Was macht der Wiener Gemeinderat Christoph Chorherr in Südafrika? Vor einem halben Jahr haben wir ihn dort besucht.

anmerkungen zu einem angeblichen politik-skandal (falter)

„Ithuba“ bedeutet „Möglichkeit“ in der Sprache der Zulu. Für den grünen Gemeinderat Christoph Chorherr ließe sich das Wort derzeit allerdings besser mit „Zores“ übersetzen. „Ithuba“ heißt der gemeinnützige Verein, den er 2004 gründete. Er war als Wiener Beitrag zur Überwindung der Apartheid in Südfrika gedacht: ein Schulprojekt, das Architektur und Bildungschancen für benachteiligte Kinder verbindet. Die 500.000 Euro, die der Verein dafür jedes Jahr braucht, muss er von Spendern zusammenschnorren. Von der Gemeinde Wien bekam „Ithuba“ zweimal 100.000, sowie mehrere Großspenden von Firmen aus der Immobilienbranche. Kritiker sagen: Das sei unvereinbar mit Chorherrs Funktion als grüner Planungssprecher, immerhin hat er bei vielen Bauentscheidungen der Stadt mitzureden.

„Jetzt zeig ich euch mein Geheimnis“, sagt Christoph Chorherr. Es ist Mai, er hat seit zwei Tagen dasselbe T-Shirt an, sein Gepäck ist nicht angekommen am Flughafen. Von einem Bauarbeiter hat er sich ein Kapperl ausgeborgt, um seine Glatze vor der Sonne zu schützen, aber die Haut ist schon rot. Viel geschlafen hat nicht. Dennoch schiebt er seine Besucher heftig gestikulierend voran, vorbei an Gemüsebeeten („Gärtnern gehört zum Unterricht“) und an den WC-Anlagen („eine Kompostieranlage, aber da sind wir noch im Experimentierstadium“). An der Rückwand des hintersten Klassengebäudes schließlich führen neun oder zehn gemauerte Stufen hinauf aufs Dach.

Diese Stufen sieht man vom Schulgelände aus nicht. Die Kinder, die grad in der Klasse rechnen üben, wissen zwar von ihrer Existenz, doch es ist ihnen ausdrücklich verboten, sie zu benützen. Auch die Lehrerinnen halten sich fern. Die Stufen waren ein Geschenk. Der Bautrupp wollte Chorherr damit eine Freude machen. Denn hier oben ist der einzige Ort, von dem aus man ein kleines Stückchen Meer sehen kann.

Vom Dach aus erklärt Chorherr das Panorama. Die Erstklässler unten haben Pause und laufen kreischend zum Spielplatz, aus den Büschen zirpen Insekten, in der Ferne die Brandung des Indischen Ozeans. So ähnlich muss früher ausgeschaut haben, wenn Fürsten von ihren Burgzinnen stolz auf ihre Latifundien hinunterblickten. Aber bei Chorherr ist es kein Besitzerstolz. Nichts hier gehört ihm. Wer auch immer das alles übernehmen, weiterführen, verbessern oder verändern will – ihm ist es recht. Wenn er gegen die Sonne blinzelt, schaut es aus, als habe er ohnehin schon irgendein neues Projekt im Sinn.

Als Chorherr mit „Ithuba“ begann, wusste noch niemand, wo es hinführt. In Katlehong, einem Township bei Johannesburg, geprägt von Gewalt und Armut, entstand 2008 die erste Schule. „Learning by doing“ war die Idee: Architekturstudenten aus Europa sollten echte Gebäude planen, ihre Errichtung begleiten und dabei lernen, was sich im echten Leben bewährt. Für die Township-Bewohner gab es Jobs und die Chance, dabei ein Handwerk zu lernen. Und für 400 Kinder und Jugendliche eine bessere Unterrichtsumgebung.

„Ein Klassenzimmer mit jeweils einem Extra-Raum und einer WC-Einheit, ihr könnt machen was ihr wollt“, lautete die Vorgabe an die Studenten. Das ökonomische Ziel: So viele lokale Mikro-Aufträge zu schaffen wie möglich. „Idealerweise geht jeder Spendeneuro hier im Dorf zehnmal von Hand zu Hand“, erklärt Chorherr. In Österreich ist Material billig und Arbeit teuer, in Südafrika ist es umgekehrt.

Das Ergebnis, die Schule, ist eine Art Musterhaussiedlung aus Lehm, Blech und Plexiglas; aus genialen Ideen und architektonischen Irrtümern. Ein mit Stroh gepolsterter Raum aus Europaletten wird heute nur als Abstellkammer benützt: „Die Luft ist schlecht, das Stroh lockt Mäuse an, und Paletten sind aus schlechtem Holz, das niemand gern angreift.“ Beim Küchenblock aus Bierkisten war das Konzept besser als das Ergebnis. Wellblech mag für Europäer ein schickes Material sein, kommt jedoch bei Menschen, die ohnehin immer in Wellblechhütten leben, nicht so gut an. Weitere Erkenntnisse: Kleine Fenster sind besser als große, weil sich kleine Scheiben billiger ersetzen lassen. Bei Flachdächern regnet es rein. Wenn alles nach Norden schaut, spart man sich im Winter das Heizen. Vor allem aber: Für alles, was man baut, muss man mitdenken, wer es reparieren kann.

So lernt man. Und als Chorherr den Standort für seine zweite Schule fand, an der Wild Coast südlich von Durban, wo er zufällig ein paar Tage auf Urlaub war, konnte Ithuba bereits aus einem gut gefüllten Erfahrungspool schöpfen. Man hat die klimatisch idealen Materialien gefunden: ein isolierendes Stroh-Lehm-Gemisch für die Wände, belüftet durch Schlitze. Holz für den Boden. Den perfekten Neigungswinkel für die Dächer: genau so, dass die Sonne im Sommer weggeschattet wird, aber im Winter hereinscheint. Auf solche Dinge kommt man jedoch erst, wenn man hier mehrere Sommer und Winter erlebt hat.

Die Wild Coast ist einer der ärmsten Landstriche Südafrikas. Dennoch ist hier vieles leichter als in Johannesburg: Es gibt stabile Dorfstrukturen, weniger Entwurzelung, weniger ethnische und soziale Spannungen als im Township. Die Eltern der 260 Kinder nehmen intensiv am Schulleben teil. Wenn sie kochen, putzen, gärtnern, ersparen sie sich das Schulgeld. Eben wird in einer offenen Halle das Mittagessen gekocht, es dampft aus großen Töpfen. „Jeder, der etwas für die Community tun will, der etwas aufbauen will, kann zu uns kommen“, sagt Chorherr, „jede gute Idee ist willkommen.“

Den Mzamba-Fluss betreffend, gab es eine Idee – und vielleicht eignet sich diese Geschichte am besten, um das „Prinzip Ithuba“ zu illustrieren: Der Mzamba fließt gleich neben der Schule durch einen Schlucht. Um zur Schule, ins Krankenhaus, auf den Markt, oder zur Arbeit im Casino-Hotel oder am Golfplatz zu kommen, mussten die Dorfbewohner vom anderen Ufer täglich einen langen, gefährlichen Fußmarsch zurücklegen: Über einen steilen, schmalen Pfad hinunter, dann durchs Wasser, auf der anderen Seite wieder hinauf. Manchmal fließt das Wasser hüfthoch. Immer wieder spielten sich in der Schlucht Dramen ab, wurden Kinder von der Strömung fortgerissen, jedes Jahr gab es mehrere Tote.

Seit drei Jahren führt nun eine Hängebrücke über den Mzamba. Eine wunderschöne, schlanke, schwebende Konstruktion, entworfen von „Build Collective“, ein Gemeinschaftswerk von Kärntner Studenten, Baumeistern, einheimischen Dorfchefs und Handwerkern, mit österreichischem Spendengeld. Es schwindelt einen beim Hinunterblicken. Die Brücke schaukelt sanft, während Christoph Chorherr hinübergeht. Sie gehört ihm nicht, er hat sie nicht gebaut, dennoch hat es viel mit ihm zu tun, dass es sie jetzt gibt. Auch am anderen Ufer könnte man jetzt etwas anfangen.

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