Ein dezenter Retro-Hauch umweht die Pläne der schwarzblauen Regierung. Die Frage ist bloß: Von welcher Vergangenheit sprechen wir? Und was war damals wirklich besser?

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Früher war alles besser, sagen ältere Menschen. Weil sie sich bei „früher“ an jene Zeit erinnern, in der sie selbst jünger, gesünder und frischer waren. Wenn man jeden Morgen mit schmerzenden Gelenken oder einem Hustenanfall aufwacht und schlechte Laune hat, neigt man dazu, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umstände (Politik, Nachbarn, Enkel, Ausländer, Facebook-Freunde) dafür verantwortlich zu machen und die Vergangenheit zu verklären. Schließlich hatte man damals noch keinen Husten! Obwohl man doch überall rauchen durfte! In Lokalen, am Schulhof, in Büros, im Flugzeug, und irgendwann einmal sogar im Kino und in der Straßenbahn. Und, hats uns geschadet? Freiheit muss einem etwas wert sein. Hätten die Kellnerinnen halt etwas besseres gelernt. Hätten sich die Kinder rauchender Eltern halt andere Eltern ausgesucht. Es ist doch jeder seines Glückes Schmied.

Überhaupt war alles fein, als es noch keine „Verbotsgesellschaft“ gab. Man setzte sich ins Auto, ohne Gurte, ohne Kindersitze, ohne Bevormundung, schlichtete einfach die ganze Familie rein, und fuhr los. Wenn man vorher etwas getrunken hatte, wars besonders lustig. Es gab kein Tempo-30, keine Parkpickerln, Radwege, Fußgängerzonen oder sonstige Schikanen. Sollten die anderen halt wegspringen. Dass es 1972, im schwärzesten Jahr der österreichischen Verkehrsgeschichte, 2948 Unfalltote gab (sechsmal so viele wie heute, obwohl sich die Zahl der Autos mehr als verdoppelt hat)? Egal. Man hat’s ja überlebt.

Auch am Klimawandel waren wir damals noch nicht schuld – zumindest redete uns niemand deswegen ein schlechtes Gewissen ein. Beim Schnitzel und Schweinsbraten durfte man hemmungslos reinhauen, ohne dass verhärmte Gourvernanten tadelnd mit dem Zeigefinger wackelten. Nicht eine Sekunde musste man an die Cholesterinwerte, an die Massentierhaltung, an die Abholzung der Regenwälder oder gar an die religiösen Gefühle irgendwelcher Muslime denken. Wie frei, wie ungestüm, wie verwegen fühlte sich das an!

Die Kinder von heute sollen dasselbe spüren dürfen. Deswegen machen wir jetzt Schluss mit alternativer Pädagogik, mit Projekttagen, fächerübergreifendem Lernen – alles Irrwege! Spielerisches Sprachenlernen gar: „Guten Tag, wie geht’s“ auf türkisch zu sagen, bis zehn zählen auf spanisch, oder gar ein arabisches Lied einstudieren – welch verheerende Beschädigungen das in kindlichen Gehirnen wahrscheinlich anrichtet! Als wir klein waren, waren wir vor diesen schädlichen Einflüssen noch sicher. Nicht einmal in Kärnten traute sich damals ein Kind zuzugeben, dass es außer deutsch auch slowenisch sprach. Man war einsprachig und stolz drauf. Wie auch auf Frontalunterricht, Zweierreihen, Ziffernoten, und eine möglichst homogene Sortierung der Kinder. Damit jeder weiß, wo oben und wo unten ist, und wo man selber hingehört.

Höchste Zeit auch, ein paar Eckpfeiler der österreichischen Leitkultur in den Boden zu rammen. Heimatschutz wird das heißen, und alles vom Katastrophenschutz (Feuerwehrfeste!) bis zum Sport (Schifahren!) umfassen. Und wehe allen, die es wagen, an diesen Heiligtümern zu kratzen, indem sie drauf hinweisen, dass dort nicht immer alles lustig ist, speziell für Frauen. Komasaufen, sexuelle Übergriffe – gehörte immer schon dazu. In der „Heimat“, die wir meinen, gab es keinen Genderwahn. Manderl und Weiberl konnte man noch klar unterscheiden. Wer schwul war, den nannte man pervers. Es gab die Ehe, man kriegte Kinder, man ging fremd, aber blieb immer zusammen, auch wenn es die Hölle war. Denn Alleinerzieherin zu sein, war eine Schande. Besser also, man reißt sich ein bisserl zusammen. Und alle, die das auch heute schaffen, werden mit einem Familienbonus von 1500 Euro beloht.

Die Selbstmordraten waren vor 35 Jahren übrogens doppelt so hoch wie heute. Vielleicht, weil früher doch nicht alles besser war? Oder sind auch daran irgendwie die Ausländer schuld?

 

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