nun stellte sie jede kleine Leistung extra in Rechnung. 100€ für die Anmeldung des Gewerbescheins, 80€ für einen Zettel für den Steuerausgleich, 50€ für eine Familienbeihilfe- Bestätigung. Frau L. arbeitete noch mehr, machte zusätzliche Vertretungen für andere Betreuerinnen, sah ihren Sohn kaum noch. Doch als nach einem Dreivierteljahr harter Arbeit alle ihre Ersparnisse aufgebraucht waren und sie einen Kredit aufnehmen musste, warf sie entnervt das Handtuch.

Erst als Maria L. nachträglich eine Abrechnung verlangte und mit Hilfe einer befreundeten Buchhalterin jede Buchungszeile durchging, wurde ihr das ganze Ausmaß der Abzocke bewusst: Von 70€ Tageshonorar, die die Familie an die Agentur überwies, hatte diese jeweils 18€ als „Provision“ einbehalten – zusätzlich zu den 500€ Jahresgebühr, die sie sowohl Maria als auch der Familie verrechnete, sowie unzähligen Sondergebühren. Gegenleistung: nahe Null. Formell hatte alles seine Ordnung. Für alles gibt es Belege. Alles entsprach den Verträgen, die Frau L. als Selbstständige unterschrieben hatte. Dennoch fühlt sie sich betrogen.

„Wir kennen uns nicht aus, und viele Agenturen nützen das aus“, sagt sie bitter, während sie am Küchentisch einen dicken Stapel Rechnungen ausbreitet. Sie hat die Agentur gewechselt, arbeitet jetzt bei einer netten Patientin, es geht ihr besser. Aber sie will, dass die Familien, die Betreuerinnen beschäftigen, von den rauen Sitten in der Branche erfahren. Mehrmals in diesem Gespräch fällt das Wort „Mafia“. Maria L. dämpft ihre dritte Zigarette aus.

Man kann die 24-Stunden-Betreuung in Österreich als Erfolgsgeschichte lesen: Ein legales, leistbares Modell, einzigartig in Europa, das zigtausenden alten Menschen ermöglicht, zu Hause zu bleiben, statt in ein Pflegeheim zu ziehen. Tausendfach funktioniert das gut – überall dort, wo kompetente Betreuerinnen, respektvolle Familien und seriöse Agenturen zusammenarbeiten. Grundsätzlich können Agenturen eine wertvolle Rolle spielen: Sie bringen die passenden Betreuerinnen und Patienten zusammen, kümmern sich um Qualifizierung und Einschulung, informieren beide Seiten über ihre Rechte und Pflichten, helfen bei Behördenwegen, stehen mit Rat und Tat zur Seite und helfen bei Problemen (siehe Checkliste).

Aber es gibt auch die finstere Seite der Branche, wo mit wenig Aufwand schnelles Geld gemacht wird. Wo arbeitswillige Rumäninnen einfach in Busse gesetzt und nach Österreich gekarrt werden, ohne genau zu wissen, worauf sie sich einlassen. Wo Menschen dazu gedrängt werden, zwischen Tür und Angel Knebelverträge, weitreichende Verpflichtungserklärungen und Vollmachten zu unterschreiben, die sie nicht verstehen. Wo sich niemand darum kümmert, wie Betreuerinnen untergebracht und behandelt werden, und man sie, ohne ausreichende Ausbildung, mit komplexen medizinischen Pflegefällen alleinlässt. Wo Bargeld ohne Beleg von Hand zu Hand geht, Dokumente gefälscht, Menschen eingeschüchtert werden. Und am Ende niemand greifbar ist, den man für Misstände zur Verantwortung ziehen kann.

Denn die Personenbetreuung ist ein ziemlich unreguliertes Feld. Eine Vermittlungsagentur kann quasi jeder aufmachen, man braucht dafür keinerlei Qualifikation. „Organisation von Personenbetreuung“ heißt das, es ist ein freies Gewerbe. 706 Agenturen bieten derzeit in Österreich diese Dienste an. Sie finden ihre Kunden meist im Internet, häufig wird mit Diskonttarifen geworben. Rund-um-die-Uhr-Betreuung ist, die staatliche Förderung eingerechnet, für Familien schon um 30 oder 40 Euro pro Tag zu haben.

Seriöse Agenturen, die gewisse Standards einhalten wollen, sehen sich da einem ruinösen Wettkampf ausgeliefert. Windige Agenturen hingegen lassen sich immer neue Tricks einfallen, um trotz der Diskontpreise Gewinn zu machen – am einfachsten, indem sie bei den Betreuerinnen zulangen. „Wir sind Wegwerfware geworden“, sagt Katarina Staronova. Gut ausgebildete Betreuerinnen, meist Slowakinnen, die schon seit vielen Jahren in Österreich tätig sind, kehren der Branche den Rücken, „weil das Niveau immer weiter sinkt, und die Sitten immer rauer werden“. Gleichzeitig werden aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn und neuerdings auch aus der Ukraine immer neue Frauen geholt, die sich in Österreich kaum auskennen, und darum umso leichter ausbeutbar sind.

„Man kann da nicht mehr zuschauen“, sagt Staronova. Viele Jahre lang war sie selbst Betreuerin, jüngst gründete sie einen Selbsthilfeverein („Institut für Personenbetreuung, IPB“). Ihre Facebook- Gruppe, mit 5500 Mitgliedern, ist eine Art Kummerkasten geworden. Ihre rumänische Kollegin Elena Popa erfüllt für die Rumäninnen eine ähnliche Rolle. Die beiden Frauen sind zwei von ganz wenigen, die sich öffentlich aus der Deckung trauen. Aus ihrem Social-Media-Netzwerk und aus den Informationen zahlreicher Insider, mit denen der Falter in den vergangenen Wochen gesprochen hat, kann man mehrere große Problemzonen nachzeichnen.

# Ein riesiges Thema sind die Fahrtendienste; jene Kleinbusse, die die Frauen – meistens in finsterer Nacht – in ihren rumänischen oder slowakischen Dörfern einsammeln und zu ihren Patienten in Österreich bringen. Es ist ein gut getaktetes Verkehrsnetzwerk, das für die breitere Öffentlichkeit meistens unsichtbar bleibt. Bis etwas passiert. Am 14. Oktober raste bei Prievidza/Slowakei ein vollbesetzter Minibus ungebremst in einen LKW auf der Gegenfahrbahn, vermuteter Grund: Sekundenschlaf. Acht Betreuerinnen, die in Österreich gearbeitet hatten, waren tot, 12 Kinder sind seither Halbwaisen. Nur wenige Wochen davor ein ähnlich verheerender Unfall mit rumänischen Betreuerinnen auf der A2 bei Graz. Die Angst fährt in diesen Minibussen immer mit. Manchmal sind die Fahrer 15, 20 oder 25 Stunden am Stück unterwegs; Betreuerinnen erzählen, wie sie versuchen, die Fahrer mit Gesprächen wachzuhalten. Gern fährt hier keine. Doch die Frauen haben kaum eine Wahl.

Denn diese Fahrten sind ein lukratives Geschäft. 50, 60, 80 Euro zahlt jede Frau pro Fahrt, je nach Entfernung. Bei einem vollbesetzten Bus kommt da bald ein Tausender zusammen. Agenturen machen Deals mit bestimmten Taxiunternehmen oder betreiben diese gar selbst. Häufig müssen sich Betreuerinnen vertraglich verpflichten, nur einen bestimmten Dienst zu benützen. Mal werden ihnen die Fahrten schon im Voraus vom Honorar abgezogen; mal müssen die Frauen Pönale zahlen, wenn sie mit dem Zug, einem Linienbus, einem anderen Dienst oder einem Privatauto fahren wollen. Einige Fahrer sind ganz ohne Lizenz unterwegs. Wird das Fahrgeld bar kassiert (ohne Beleg, den die Frauen als Betreibsausgabe absetzen könnten), dient das häufig der Steuerhinterziehung.

# Eine Ausbildung auf Heimhilfe-Niveau ist vorgeschrieben, um in Österreich als 24-Stunden-Betreuerin arbeiten zu dürfen. Nicht alle Betreuerinnen bringen diese Qualifikation mit. Dann helfen manchmal die Agenturen nach. Die ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete Judith Schwentner, die sich jahrelang mit dem Thema beschäftigte, machte gemeinsam mit Elena Popa vor einigen Wochen publik, wie leicht es in Rumänien ist, gefälschte Kurszeugnisse zu kaufen. Der Falter sprach nun mit einem Informanten, der im Auftrag einer Agentur solche Diplome selbst herstellte (er zeigte dies nach seiner Entlassung bei der rumänischen Polizei an). „Da stand immer das gleiche drin: ein zweimonatiger Kurs, der nie stattgefunden hatte, 360 Stunden, hunderte Kilometer weit weg vom Wohnort der Betreuerin.“ Für die falschen Zeugnisse stellte die Agentur der Betreuerin jeweils 150€ in Rechnung – und hatte damit gleichzeitig ein Druckmittel gegen sie in der Hand: Denn es stand ja ihr Name auf dem Zeugnis, was sie zur Betrügerin machte.

Der rumänische Informant berichtet auch, er habe im Auftrag der Agentur deutsche Übersetzungen von Dokumenten gemacht, für die er eigentlich nicht befugt sei – etwa von polizeilichen Führungszeugnissen, die die Betreuerinnen in Österreich vorlegen müssen. „Drauf kam dann der Stempel eines erfundenen Übersetzungsbüros, und den Frauen wurden wieder 12 Euro verrechnet.“

# Jede Neuvermittlung einer Betreuerin bringt der Agentur eine Gebühr ein. Während seriöse Agenturen viel Mühe drauf verwenden, die richtigen Patienten mit den richtigen Betreuerinnen zusammenzubringen und deswegen an stabilen Betreuungsverhältnissen interessiert sind, profitieren unseriöse Agenturen also von möglichst häufigen Wechseln. „Die Agentur sagt der Betreuerin, die Familie sei nicht zufrieden mit ihr“, erzählt eine aus der Praxis. „Gleichzeitig sagt die Agentur der Familie, die eigentlich sehr zufrieden ist, die Betreuerin könne aus irgendwelchen Gründen nicht mehr kommen“. Und schon kann die Agentur von einer neuen Betreuerin wieder 400€ kassieren. Generell lässt sich die Regel formulieren: Je stärker die Fluktuation, desto stärker sind Betreuerinnen von der Agentur abhängig. Je enger hingegen das Verhältnis zur Familie wird, desto unabhängiger werden sie. Die meisten Verträge sehen deswegen Pönalezahlungen von vielen tausend Euro vor, wenn eine Betreuerin die Agentur kündigt, aber dennoch bei der Familie bleibt.

# Häufig werden Betreuerinnen dazu gedrängt, ihrer Agentur weitreichende Vollmachten zu übertragen. Diese Unterschrift wird oft zwischen Tür und Angel geleistet, ohne Bedenkzeit, ohne Beratung, und ohne die Tragweite zu erkennen. Mehrere Zeuginnen berichten unabhängig voneinander von ähnlichen Szenen auf der Autobahn: „Du sitzt schon im Bus, und der Fahrer reicht dir Formulare mit den Worten: ‚Unterschreib, sonst kannst du gleich hier am Pannenstreifen wieder aussteigen.“ Mit diesen Vollmachten übertragen die Betreuerinnen der Agentur die Vertretungsvollmacht bei sämtlichen Behörden in Österreich – Finanzamt, Sozialversicherung, Wirtschaftskammer, Meldeamt. Und liefern sich ihr damit völlig aus.

„Bei mir melden sich oft Frauen, die gar keine Papiere in der Hand haben“, erzählt Popa. „Meldezettel, Gewerbeschein, alles hat die Agentur. Auch die gesamte Post geht oft dorthin. Und wenn die Frau nachfragt oder unbequem wird, kann die Agentur in ihrem Namen einfach ihr Gewerbe abmelden – die Vollmacht dafür hat sie ja.“ Immer wieder erreichen Popa Hilferufe von Frauen, deren e-card beim Arzt plötzlich nicht mehr funktioniert. Erst im Nachhinein kommen sie drauf, dass die Agentur, oft über Monate hinweg, die Sozialversicherungsbeiträge nicht korrekt weitergeleitet hat.

# Die weitreichendste dieser Vollmachten ist die Inkasso-Vollmacht. Diese Unsitte zielt ins Herz des gesamten Modells und führt es eigentlich ad absurdum. 24-Stunden-Betreuerinnen sind selbstständige Unternehmerinnen – also müsste es selbstverständlich sein, dass sie mit ihren Klienten eigenständig ihr Honorar verhandeln, Honorarnoten stellen und von den Familien direkt ihr Geld überwiesen bekommen. Viele stellen den Agenturen jedoch – mehr oder weniger freiwillig – eine Inkasso-Vollmacht aus. Damit kassiert die Agentur das Geld direkt von der Familie, und reicht es – wie bei Angestellten üblich – erst nach diversen Abzügen nachher an die Betreuerin weiter. Diese Vorgangsweise ist weit verbreitet; nach verschiedenen Schätzungen betrifft sie etwa die Hälfte aller Betreuerinnen. Bei Slowakinnen ist der Anteil geringer; bei Rumäninnen, die seltener ein Bankkonto haben, dürften es nahe 80% sein. Selbstverständlich wird auch für das Inkasso-Service noch einmal extra von den Betreuerinnen kassiert – zwischen 5 und 10€ pro Monat.

Warum lassen sich das so viele Frauen gefallen? Bibiana Kudziova, Vertreterin der Betreuerinnen in der Wiener Wirtschaftskammer, versucht, es zu erklären. „Viele können kaum deutsch, fühlen sich von den Amtswegen überfordert und sind froh, wenn ihnen jemand alles abnimmt“, sagt sie. Viele wüssten nicht einmal, dass sie selbstständig sind, und nehmen die Agentur als ihren Arbeitgeber wahr. „Es ist schwer, die Kolleginen mit Informationen zu erreichen“, sagt Kudziova, auch sie kommunziert mit ihnen hauptsächlich über Facebook. Während ihres Turnus sind die Frauen rund um die Uhr im Dienst, anschließend verschwinden sie sofort wieder ins Ausland. Um Missstände anzuzeigen, müssten sie zur Polizei oder zur Bezirkshauptmannschaft gehen („davor haben sie Angst“); wenn sie sich von ihrer Agentur betrogen fühlen, müssten sie klagen („für ein Gerichtsverfahren haben sie kein Geld und keine Nerven.“) Als warnendes Beispiel dient, was mit Elena Popa geschah, die die Affäre um die gefälschten Zeugnise aufdeckte: Eine Agentur klagte sie wegen übler Nachrede, am 8. Dezember steht Popa in Timoisoara vor Gericht – und will den Wahrheitsbeweis antreten.

An dieser Stelle kommt die Wirtschaftskammer (WKO) ins Spiel, die Interessensvertretung aller selbstständigen Unternehmer. Sie vertritt sowohl die Betreuerinnen, als auch die Agenturen. Die knapp 60.000 Betreuerinnen stellen die mit Abstand größte Mitgliedergruppe in der Kammer, gemeinsam bezahlen sie jedes Jahr etwa 4 Millionen Euro an Kammerbeiträgen (wechselt eine Betreuerin zu einer Familie in ein anderes Bundesland, zahlt sie gleich in zwei Länderkammern ein). Läge es da nicht an der Kammer, die Betreuerinnen als selbstständige Unternehmerinnen zu stärken und auf ihre Rechte zu pochen?

„Wir haben als Schutzinstanz sehr viel geleistet“, sagt Robert Pozdena, Geschäftsführer der Agentur „Cura Domo“. Die komplizierte Kammernstruktur sorgt dafür, dass er in der WK Niederösterreich nicht nur Berufsgruppensprecher für die Agenturen, sondern gleichzeitig auch Berufsgruppensprecher für die Betreuerinnen ist. Stolz zählt Pozedena auf, was die Kammer alles getan hat, um in den letzten Jahren die Standards in der Branche zu heben: Man hat Standesregeln formuliert, eine Ombudsstelle eingerichtet, muttersprachliche Broschüren für die Betreuerinnen gedruckt; seit neuestem bietet die WKO in den Heimatstaaten günstige Weiterbildungskurse zu den Themen Demenz, Mobilisierung und Konfliktmanagement an. Und fürs Image der Branche hat man eine Kommunikationsagentur engagiert.

Dass es unter den Agenturen „Wildwuchs“ und „schwarze Schafe“ gebe, gibt Pozdena zu. Doch nun werde alles besser: Ab 1.Jänner 2018 will die WKO ein Qualitätssiegel verleihen, an alle Agenturen, die sich freiwillig zur Einhaltung gewisser Standards verpflichten – etwa transparente Verträge, ständige telefonische Erreichbarkeit, Aufklärungs- und Dokumentationspflicht. Mit der Einhaltung dieses Siegels, wünscht sich die Kammer, solle dann eine höhere staatliche Förderung einhergehen. „Es gibt nur good news!“, sagt Pozdena. „Bitte positiv transportieren!“

Die Betreuerinnen können die Euphorie jedoch keineswegs teilen. Katarina Staronova hat sich die neuen Musterverträge angeschaut, die die WKO auf ihrer Website bewirbt. „Mit denen wird alles noch schlimmer“, sagt sie. Tatsächlich sind in diesen Verträgen einige der oben erwähnten fragwürdigen Praktiken enthalten, sogar die berüchtigte Inkasso-Vollmacht steht drin – allerdings, im Sinn der Transparenz, mit ordentlichen Preiszetteln versehen. „Damit werden Dinge, die eigentlich abgeschafft gehören, jetzt quasi zur offiziellen Empfehlung“, sagt Staronova. „Die WKO vertritt nicht die Interessen der Betreuerinnen, sondern jene der Agenturen“, resümiert sie knapp.

WKO-Vertreterin Bibiana Kudziova, die an der Ausarbeitung des Qualitätssiegels beteiligt war, kann hier nur halb widersprechen. Dass die Inkasso-Vollmacht erlaubt bleibt, hält auch sie für falsch. „Ich bin dagegen, dass Agenturen Treuhandaufgaben übernehmen dürfen“, sagt sie. „Ich finde, wenn man in Österreich selbstständig ist, muss man ein eigenes Konto haben und seine Angelegenheiten selbst regeln können. Aber ich bin überstimmt worden.“ Kudziova war die einzige Betreuerin am Tisch.

Die Pressekonferenz, bei der die WKO vor drei Wochen ihre Qualitätsoffensive für die 24-Stunden-Betreuung präsentierte, illustriert den Kern des Problems gut. Am Podium saßen drei Männer, zwei von ihnen Geschäftsführer von Agenturen. Sie betonten die existenzielle Bedeutung der 24-Stunden-Betreuung für die Familien, präsentierten eine WIFO-Studie, die das untermauert, und sagten Sätze wie: „Zu Hause ist es immer am schönsten.“

Betreuerinnen waren keine dabei. Die Agenturen sprachen, wie fast immer, auch diesmal wieder an ihrer Stelle. Es sei „sehr schade“, dass leider keine Betreuerin die Zeit gefunden habe herzukommen, erklärte Robert Pozdena bedauernd. „Aber die Damen haben halt immer zu tun.“

 

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