Der aktuelle Spielfilm „Murer“ zeigt das Österreichertum von seiner hässlichsten Seite: Immer ist irgendjemand anderer an allem Schuld. Das sollte man sich anschauen.

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„Was er alles an Schlechtigkeit aushalten muss“, seufzt Frau Murer schon gleich zu Beginn dieses Films. Sie spricht über ihren Ehemann Franz, den „Schlächter von Wilna“. Dabei hält Frau Murer, wie sie das immer tut, eine Torte in der Hand – eine Malakoff, eine Sacher, oder nur einen schlichten Guglhupf. Es hat etwas von einer rituellen Beschwörung: als ob Torten das Böse bannen könnten. Und das Böse sind für Leute wie die Murers selbstverständlich immer die anderen, sogar dann, wenn man ein Massenmörder ist. Von 1941 bis 1943 verwaltete der SS-Mann Murer das jüdische Ghetto von Wilna, was von 60.000 Bewohnern am Ende nur einige hundert überlebten. Alle anderen verhungerten, wurden erschlagen, in den umliegenden Wäldern liquidiert und in Massengräbern verscharrt, ins Gas geschickt. Viele erschoss Murer eigenhändig.

1963 machte man Murer in Graz den Prozess, und Christian Frosch hat darüber einen Spielfilm gedreht, den sich jeder Österreicher anschauen sollte. Denn Österreich entblößt sich in diesem Film selbst. In Farben, Formen, Gesten und Kleidern erwachen nicht nur die Sechzigerjahre zum Leben. In den originalen Gerichtsprotokollen von damals, die in das Drehbuch einflossen, wird auch eine Geisteshaltung spürbar, die sich durch die gesamte jüngere Geschichte dieses Landes zieht – von Qualtingers Herrn Karl bis hin zu Kurt Waldheim – und die bis heute nicht überwunden ist: Die Unfähigkeit, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen. Das weinerliche Selbstmitleid, mit dem man sich selber stets als Opfer darstellt. Und die Dreistigkeit, mit der man einfach den Spieß umdreht, und anderen die Schuld gibt – bevorzugt den Opfern.

Schoschana Rabinovici, die mit den „Letzten Zeugen“ im Burgtheater auftrat, war in Wilna ein siebenjähriges Mädchen. Nie bekam sie das Bild aus dem Kopf, wie Murer die schöne junge Gita Perlowa und deren Großeltern am Ghettotor direkt vor ihr aus der Reihe holte und ermordete. Dutzende Überlebende traten auch 1963 in Graz in den Zeugenstand, schilderten die Ermordung der eigenen Schwester, des eigenen Vaters, des eigenen halbwüchsigen Sohns, direkt vor ihren Augen; in klaren Worten, auf jiddisch, auf hebräisch, auf deutsch. Sie beschrieben einen Mann mit totaler Macht. Einen Mann, der in jeder Sekunde entscheiden konnte, was er tat, und dem genau diese Willkür sichtbar Genugtuung bereitete: Hier ein Kopfschuss, da Gnade, dort wieder ein Kopfschuss.

Doch nun auf der Anklagebank, umgeben von Verwandten, Freunden, Nachbarn, lokalen Würdenträgern und vielen, vielen ganz normalen Grazern, saß da plötzlich kein Täter mehr, sondern ein Verfolgter. An den Wirtshaustischen rund um das Gerichtsgebäude beklagte das Publikum die Bösartigkeit der Welt. Sah den armen Murer von „Rachegelüsten und Vorurteilen“ bedrängt, von „Vorwürfen und Denunziationen“. Murer hatte – wie dieser Film nachzeichnet – mächtige Fürsprecher, bis ganz hinauf in die österreichische Justiz, in Parteien und Ministerien. Bis an sein Lebensende blieb er fixer Bestandteil des steirischen Establishments, war Bauernfunktionär, Lokalpolitiker, ein mächtiger, respektierter Mann. Dennoch waren die tausenden Österreicher, die seinen Freispruch feierten und ihn mit Blumen überhäuften, überzeugt, einen Underdog verteidigt und aus den Fängen eines übermächtigen Feindes befreit zu haben. „Die Hetzer“, „die Verschwörer“ und „die Mächtigen“ – das sind in der Phantasie der österreichischen Nazis und ihrer Nachfahren immer die anderen. Während sie selbst sich, sogar wenn sie den Staatsapparat kontrollieren, als wehrlose, unverstandene Opfer fühlen.

Als die jüdischen Zeugen nach Murers Freispruch auf die sommerlichen Gassen von Graz hinaustorkeln, ganz benommen vom Schock, kann man ihre Fassungslosigkeit nachvollziehen. Wie schaffen es die Österreicher bloß immer, alles ins Gegenteil zu verkehren?

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One Response to Grausam reicht nicht, man muss dabei auch noch wehleidig sein

  1. henry wilde sagt:

    Vielen Dank für ihre intelligente Worte

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