Ein kleiner Nachtrag zum Tod von Ingvar Kamprad: Das von ihm gegründete Möbelhaus hat unser Leben fast so stark geprägt wie Apple, Google und Tetrapak.

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Es sind nur wenige Firmen, die der Gegenwart ihren Stempel aufgedrückt haben. Auf dem Technologie- und Kommunikationssektor sind das Apple, Google, Facebook, Amazon, Microsoft: Sie beeinflussen, was wir den ganzen Tag tun und welche Informationen unsere Gedanken formen. Was Konsumgüter betrifft, ist die Auswahl der einflussreichsten Firmen schwieriger. Tetrapak gehört wohl dazu, Lego, Nestle, H&M. Die großen Autokonzerne. Sowie ganz sicher, die blau-gelbe Firma, deren Gründer vergangene Woche in seiner schwedischen Heimatstadt Älmhult gestorben ist: IKEA.

Wenige Menschen lieben IKEA. Wenige hassen es. Doch beinahe jeder in diesem Land hat irgendetwas von IKEA zu Hause – sei es ein Billy-Regal, ein Sofakissen, Köttbullar in der Tiefkühltruhe, oder bloß eine jener unzerstörbaren blauen Plastiktaschen, die bei jedem Umzug zum Einsatz kommen. IKEA hat den globalen Massengeschmack geformt und gesellschaftliche Normen etabliert, wie es keine Obrigkeit je zustandegebracht hätte.

Der IKEA-Katalog bildet den gemeinsamen Nenner, auf den sich unterschiedlichste Milieus, jenseits aller gegenläufigen Interessen, einigen können: Reaktionäre und Fortschrittliche, Linke und Rechte, Autoritäre und Egalitäre. Der Landhaus-Stil bedient alle: Er wirkt gleichzeitig öko und technikaffin, retro und urban; er befriedigt das Bedürfnis nach permanenter Geselligkeit (ausziehbare Esstische, Töpfe für Schmorgerichte, Kerzen) ebenso wie jenes nach autistischer Einsiedelei (Sitzkissen, Sofadecken, Aufbewahrungsboxen für Sammlungen aller Art). Es ist eine Welt, in der man sich eine Tasse Kräutertee einschenkt, nachdem man den Kindern das Nachtlicht (Spöka, 14,99€) eingeschaltet hat, damit sie im Dunklen keine Angst haben.

Sicher ist diese Welt. Sie hat Schutzkappen für Tischplattenecken, Abdeckungen für Steckdosen, Sicherheitsangeln für Fenster und für jene Laden, in denen sich die scharfen Messer befinden. Ehe man diese Vorrichtungen bei IKEA kennenlernte, ahnte man gar nicht, auf wie viele Arten man Gefahren zähmen kann. Zum Klischeebild des schwedischen Wohlfahrtsstaats hat IKEA damit wohl mehr beigtragen als alle staatlichen Imagekampagnen.

IKEA hat die auch Transitionsrituale Heranwachsender neu definiert. Egal an welchem beziehungstechnischen Wendepunkt sich Eltern und Kinder gerade befinden: IKEA ist dabei. Unvergessen der Bezug des ersten WG-Zimmers, anlässlich dessen man mit Mama durch die IKEA-Schauräume streift und sich – ein allerletztes Mal – Haushaltstipps geben lässt (sie zahlt ja auch die Rechnung). Der erste gemeinsame IKEA-Besuch mit dem neuen Lebenspartner – bei dem sich bisweilen Abgründe auftun, was die Vorstellungen vom gemeinsamen Leben betrifft. Dann der Hochschwangeren-Besuch mit der To-Do-Liste fürs Kinderzimmer. Gefolgt vom Moment, in dem man das Kleinkind erstmals im IKEA-Bällebad abgibt. Was fehlt, ist die IKEA-Transitionsbegleitung ins Seniorenheim, samt farbenfrohen Treppenlifte. Was wohl daran liegt, dass man bei IKEA immer glauben möchte, man sei noch ein bisschen jung.

Schließlich noch Beziehungsstiftendes: Der Transport von IKEA-Teilen funktioniert nur zu zweit. Ebenso der Zusammenbau: Einer muss halten, der andere schraubt; einer liest die Anleitung vor, der andere weiß immer alles besser. Der heimelige Moment, wenn man in fremden Wohnungen, auf fremden Kontinenten gar, Versatzstücke des eigenen Lebens wiedererkennt – dieselbe Vorhangstange, dasselbe Schuhregal, dasselbe ungelöste Problem mit dem Kabalsalat. So tief können die Gräben der globalen Kulturkonflikte gar nicht sein, wenn uns all das verbindet. Und erst die Freude, wenn bei der Fusion zweier Haushalte die Ivar-Regal-Teile beider Besitzer perfekt ineinander passen! Als sei man immer schon eins gewesen!

Ingvar Kamprad mag, nach allem, was anlässlich seines Todes zu lesen war, kein sehr sympathischer Zeitgenosse gewesen sein. Danke trotzdem.

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