Wer bist du? Wo gehörst du hin? Wir machen Mädchen viel zu viel Stress. Die Schule soll ihnen den wieder abnehmen.

ein falter-kommentar

Die Argumentationslinie ist logisch: Frauen und Mädchen sollen anziehen, was sie wollen. Auch auf dem Kopf. Ob blaue Haare, Dreadlocks, Stoppelglatze, Trachtenhut oder Hijab – egal. Schließlich hat der Feminismus jahrhundertelang dafür gekämpft, dass Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen und über ihren eigenen Körper bestimmen können. Wie absurd wäre es da, jetzt wieder anzufangen, ihnen Kleidungsvorschriften zu machen! Selbstbestimmung ist das oberste Ziel. Selbstbestimmung und Verbote schließen einander aus. Deswegen kann man, wenn einem die weibliche Selbstbestimmung am Herzen liegt, nur gegen Kopftuchverbote sein.

Ich kann diese Argumente gut nachvollziehen. Oft habe ich selbst verwendet. Bis zu dem Tag, an dem meine neunzehnjährige syrische Bekannte N. mit einer seltsamen Bitte an mich herantrat. Ob ich denn nicht, unter falschem Namen, mal ihre Eltern anrufen könne? Mich als Lehrerin an der Schule ihrer Schwestern ausgeben, die Eltern anlügen, und behaupten, es sei in Österreich verboten, mit Hijab in die Schule zu kommen. Warum denn das? fragte ich perplex. Weil es so ein riesiger Stress für die Schwestern sei, sagt N. Jeden Tag die Diskussionen zu Hause. Jeden Tag der Streit – was darf man in der Schule anziehen, was nicht, wer setzt sich heute durch, und was denken dann die anderen dann über uns. Sie halte das alles nicht mehr aus, sagte N. „Es wäre viel einfacher, der Hijab wäre einfach verboten, und Schluss.“

Ich kann natürlich nicht tun, was N. sich wünscht. Aber ich verstehe sie. Nicht nur ihr und ihren Schwestern geht das leidige Thema auf die Nerven, sondern uns allen. Kaum fällt in der politischen Debatte das Wort „Kopftuch“, gibt es verlässlich jedesmal: Streit, Eskalation und anschließend Erschöpfung. Alle Argumente, die guten wie die schlechten, sind zigmal gefallen. Religiöse und Säkulare, Ausländerhasser und Menschenrechtsverteidiger, Feministinnen und völkische Neo-Feministen – sie alle haben sich am Kopftuch abgearbeitet, es für ihre ideologische Standortbestimmung benützt. Mit jeder Debattenrunde wurde es mächtiger, wichtiger, mit noch mehr symbolischer Bedeutung aufgeladen. Bis es zum Fetisch wurde.

Für jedes Mädchen, das gerade zaghaft versucht herauszufinden, wer es ist und was es will, bedeutet das: Noch mehr Stress. Noch mehr Beobachtet-Werden, noch mehr Rechtfertigungszwang. Warum trägt du ein Kopftuch? Warum trägst du keins? Was willst du uns damit sagen? Was sagen deine Eltern/die Lehrerinnen/Allah dazu? Bist du ein anständiges Mädchen oder nicht? Haram oder halal? Integrationswillig oder ewige Ausländerin, armes unterdrücktes Opfer, Streberin oder Schlampe? Wen willst du mit deiner Entscheidung provozieren? Wer wird dich dafür cool finden, wer wird dich verachten? Auf welche Seite gehörst du?

Je heftiger das Gezerre, desto mehr fühle ich mit jedem Mädchen mit, das sich da ausklinken will. Sich einen geschützten Raum, eine Art Leo wünscht, wo einem jemand diese Entscheidung einfach abnimmt. Und mittlerweile denke ich: Die Schule sollte genau dieses Leo sein. Eine kopftuchfreie Zone, zumindest für die 6- bis 14jährigen, also solange die Schulpflicht dauert.

Wie aber passt das mit unseren feministischen Idealen von Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung zusammen? Wie geht sich das argumentativ aus? Am besten, indem wir uns daran erinnern, worin die ureigene Aufgabe von Schule besteht. Schule ist ein geschützter Raum mit speziellen Regeln, der absichtlich Distanz zu den verschiedenen Herkunftsmilieus der Kinder herstellt. Kinder sollen hier Erfahrungen machen und Dinge ausprobieren, die weder sie selbst noch ihre Eltern sich ausgesucht haben. Nur so kann man herausfinden, was alles in einem steckt.

Besonders in Bezug auf die Geschlechterrollen ist das wichtig. Buben und Mädchen müssen sowohl Säge als auch Häkelnadel benützt haben, ehe sie entscheiden können, was ihnen besser liegt. Sie müssen sich fremden Orten, intensiven Natur- und Kunsterlebnissen aussetzen. Sie müssen beim Sport ihren Körper spüren, ihre sexuellen Bedürfnisse kennenlernen, Nähe und Distanz austesten, Routine im alltäglichen Umgang mit dem anderen Geschlecht entwickeln. Ehe sie sich für einen Beruf, einen bestimmten Lebensstil und eine absichtliche Einschränkung ihrer Möglichkeiten entscheiden, müssen sie wissen, wie sich Wasser auf der nackten Haut anfühlt. Und wie es ist, wenn einem der Wind durch die Haare weht.

Selbstverständlich kann es dafür ebenso interessant sein, herauszufinden, wie sich eine Verschleierung anfühlt. Im Rahmen eines – idealerweise religionsübergreifenden – Religionenunterrichts sollten Kinder auch das ausprobieren, Mädchen wie Burschen, Muslime ebenso wie Nichtmuslime. Was macht das Kopftuch mit mir? Verändert es mein Körpergefühl? Wie schauen mich die anderen an, wenn ich eins trage? Und wie verändert es meinen Blick auf andere?

Kopftuch für alle also? Im Sinn der Erfahrungsvielfalt: Klar!

 

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