2018 werden Frankreichs Kindern in der Schule alle Handies verboten. Gut so. Man wünscht sich manchmal, jemand täte ähnliches mit uns Erwachsenen.

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Präsident Emmanuel Macron war mit der Idee bereits in seine Wahlkampagne gegangen: An allen Grund- und Mittelschulen des Landes sollten Handies verboten werden. Nun hat sein Bildungsminister Jean-Michel Blanquer die Idee in ein konkretes Gesetz gegossen, noch in diesem Jahr wird es umgesetzt: Alle 6- bis 15jährigen Kinder und Jugendliche dürfen ihre Handies zwar noch in die Schule mitbringen, sie jedoch erst wieder in Betrieb nehmen, sobald sie sich nachmittags auf den Heimweg machen. Sowohl in den Pausen, als auch während der Essenszeiten und Freizeitstunden ist ihr Gebrauch verboten.

Man könnte dasselbe auch ausdrücken, ohne das Wort „Verbot“ zu benützen, dann klingt es gleich ganz anders: Frankreichs Kinder und Jugendliche werden tagsüber vom Handy befreit. Man nimmt ihnen den Druck von den Schultern, ständig gegen eine unwiderstehliche Ablenkung ankämpfen zu müssen, und gibt ihnen die Kontrolle über ihre Zeit zurück. Man schenkt ihnen die Gelegenheit, herumzutoben, miteinander zu reden, sich Blödsinn auszudenken, Fußball zu spielen oder einfach einmal eine Viertelstunde lang sinnlos in die Luft zu starren. Und manch ein Erwachsener mag sich da wünschen, dasselbe täte irgendjemand auch mit uns.

Die sogenannte „Verbotsgesellschaft“ hat heute ja keinen guten Ruf. Doch auf den zweiten Blick stellt sich heraus: Manchen Verboten und Zwängen wohnt eigentlich der Zauber einer Befreiung inne. Wer weiß, wie mühsam es ist, ganz allein gegen die Nikotinsucht anzukämpfen („Darf ich mir schon die nächste anzünden? Oder halte ich noch 10 Minuten aus?“), freut sich insgeheim, wenn ihm irgendwer drei Stunden lang das Rauchen einfach verbietet. Ein Fahrverbot in einer Innenstadt schafft plötzlich Platz und Luft, um entspannt zu Fuß zu flanieren. Dass die Geschäfte Sonntags geschlossen haben müssen, erzeugt eine synchrone gesamtgesellschaftliche Entschleunigung, die sich mit anderen Mitteln kaum herstellen ließe.

Menschen zahlen viel Geld für Fastenkuren – nur damit sie eine Zeitlang nicht essen dürfen, wonach ihnen der Sinn steht. Sie kaufen sich Computerprogramme, die ihnen zwangsweise das Internet abschalten, samt Facebook, Ebay, Pornos, Spielen und all den anderen permanenten Ablenkungen – damit sie es ab und zu schaffen, ein paar Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten. Andere Menschen kaufen sich einen Hund, der sie zwingt, täglich früh aufzustehen und mit ihm spazierenzugehen, weil sie wissen, dass ihnen das gut tut. Selbstverständlich könnten sie auch ohne Hund früh aufstehen und täglich spazieren gehen. Aber das schaffen halt nur die wenigsten. Kindern und Jugendlichen geht es da ganz ähnlich. Sind sie ohne WLAN in einem Zeltlager gestrandet, oder nimmt ihnen ein unbarmherziger Erwachsener kurzerhand einfach die Daddel-Geräte ab – nach rituellen lautem Protestgeheul dauert es meistens nicht lang, und sie sind regelrecht erleichtert.

Als der New Yorker Bürgermeister vor zehn Jahren ein ähliches Handy-Verbot in den Schulen erließ wie heuer die Franzosen, war es denn auch nicht der Protest der Kids, der die Regelung jüngst wieder zu Fall brachte. Sondern der Protest der Eltern. „Ich muss mein Kind doch erreichen können!“ sagen sie gern. Und meinen: Ich halte es nicht aus, mein Kind von der Leine zu lassen. Nicht ständig informiert zu sein, was es tut. Tracking-Apps zu installieren, die stets anzeigen, wo es sich aufhält, ist da nur der logische nächste Schritt. Man „sorge sich“ halt um die Kinder, heißt es dann. In Wirklichkeit hat man Angst vor dem eigenen Kontrollverlust.

Hier eine Voraussage für 2018, die gleichzeitig ein Wunsch ist: Kinder und Jugendliche werden sich, schneller als die Erwachsenen glauben, Handy-freie Räume erobern. Sie werden, öfter als es Erwachsenen lieb ist, unerreichbar sein. Und das Handy-Verbot in der Schule möge ihnen, auch in Österreich, eine Tür zu dieser Freiheit öffnen.

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