Halb Stepmaster, halb Slackline: Das Halfbike ist das neue urbane Trend-Spielzeug. Es kommt aus Sofia

Werkstattbesuch: Sibylle Hamann

Das erste und wichtigste Halfbike-Gebot lautet: Vergessen Sie alles, was Sie übers Radfahren wissen. Die Pedale sind zwar Pedale, und die Kette ist eine Fahrradkette. Aber der Lenker ist kein Lenker. Er ist starr. Und die kleinen Zwillingsräder hinten sehen zwar aus wie verlässliche Stützen, sind aber eher das Gegenteil. Und der Sattel? Der fehlt.

 

Kein Fahrrad also. Dennoch ist das Gefühl beim ersten Mal genau das gleiche wie damals, als Sie zum ersten Mal auf dem Fahrrad saßen. Zuerst die Gewissheit: Wahnsinn, das schaffe ich nie. Dann, stolz, die ersten wackeligen Meter in der Geraden. Dann ein erster Versuch, eine Kurve zu fahren, nur mit Gewichtsverlagerung. Rückschläge, immer wieder. Es geht nicht. Noch ein nächster Versuch, fluchend, schwitzend. Dann plötzlich: eine ganze lange Gasse geschafft! Einmal hin, einmal her, es ist ja gar nicht so schwer! Kindliche Freude macht sich breit. Und der Wunsch, nie mehr absteigen zu wollen.

So sieht das auch die alte Frau mit dem Hund, die auf dem Gehsteig täglich um dieselbe Zeit die Fortschritte sieht und kommentiert. „Na, das geht ja schon richtig gut!“, sagt sie an Tag vier. Als würde sie ein fünfjähriges Kind motivieren wollen, so knapp vor dem Ziel nur ja nicht aufzugeben.

„Wir haben das Spielen verlernt“, sagt Denitsa Penkova dazu. „Mit dem Halfbike kann man damit wieder anfangen“. Die junge Frau steht im vierten Stock eines Industriegebäudes in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Von den Loft-Fenstern schaut man auf eine Ausfallstraße, unten ein Lidl-Supermarkt, eine Bowlinghalle und eine quietschende Straßenbahn. Keine Radfahrer. An sauber aufgeräumten Werkbänken stehen zwei Männer mit Hipster-Bärten und Schraubenschlüsseln. Sie montieren die Teile – ein 20-Zoll-Rad, Alu-Rahmen, hölzerne Lenkstange, 3-Gang-Schaltung, Pedale – und verpacken sie in flache posttaugliche Pakete.

8,5 Kilo, 499 Euro: Von hier aus werden sie in die ganze Welt verschickt. 6500 Halfbikes sind global bereits unterwegs, die meisten in den USA („dort haben wie die emotionalsten Kunden“), in Holland, Deutschland, Frankreich, Australien. Ein Halfbike wird als Trainingsgerät für kaputte Kniegelenke und verkümmerte Rückenmuskeln gekauft. Als leichtes, schnell faltbares urbanes Transportmittel, das man in jeden Bus mitnehmen kann. Als Spielzeug für Erwachsene, die ihr Balancegefühl neu entdecken wollen. Oder aber als Kultobjekt, das den Besitzer zum Mitglied eines verschworenen Netzwerks macht. Die sprechen dann von „Utopie“, „Vision“ und der „Zukunft der Mobilität in menschlichem Maßstab“.

Eines jedenfalls funktioniert überall: Wo auch immer ein Halfbike vorbeifährt, drehen sich Passanten danach um. Wie funktioniert das? Darf ich mal probieren? Diese Neugier ist die beste Werbung, und dient auch dem Vertrieb. Halfbikes sind in keinem Geschäft erhältlich. Stattdessen sind Halfbike-Besitzer auf der ganzen Welt samt ihrem Wohnort auf der Website als „Botschafter“ registriert. Die können Kaufinteressenten dann kontaktieren, treffen und vor Ort probefahren. Alles ehrenamtlich natürlich, denn Halfbiker sind Enthusiasten.

Erfunden haben das Gerät Martin („Marto“) Angelov und Mihail Klenov. Wie Denitsa studierten die beiden ebenfalls Architektur. Vor drei Jahren noch bastelten sie in einer engen Garage an ihrer Idee herum. Der erste Prototyp des Halfbikes steht heute als Erinnerungsstück in der Werkshalle: etwas steifer, etwas hölzerner wirkt er als die aktuelle Version. Doch es reichte, um den erweiterten Freundeskreis zu elektrisieren. Marto und Mihail drehten schwungvolle Videos. Sie starteten eine Crowdfunding-Kampagne und hatten schon am ersten Tag das notwendige Kapital beisammen, um in die Serienproduktion zu gehen. „Es war ansteckend“, erinnert sich Denitsa. „Es gibt ja wenig Neues, Cooles, das aus Bulgarien kommt. Doch hier war plötzlich etwas.“

Die meisten ihrer Freunde gingen damals ins Ausland. Die Halfbike-Truppe jedoch entschied sich bewusst fürs Bleiben. Die Teile werden bis heute allesamt in Bulgarien gefertigt, „die meisten in Kleinbetrieben von ehemaligen Studienkollegen“, und die Erfinder sind beinahe täglich da, um die Qualität im Auge zu behalten.

Die Zeichen stehen auf Expansion. Im Frühling wird man wieder neue Leute einstellen müssen. Bloß eines hat Marto, der Minimalist, geschworen: Mehr als dieses eine Produkt wird es niemals geben. „Nur wer fokussiert ist, ist gut“, sagt er. Schon die vier Farben (neben schwarz gibt es das Halfbike neuerdings auch in weiß, türkis, geld und pink) waren ein Zugeständnis, zu dem er mühsam überredet werden musste.

 

 

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