Silva lebt seit drei Jahren in Österreich. Österreicher hat sie noch keine kennengelernt. Wie ist das möglich?

ein „falter“-Portrait

Silva ist 15 Jahre alt. Sie hat prächtige lange, dunkle Locken, ein breites Lächeln und neugierig blitzende Augen. Sie hat eine Frage. „Ich würde so gern österreichische Menschen kennenlernen. Können Sie mir helfen?“

Silva ist nicht auf Urlaub hier. Sie ist keine Austauschschülerin, die vor ein paar Tagen am Bahnhof ankam. Sie lebt seit drei Jahren in Wien. Sie hat einen legalen Aufenthaltstitel, ist sozialversichert, spricht verständlich deutsch, geht in eine normale öffentliche Schule, lebt in einem normalen Zinshaus in einer normalen durchmischten Wohngegend. Sie hat zwei Geschwister, Slava ist 13, der kleine Ahmed 8 Jahre alt. Silva würde so gern reden üben, mit Erwachsenen oder Gleichaltrigen, die deutsch als Muttersprache sprechen. Aber wo findet man die?

Silvas Eltern können ihr da leider nicht weiterhelfen. In Damaskus kannten sie Gott und die Welt; dort verkauften sie Getränke an einem Straßenkiosk, bis der Krieg sie vertrieb. Die Eltern sind liebe, aufgeschlossene Menschen. Aber in Wien kennen sie sich nicht aus. „Geh auf die Straße und sprich jemanden an“, lautete der hilflose Ratschlag ihres Vaters, etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Silva schaut zweifelnd. „Darf man das hier wirklich machen?“, sagt sie, „ich bin ein bisschen schüchtern!“ Sie erinnert sich, einmal eine Frau nach dem Weg gefragt zu haben. „Warum fragst du das?“, entgegnete diese ruppig. Seither hat Silva es nicht mehr versucht.

Was Silva über Österreich weiß, weiß sie aus dem Geographieunterricht. „Österreich ist bekannt für seine Seen, die Donau, die weite Bergwelt, die im Sommer zum Wandern, im Winter zum Schifahren einlädt, und für seine gutbürgerliche Küche“: So hat Silva das in ihre linierte Ringmappe geschrieben, in ordentlicher Schrift, mit sauberen grünen Unterstreichungen. Silva hat die ordentlichsten Hefte, die Eltern je gesehen haben. Sie macht jede Hausübung und lernt für jede Schularbeit. Aber die gutbürgerliche Küche? Keine Ahnung. „Was essen Österreicher?“ fragt sie. Noch nie hat sie ein Einheimischer zum Essen eingeladen.

Woran liegt das? An der Religion sicher nicht. Silvas Familie sind Muslime, aber nicht streng gläubig, im Ramadan fastet man ein bisschen, Kopftuch trägt hier niemand. Ein bisschen liegt es an der Weltpolitik: Silvas Familie sind Kurden, fast alle Nachbarn im Haus sind Türken, da gab es anfangs Kontakt und Einladungen zum Kaffee, doch seit der Offensive, bei der die türkische Armee das syrisch-kudische Afrin eroberte, geht man wortlos aneinander vorbei.

Was aber steht zwischen Silva und den Österreichern? „Ich weiß es nicht“, sagt das Mädchen. Sie interessiert sich für dieselben Dinge wie viele Gleichaltrige: „Fußball, Singen, Karate, Shoppen“ fallen ihr spontan ein. In Damaskus spielte sie Gitarre, ihre Schwester Klavier. „Kann man in Wien Musik machen?“, fragt sie. Sie hat irgendwo gehört, dass man mit Schülerausweis gratis ins Museen darf – „Wo ist in Wien ein Museum?“ Im Prater hat sie einen Fußballplatz gesehen, aber wie findet man einen Verein? Kostet das viel Geld? Und welche Schuhe braucht man dafür?

Von „Integrationsverweigerung“ ist in der österreichischen Politik heute oft die Rede. So als sei Abschottung stets Ergebnis einer bewussten Entscheidung. In Parallelgesellschaften, heißt es, leben Menschen, die alle wohlmeinenden Angebote der Mehrheitsgesellschaft absichtlich ausschlagen. Die Politik diskutiert über Mädchen, die sich weigern, am Schulschwimmen teilzunehmen. Hier und jetzt, an einem heißen Frühlingstag, sitzen aber Silva, ihre Schwester Slava und ihre Freundin Larissa beim Kebap-Stand und wünschen sich nichts dringender, als endlich schwimmen zu lernen: „Gibt es Schwimmkurse in der Donau? Oder in einem Schwimmbad?“ Die Politik diskutiert über Mädchen, deren Eltern ihnen verbieten, auf Landschulwoche mitzufahren – doch hier sitzen Mädchen, die seit Monaten schon den vier Tagen im Juni entgegenfiebern, in denen sie mit der Klasse wegfahren werden, nach Niederösterreich. Ein einziges Mal war Silva bisher im Wald. Zwei Stunden lang stapften sie bei einem Schulausflug über Stock und Stein, Silvas Augen leuchten, als sie davon erzählt. Ob ich herausfinden könne, wie der Ort mit dem Wald heißt? Es gibt auch in Wien Wald, Silva! „Wirklich, wo?“, fragt sie.

Es liegt an Silvas unbändigem Lernwillen, dass die Familie heute überhaupt in Wien ist. Drei Jahre lang lebten sie nach ihrer Flucht aus Damaskus in der Südtürkei. Dort wohnten sie in einer Hütte („einmal schlug der Blitz ein, dann war alles kaputt“), und arbeiteten auf einer Schnittblumenplantage, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, „auch wir Kinder arbeiteten, das ist dort normal“. Schule war für Flüchtlinge nicht vorgesehen. Sie versuchten, den kleinen Ahmed in der Dorfschule anzumelden. Er trug damals lange Locken wie Mutter und Schwestern; der Schuldirektor wies ihn barsch ab: Er solle wiederkommen, wenn er sich die Haare abgeschnitten habe wie ein richtiger Bub. Sie schnitten Mustafa die Haare ab, gingen wieder hin. Doch der Direktor schickte ihn noch einmal weg.

Silva war damals 13. Immer schon wollte sie Chirurgin werden. Doch dafür, soviel wusste sie, musste sie unbedingt in die Schule gehen. Es war der Sommer 2015, viele Syrer setzten sich in Bewegung nach Europa, die Eltern waren vorsichtig, wollten noch abwarten, da sagte Silva: Dann geh ich halt allein. Gemeinsam mit ihrem 15jährigen Cousin zog sie los, über die Balkanroute nach Wien. Erst Monate später kam der Rest der Familie nach.

„Ich war so glücklich, als ich in Wien endlich im Unterricht saß“, sagt Silva. Es begann gut. Sie kam in eine der neu gegründeten Flüchtlingsklassen, man lernte gemeinsam deutsch. Dann jedoch begann das nächste Schuljahr, afghanische Jugendliche kamen dazu, von denen viele nicht einmal lesen konnten, und alles begann noch einmal von vorn. Seit dem aktuellen Schuljahr ist die Klasse eine normale 4. Klasse NMS – was an der Zusammensetzung nicht viel änderte, außer dass ein serbisches Mädchen und Kevin dazukamen. Kevin hat jede Menge andere Probleme, aber er spricht zu Hause deutsch. „Ich frage ihn immer, wenn ich ein Wort nicht weiß. Er hilft mir“, sagt Silva. Doch Kevin ist der einzige Muttersprachler weit und breit.

Ihren Geschwistern geht es genauso. Im Grätzel gibt es zwei öffentliche Volksschulen. Die eine ist eine Ganztagsschule mit gutem Ruf, einem Garten und Kindern aus allen sozialen Schichten; etwa die Hälfte von ihnen hat Deutsch als Muttersprache. Die zweite Schule ist eine Halbtagsschule für all jene Kinder, die anderswo übriggeblieben sind. Kinder, die zu Hause deutsch sprechen, gibt es hier praktisch keine. In diese Schule wurde Ahmed zugeteilt.

Die Sonderklassen ausschließlich für Ausländerkinder, die die Regierung ab Herbst einführen will – in vielen Wiener Pflichtschulen existieren sie de facto längst. Was Kindern hier zum Deutschlernen dringend fehlt, ist das, was die Wissenschaft „Sprachbad“ nennt – eine Umgebung von Muttersprachlern, die Wörter und Syntax ganz selbstverständlich im Alltag verwenden. Ahmeds Sprachförderlehrer formuliert es so: „Dass es wir Lehrer sind, die den Kindern eine Sprache beibringen, ist ein großer Irrglaube. Die anderen Kinder sind viel wichtiger.“

Silvas Lehrer gehen dazwischen, wenn die Kids in den Pausen miteinander arabisch, kurdisch oder Farsi reden. „Ihr müsst deutsch üben“, sagen sie. Silva findet das grundsätzlich richtig. Aber sie beobachtet, dass ihre Schwester und einige ihrer Freundinnen deswegen verstummt sind. „Wenn man etwas auf Deutsch falsch sagt, lachen die anderen. Deswegen schämen sich viele und sagen gar nichts mehr“, erzählt sie.

Silva schämt sich nicht. Sie ist Klassensprecherin, sie hat immer den Mund offen, sie kann ihre Lehrer alles fragen, aber sie spürt inzwischen die Grenze, an die sie stößt. Chirurgin zu werden, sei bloß ein Traum, sagt man ihr. Dafür müsste sie ins Gymnasium. Aber wie soll das gehen, wenn man noch nie jemanden getroffen hat, der in ein Gymnasium geht? Aus der Perspektive ihrer Schulkollegen, ihrer Eltern, ihres Freundeskreis scheint das unerreichbar weit weg. Es ist ja nicht nur die Sprachpraxis, die Silva fehlt, es sind auch die vielen selbstverständlichen Erfahrungen, die man braucht, um dazuzugehören. Wo treffen sich einheimische Jugendliche, wie redet man miteinander, was zieht man an? Wie feiert man Geburtstag? Wie schreibt man ein E-Mail, um sich für Fußball, Tanzkurs, Elternverein oder Nachhilfe anzumelden? Wohin fährt man an einem sonnigen Wochenende? Und was kann man eigentlich alles unternehmen in Wien?

„Schule, Park, zu Hause“ ist Silvas Leben an Werktagen. „Park, zu Hause, Park“ ist ihr Leben am Wochenende, Freitags ist die Schule gar schon um 11 Uhr 40 aus. Silva ist das alles zu wenig. Sie spürt, dass ihr die Zeit davonläuft. „Warum kann man in Wien nicht auch am Nachmittag lernen?“ fragt sie. Die Antwort lautet: Weil es Ganztagsschulplätze nur für Kinder gibt, deren Eltern berufstätig sind. Private Kurse nur für Kinder, deren Eltern zahlen können. Und Gratisangebote nur für jene, die wissen, wo sie suchen müssen. Silva hat jetzt begonnen, sich selbst Spanisch beizubringen, mit Youtube-Videos.

In den langen Sommerferien wird Silva sich und ihre Geschwister selbstverständlich für die kostenlosen zweiwöchigen Lerncamps anmelden, die neuerdings für Kinder mit Deutsch-Defiziten angeboten werden. Vormittags Deutsch, nachmittags Sport: Eine großartige Sache ist das. Man muss sich beeilen, um einen der begehrten Plätze zu ergattern, Slava und Ahmed freuen sich riesig, es hat ihnen letzten Sommer großen Spaß gemacht.

Auch Silva wird wieder ins Lerncamp gehen, klar. Aber so richtig glücklich ist sie diesmal nicht. „Es wäre so schön, endlich österreichische Freunde zu finden“, sagt sie. Aber Österreicher sind dort natürlich wieder keine dabei.

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