Fragen wir nicht nach der Moral, sondern nach dem Nutzen: Was hat Österreich davon, wenn wir gut integrierte Lehrlinge, die wir dringend brauchen, zwangsweise außer Landes schaffen?

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Kaum ein Tag vergeht, ohne dass spektakuläre Fälle von Abschiebungen in der Zeitung stehen. Grundsätzlich ist das nachvollziehbar: In einem Land, in dem mehr als 100.000 Menschen um Asyl angesucht haben, muss es, rein statistisch gesehen, eine Menge abgelehnter Fälle geben. Wer nach einem ordentlichen Verfahren Asyl bekommt, darf in Österreich bleiben; wer nicht, muss wieder gehen – so funktoniert der Rechtsstaat.

Dennoch kann man sich oft des Eindrucks nicht erwehren: Es sind die Falschen, die abgeschoben werden. Familien, die seit vielen Jahren hier leben und längst Wurzeln geschlagen haben. Kinder, die in Österreich geboren sind und manchmal besser deutsch können als die Sprache ihrer Eltern. Jugendliche, die in Sportvereinen aktiv sind und für Österreich Medaillen holen (wenn auch nicht im Schifahren). Erwachsene, die einer geregelten Arbeit nachgehen, Steuern zahlen, die sich selbst erhalten und niemandem zur Last fallen. In Oberösterreich sind derzeit besonders viele afghanische Lehrlinge von Abschiebungen bedroht – junge Burschen, die eine Chance, die sich ihnen aufgetan hat, genützt haben. Sie haben sich reingehängt, rasch deutsch gelernt, in Mangelberufen Fuß gefasst. Dort, wo sie heute arbeiten – sei es in Wirtshäusern oder Handwerksbetrieben – werden sie dringend gebraucht. Ihre Chefs und Chefinnen haben viel Energie in ihre Ausbildung investiert. Und müssen dieser Tage mit Entsetzen zuschauen, wie frühmorgens die Polizei vor der Tür steht und ihre Burschen vom Herd oder von der Werkbank wegholt.

Es dauert manchmal nur ein paar Stunden, bis diese Menschen in Schubhaft gesteckt und mit einer Reisetasche voller Habseligkeiten per Charterflug außer Landes gebracht werden, wo sie – zum wiederholten Mal – wieder bei Null anfangen müssen. Während gleichzeitig offenbar viele andere, die in Österreich keinerlei Perspektive haben und keinerlei Ambitionen zeigen, von Abschiebungen verschont bleiben. Weil ihre Identität unklar ist. Weil Heimreisezertifikate fehlen. Weil die Behörden nicht wissen, wo sie sind. Oder aus sonstigen Gründen, die niemand nachvollziehen kann.

Es schaut fast so aus, als seien gut integrierte Menschen leichter abzuschieben als schlecht integrierte – wahrscheinlich schlicht deswegen, weil man genau weiß, wo sie wohnen und arbeiten, und sie sofort findet, wenn man nach ihnen fragt. Aber kann das der Sinn der Sache sein? Und was gewinnt Österreich dabei? Selbst wenn man die Frage nicht moralisch stellt, sondern rein utilitaristisch, kommt man zu dem Schluss: Wir gewinnen gar nichts, wir verlieren dabei. Denn nicht nur die Fremden haben über Jahre Energie, Ressoucen und guten Willen in die Beziehung gesteckt, sondern auch hiesige Lehrer, Nachbarinnen, Kursleiter, Freunde, Kolleginnen. Was für ein schmerzhafter, sinnloser Verlust für alle Beteiligten, wenn das alles von einem Tag auf den anderen zerstört wird.

Wen will Österreich im Land behalten und wen nicht? Das ist eine schwierige, legitime Frage, die nach einer logisch nachvollziehbaren Antwort schreit. Das Asylrecht allein wird uns dabei jedoch nicht weiterhelfen. In vielen Fällen ist es das falsche Werkzeug, so ähnlich, wie ein Hammer nicht dabei helfen kann, eine Schraube festzuziehen. Für den Asylstatus ist es irrelevant, ob sich jemand im mehrjährigen Alltags-Test in Österreich bewährt hat; entscheidend sind allein die Zustände im Heimatland. Aus eigennützig-österreichischer Sicht ist es jedoch genau umgekehrt: Für das gedeihliche Zusammenleben und den ökonomischen Erfolg ist zweitrangig, was jemand in Afghanistan oder im Irak erlebt hat. Da zählt, was der Mensch hier und jetzt tut.

Eine Regierung, die das Beste für unser Land will, psychologisch ebenso wie ökonomisch, könnte sich hier um pragmatische Lösungen bemühen. Zu rechnen ist damit allerdings leider nicht.

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