Manchen Gruppen ist Volk, Sippe, Abstammung und Loyalität untereinander wichtiger als der österreichische Staat und seine Gesetze. Toleranz ist da fehl am Platz.

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Eigentlich müssten wir schon seit Jahrzehnten wissen, dass es in Österreich Parallelgesellschaften gibt. Ab und zu drangen Hinweise an die Öffentlichkeit: Obsukre Veranstaltungen mit hetzerischen Inhalten, Aufrufe zur Gewalt, Aktivitäten, die hart am Gesetzesbruch entlangschrammten. Doch man wollte meistens nicht so genau hinschauen. Von Polizei und Verfassungsschutz blieben die Netzwerke weitgehend unbehelligt, manche Medien begegneten ihnen mit Wohlwollen, einzelne Politiker und Parteien hielten ihre schützende Hand über sie. Sogar offizielle staatliche Fördergelder kassieren viele dieser Gruppen bis heute.

Die Parallelgesellschaft, von der hier die Rede ist, propagiert archaische Geschlechterrollen. Männer bleiben unter sich; Frauen treffen sich in eigenen, von den Männern getrennten Räumen. Sinnstiftendes verbindendes Element ist der gemeinsame Konsum von Rauschmitteln, häufig exzessiv bis zur Bewusstlosigkeit. Geheimniskrämerei nach außen ist ebenso wichtig wie bedingungslose Geschlossenheit nach innen. Um Teil der Gemeinschaft zu werden, ist nicht bloß die passende Weltanschauung notwendig, sondern auch die „richtige“ Abstammung, denn die Parallelgesellschaft hält Blut, Rasse und ethnische Zugehörigkeit hoch. Man muss elaborierte Aufnahmerituale absolvieren, Mutproben und ritualisierte Kämpfe.

In manchen Gruppen werden diese Kämpfe mit scharfen Stichwaffen ausgetragen. Junge Männer tragen dabei Verletzungen davon, häufig im Gesicht. Diese Narben tragen sie dann mit Stolz. Mitunter wird gar versucht, die Heilung einer blutenden Wunde absichtlich hinauszuzögern, damit die Haut schlecht zusammenwächst und die Narbe noch deutlicher sichtbar wird. Ähnlich wie Tätowierungen bei Straßen- oder Gefängnisgangs dienen diese Markierungen als Nachweis besonderer Kühnheit, sowie als klandestines Erkennungszeichen. Trifft ein Gekennzeichneter einen anderen, weiß man übereinander Bescheid, ohne allzuviele Worte zu machen, und kann sich der gegenseitigen Loyalität sicher sein. Gangmitglieder halten zusammen. Sie helfen einander beim beruflichen Aufstieg, bilden Seilschaften, und gehen auf Kommando wie ein Rudel auf gemeinsame Außenfeinde los. Sie machen einander die Mauer, selbst wenn sich einer einer danebenbenimmt oder straffällig wird. Bestimmte Gesetzesübertretungen gelten innerhalb der Gemeinschaft gar als geheime Auszeichnung.

Grundsätzlich haben diese Parallelgesellschaften ein Problem mit dem Staat Österreich. Volkszugehörigkeit, Blutsverwandtschaft und Clandenken sind ihnen wichtiger als die Staatsbürgerschaft, deswegen sehnen sie den Anschluss an ein anderes Volk herbei und besingen dies in schwülstigen Liedern („Hebt die Stirn in edlem Stolze euren nord’schen Brüdern gleich/ ja, aus deutschem Eichenholze sind auch wir in Österreich“). Das Bekenntnis zur österreichischen Verfassung ist in vielen dieser Gruppen bloß ein Lippenbekenntnis, das man ab und zu halt widerwillig leistet, weil es von der Mehrheitsgesellschaft so verlangt wird. Nach außen hin distanziert man sich auch von Antisemitismus – wohl wissend, wie über Juden geredet wird, sobald man unter sich ist. Über die Zeit des Nationalsozialismus sagt man, „was die offizielle Geschichtsschreibung vorschreibt“. Nach innen jedoch verständigt man sich augenzwinkernd darüber, dass all diese Bekenntnisse nicht so ernst gemeint sind. „Mit gespaltener Zunge sprechen“ nennt man das.

Menschen in Parallelgesellschaften klinken sich absichtlich aus dem Grundkonsens des Landes aus. Sie verfolgen eigennützige Ziele. Sie versuchen, die demokratischen Institutionen zu unterwandern, um – sobald sie sich stark genug fühlen – nach der Macht zu greifen. Islamististischen Gruppen ist das in Österreich bis heute, zum Glück, nicht gelungen. Die deutschnationalen bis rechtsextremen Burschenschaften sind da schon ein bisschen weiter.

 

 

 

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