Die Opfer von Josef Fritzl haben es geschafft, sich zehn Jahre lang von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Und die Medien haben das respektiert. Was für ein Wunder.

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Zehn Jahre und ein paar Tage ist es jetzt her, dass Josef Fritzl verhaftet wurde, wegen des Verdachts, seine Tochter 18 Jahre lang im Keller eingesperrt, sie vielhundertfach vergewaltigt und mit ihr sieben Kinder gezeugt zu haben. Der Keller ist jetzt mit einer dicken Betonschicht zugemauert. Der Täter ist verurteilt und sitzt lebenslänglich in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Er hat seinen Namen ändern lassen und dämmert, wenn man den wenigen Zeitungsberichten, die es über ihn gibt, glauben darf, in seiner Zelle einer Demenz entgegen.

Die befreite Tochter und ihre Kinder haben den Namen „Fritzl“ ebenfalls abgelegt und tragen einen anderen. Sie leben jetzt „in einem anderen Bundesland“, mehr weiß man nicht. Man hat nie mehr etwas von ihnen gehört. Das ist eine gute Nachricht, von der es heutzutage leider viel zu wenige gibt.

Denn natürlich war die gierige Öffentlichkeit bereitgestanden, samt ihrem gesamten Waffenarsenal: Kameras mit riesigen Teleobjektiven, bereit, die Opfer „abzuschießen“; Spitzel, die aufs Krankenhausgelände vordrangen, um sich Augenzeugenberichte zu erschleichen; Reporter, die sich als Pfleger verkleideten, um inkongnito zu den Betten der Opfer vorzudringen. Mit allen Mitteln versuchten sie, den wenigen Zeugen den Ereignisse ihre kleinen Geheimnisse zu entlocken – mit Bestechung und Schmeicheleien, mit Geld und Erpressung (die britische Boulevardpresse, noch einen Hauch brutaler als die heimische, war in der Wahl der Mittel wahrscheinlich noch etwas skrupelloser). Sie hätten nach Fotos aus dem Familienalbum gegiert. Nach saftigen Einzelheiten aus dem Alltag der Horrorfamilie: Was aß man, was kaufte man ein, wann gingen abends die Lichter aus? Nach Details aus den Einvernahmeprotokollen. Nach Grundrissen und Fotos aus dem Kelleverlies, samt genauer Mobiliar- und Inventarliste. Sie hätten ganz genau wissen wollen, was der Vater seiner Tochter und seinen anderen Kindern angetan hat, wann, wie oft und wie genau. „Das Prokokoll eines Martyriums“ hätten sie es dann genannt. Und es wäre wohl gekauft worden, am Kiosk.

Doch es hat alles nichts genützt. Alle, alle haben dichtgehalten. Die (inzwischen geschiedene) Ex-Ehefrau. Die Verwandten von Täter und Opfern. Die alten Nachbarn. Und die neuen Nachbarn, im neuen, unbekannten Bundesland. Die Lehrer und Lehrerinnen der Kinder. Arbeitskollegen und Schulfreundinnen. Die begleitenden Sozialarbeiterinnen, die Psychologen, die Rechtsanwältinnen, die Jugendanwaltschaft, die behandelnden Ärzte, das Schulinspektorat. Sogar die Polizei. Niemand hat von den Überlebenden in ihrem neuen Leben je einen Schnappschuss erhascht (in den ganz seltenen Fällen, wo doch, wurden Publikation und Weiterverbreitung im Netz erfolgreich verhindert). Nie ist einem Geheimnisträger der Name ihres Wohnortes versehentlich rausgerutscht. Und ohne zu wissen, wie jemand ausschaut, hatten auch die berüchtigten „Leserreporter“, die heutzutage jedem auflauern, der fahrlässig genug ist, irgendwo ganz normal über die Straße zu gehen, keine Chance.

Ich weiß nicht, wie viel rechtlichen Druck oder moralische Überzeugungskraft es gebraucht hat, dass die Medien, auch die unappetitlichsten dieser Sorte, in diesem Fall ausnahmsweise stillhielten. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich sage nur: Bravo an alle Beteiligten, und Danke.

Der tapferen Mutter und ihren tapferen Kindern wünsche ich, dass die Ruhe bleibt. Dass sie sich auf Dauer sicher fühlen. Dass sie weiterhin ausschließlich von Menschen umgeben bleiben, denen sie vertrauen können. Eine Genugtuung für sie könnte sein: Dass die Demenz sogar dem Täter die Erinnerung an die eigenen Taten raubt. Sobald er alles vergessen hat, wird nicht einmal er mehr in der Lage sein, den Opfern die Herrschaft über ihre Geschichte streitig zu machen.

Sie mögen ein gutes Leben führen – wo auch immer das jetzt sein mag.

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