Von der Regierung in die Opposition und umgekehrt: Da muss man umlernen. Was eben noch Routine war, funktioniert plötzlich nicht mehr

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Es dauert ja immer eine Weile, bis man sich in einer neuen Umgebung zurechtfindet. Das ist beim Jobwechsel so, bei Änderungen in der Familienkonstellation, oder auch nach einem Wohnungsumzug. Man wacht nachts auf, und statt mit schlafwandlerischer Sicherheit den Weg ins Bad zu finden, ist man verwirrt und stößt sich ständig irgendwo die Zehen an. Nicht anders geht es Politikern und Politikerinnen beim Wechsel von der Regierung in die Opposition und umgekehrt. Auch ihr Organismus ist noch gefangen in alten Ritualen. Doch was jahrelang quasi automatisch lief – die Alltagsorganisation, der Kommunikationsstil, der Tonfall – passt plötzlich nicht mehr zur neue Rolle. Deswegen wirken Österreichs Politiker im Moment, als würden sie sich ständig an irgendeiner Ecke die Zehen anstoßen.

Beginnen wir bei der SPÖ. Ein Teil von Christian Kern klingt immer noch wie jener Bundeskanzler, der er schon längst nicht mehr ist: Er ist es gewöhnt, anderen Leuten Aufgaben anzuschaffen, und Lob und Tadel zu verteilen. Aber da arbeitet jetzt keiner mehr für ihn; alle warten sie jetzt auf Lob und Tadel von jemand anderem. Das fühlt sich nicht gut an, die Kränkung darüber ist dem Ex-Kanzler anzumerken. Der andere Teil von Christian Kern ist jedoch bereits ins Oppositionswasser gesprungen und sichtlich fasziniert davon, wieviel Freiheit das eröffnet. Freestyle! Da darf man alle staatstragenden Hemmungen abwerfen! Den Leuten alles versprechen, was sie hören wollen, ohne jede Konsequenz! Sogar FPÖ-Töne („Massenzuwanderung“, „Arbeiterverrat“) erlaubt sich die SPÖ jetzt. Wild fühlt sich das an, verwegen, aber gleichzeitig zappelig und unsouverän. So als habe man sich heimlich das Mofa vom älteren Bruder ausgeborgt, ohne richtig fahren zu können.

Anders gelagert sind die Anpassungsschwierigkeiten der FPÖ. Jahrzehntelang hat man in dort das Zündeln trainiert, und stand bei jedem Problem sofort mit dem Ölkanister parat. Je wilder alles brennt, desto besser! Nur um jetzt, als Regierungspartei, plötzlich zu merken: Wenn man selbst für alles verantwortlich ist, ist es nicht so super, wenn es brennt. Eher müsste man da kalmieren, vermitteln, Konflikte bereinigen, dafür sorgen, dass alles intakt bleibt. Aber wie macht man das bloß? Und welche Worte verwendet man dafür? Ähnlich ungelenk auch die ersten außenpolitischen Schritte. Traditionell flirtet die FPÖ ja mit den Scharfmachern: mit den radikalen serbischen Nationalisten für eine Spaltung Bosniens; mit den Deutschnationalisten Südtirols gegen Italien; mit Vladimir Putin und Marine Le Pen gegen die EU. Als Oppositionspartei ist das egal, es ist ja bloß für den eigenen Fanclub. Aber wenn eine Regierungspartei spricht, ein Vizekanzler? Da hören plötzlich alle genau zu, und nehmen einen beim Wort. Das ist kein Spiel, jetzt ist es ernst: Speziell dem forschen Reimeschmied Herbert Kickl ist der Schreck über diesen neuen Zustand beinahe körperlich anzusehen.

Umstellen müssen sich schließlich auch die vielen dauerempörten Bürger, die es routinemäßig gewöhnt sind, auf Social Media ihren Zorn über „die da oben“, „das Establishment“ oder „den Mainstream“ abzulassen. „Der Mainstream“ – das sind ja jetzt, o Schreck, sie selber! Und „die da oben“ jene Leute, die sie selber gewählt haben! Das gesamte Ausmaß der Rollenverwirrung lässt sich an einem Wunsch ablesen, der auch an die Verfasserin dieser Kolumne derzeit häufig herangetragen wird: Man möge es doch, bittesehr, sofort unterlassen, die Regierung zu kritisieren! Die sei schließlich demokratisch gewählt, man möge sie in Ruhe arbeiten lassen, und damit basta! Es ist erst wenige Monate her, dass dieselben Leute an einer (genauso demokratisch gewählte) Regierung kein gutes Haar ließen.

Die neuen Töne quietschen also alle noch ein bisschen. Sie hören sich gewöhnungsbedürftig an. Aber es haben ja alle noch Zeit, in ihre neuen Rollen hineinzuwachsen.

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