Wer sind die Menschen, die auf unseren Gehsteigen sitzen und betteln? Wer verdient an ihnen? Und wer hilft ihnen da raus?

eine „falter“- Reportage

Drei Monate lang saß Amelia auf dem Gehsteig vor dem Supermarkt, von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends. Wenn es kühl oder nass war, nahm sie, zum Draufsitzen, ein Stück Pappe mit. In der Hand hielt sie einen Plastikbecher. Wenn jemand eine Münze hineinwarf, steckte sie sie schnell die Innentasche ihrer Trainingsjacke, damit nichts verloren ging. Der Chef würde absammeln kommen, abends im Schlafquartier, und wenn sie zu wenige Münzen hatte, würde es Schläge geben. Manchmal steckten Passanten Amelia statt Geld eine Banane zu, oder eine Packung Kekse. Ein älterer Mann kam beinahe jeden Tag vorbei und kaufte ihr ein Eis.

Amelia liebt Eis. So wie sie auch die Ninja Turtles liebt, und andere Zeichentrickfilme für Kleinkinder. Sie ist 43 Jahre alt, hat aber das Gemüt einer Zehnjährigen. Nur mit Mühe kann sie ihren Namen schreiben. Wenn sie sich gestresst fühlt, steckt sie die Finder in den Mund und lutscht daran. Amelia tut, was man ihr anschafft. Sie widerspricht nicht. Wenn man sie lobt, lächelt sie.

Manchmal, wenn vor dem schwedischen Supermarkt ein unbegleiteter Mann an ihr vorbeiging, formte sie mit der linken Hand eine Faust mit Loch in den Mitte, fuhr mit dem Zeigefinger der rechten Hand schnell rein und raus, und sagte leise „ficki ficki“. Manche Männer nickten ihr dann zu, dann ging sie mit ihnen auf den Parkplatz hinter dem Supermarkt ins Gebüsch. Dann kriegte sie nicht nur eine Münze, sondern sogar einen Geldschein, und war froh darüber, denn dann würde der Chef am Abend netter zu ihr sein als zu den anderen.

Amelia kennt den Namen der schwedischen Kleinstadt gar nicht, auf dessen Gehsteig sie den Herbst 2017 verbrachte. Es gibt, über Westeuropas Klein und Großstädte verteilt, hunderte wie sie. Sie knien mit Pappbechern auf dem Gehsteig, hocken vor den Rolltreppen an U-Bahn-Eingängen, vor Geschäften, vor Bahnhöfen. Manche haben Kinder oder oder ein Musikinstrument dabei. Viele haben sichtbare Behinderungen, Armstummel, Beinstümpfe, die sie den Passanten entgegenstrecken. Das ist jener Teil der Geschichte, den wir alle kennen.

Der andere, zweite Teil der Geschichte sind die Roma-Dörfer im Osten Europas. Fast jede größere Stadt in Rumänien und Bulgarien, in der Ostslowakei, Ungarn und Serbien, hat ihre Roma-Siedlung, hinter einer Brücke, an der Böschung einer Autobahn oder in einem brachliegenden Industriegelände am Rand. Man erkennt diese Orte gleich: An den Hütten, die von Wellblech und manchmal nur von Plastikplanen zusammengehalten werden, an den Autowracks, an den vielen herumstreunenden Kindern, am Müll, den offenen Feuern, in manchen Gegenden stehen auch noch Pferde und Wagen da. Nicht alle Menschen hier sind materiell arm. Es gibt auch große Häuser und dicke Autos. Doch es ist eine abgeschottete Welt mit eigenen Regeln. Hier ist es normal, nur drei Jahre in die Schule zu gehen, die Töchter mit 14 zu verheiraten und zehn Kinder zu haben. Es ist normal, seinen Lebensunterhalt nicht mit Lohnarbeit, sondern „irgendwie“ zu verdienen. Und es ist normal, dass man nach außen zusammenhält.

Wie jedoch hängen diese beiden Teile der Geschichte zusammen? Fahren die Armen aus den osteuropäischen Roma-Siedlungen freiwillig nach Paris oder Schweden oder Wien? Soll man das als ganz normales Business-Modell begreifen, das sich das Wohlstandsgefälle zwischen den europäischen Ländern zunutze macht, oder als besonders perfide Menschenrechtsverletzung? Wie viel Zwang, wieviel Prügel sind im Spiel, und bei wem landet am Ende das Geld? Anders gefragt: Hilft man Amelia, indem man eine Münze in ihren Plastikbecher wirft, oder macht man damit, im Gegenteil, Amelias Ausbeutung erst möglich?

Dass Roma, die bettelnd durch Europa ziehen, oft in Gruppen organisiert sind, ist unbestritten, und das allein wäre weder strafbar noch verwerflich (siehe Kasten) . Ob dahinter manchmal noch mehr steckt – mafiöse Strukturen, Menschenhandel – ist hingegen eine wild umstrittene Frage, die ideologische Gräben aufgerissen hat. Norbert Ceipek, streitbarer Sozialarbeiter bei der Gemeinde Wien, stand viele Jahre lang im Zentrum dieser Debatte. Er nahm er sich jener vielen Roma-Kinder an, die in Wien bei Taschendiebstählen erwischt wurden. In detektivischer Kleinarbeit entdeckte er Muster, wie diese angeworben, ihren Eltern abgekauft, ausgebildet und gezielt auf Diebstour geschickt wurden. Mit den herkömmlichen Methoden der Polizei- und Sozialarbeit kam man dagegen kaum an: Die Kinder verrieten ihre Hintermänner nicht, man konnte sie weder ins Gefängnis noch in ein Heim sperren, sie liefen davon, nur um Wochen später irgendwoanders wieder geschnappt zu werden.

Ceipek machte das alles öffentlich, und wurde dafür „Rassist“ genannt. Er hielt das aus. Und stur, wie er ist, ließ er nicht locker. „Ich habe so viele schreckliche Dinge gesehen. Und gleichzeitig, wie unverschämt reich manche Menschen damit geworden sind. Ich nehme das einfach nicht hin “, sagt er. Die letzten Jahre vor seiner Pensionierung verbrachte Ceipek daher damit, grenzüberschreitende StRukturen zur Bekämpfung dieser Art von Ausbeutung aufzubauen. Er schulte Sozialarbeiter aus allen osteupäischen Ländern: Woran erkennt man Menschen, die zum Betteln gezwungen werden? Wie bringt man sie dazu, sich von ihren Capos zu lösen? „Die Opfer reden nur, wenn sie einen gewissen Leidensdruck haben“, erklärt er. „Sie brauchen Zeit, räumliche Distanz zu den Tätern, sie müssen sich sicher fühlen, und ihre eigene Sprache reden können.“

Ergebnis ist heute ein über den ganzen Kontinent gespanntes Netzwerk aus Rückkehrzentren, das Ceipeks Handschrift trägt. Botschaften, Polizeidienststellen und Jugendämter – alle müssen dabei länderübegreifend mitspielen. Knackpunkt ist, dass Opfer, sobald sie in Westeuropa aufgegriffen werden, möglichst rasch Ersatzpapiere bekommen und in ihre Heimatländer gebracht werden – allerdings weit genug entfernt von ihrem Heimatort. Dort kommen sie mehrere Monate lang in betreuten Wohngemeinschaften unter, werden psychlogisch und sozialarbeiterisch begleitet. Erwachsenen hilft man dabei, in sicherer Distanz zu ihrem Herkunftsmilieu ein eigenes Leben aufzubauen, mit Job- und Wohnungssuche. Bei Kindern versucht man nach einem halben Jahr die schrittweise Wiederannäherung an die Familie, allerdings engmaschig überwacht von Schule, Sozialarbeitern und Behörden: Wenn das Kind unentschuldigt in der Schule fehlt, wird sofort die Grenzpolizei informiert.

In Rumänien gibt es heute 48 derartige WGs; in Bulgarien 24 Krisenzentren für Kinder und drei für Erwachsene; Ungarn und die Slowakei haben ähnliche Strukturen aufgebaut. Mehrere hundert Männer, Frauen und Kinder durchlaufen jedes Jahr das Hilfsprogramm, und darauf ist Ceipek sichtlich stolz. Er selbst lebt seit seiner Pensionierung in Burgas, an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Er freut sich über die gute Zusammenarbeit mit Regierung und Stadtverwaltung. Monatelang scheit hier im Sommer die Sonne, er hat es nicht weit zum Strand. Er hat ein neues Leben begonnen, das aber eigentlich nur die zweite Seite von seinem alten Leben ist: Wie damals in Wien verhandelt er auch hier täglich mit Polizisten, Anwälten, Lokalpolitikerinnen, Sozialarbeitern. Der Unterschied zu damals ist: Jetzt weiß er, wie das Leben seiner Schützlinge weitergeht.

Die Krisen-WG von Burgas liegt im 9. Stockwerk eines Hochhauses. Ceipek zeigt hinauf zum vergitterten Balkon: „Suizidgeführdung, da muss man immer aufpassen“. Drei schmucklose Zimmer, Metallbetten, der Fernseher plärrt. Amelia sitzt fast den ganzen Tag davor. Ninja Turtles laufen heute leider nicht. Es ist der erste Mal in ihrem Leben, dass sie das Fernsehprogramm selbst wählen darf. Amelia trägt eine Grippe-Maske. Sie ist geschwächt von den starken Medikamenten, die sie nehmen muss. Am ganzen Körper hatte sie bis vor kurzem münzgroße blaue Flecken. Aus Schweden kam sie mit Syphilis zurück. „Sie haben mich krank gemacht“, sagt sie.

Amelia freute sich, als Zvetan letzten Sommer zu ihr sagte: Komm, wir fahren nach Schweden, dort heiraten wir und sammeln Recycling-Flaschen! Amelia hat keine Routine im Reisen, sie hatte ihr Heimatdorf in der Nähe von Varna bis dahin noch nie verlassen. Ohne Gepäck, ohne Ersatzwäsche stieg sie gemeinsam mit sieben anderen in den Minibus. Als sie drei Tage und Nächte später ausstiegen, war ihr kalt, und es war finster. Zvetan war plötzlich weg, dafür war da ein Chef, der ihr genau sagte, was sie tun musste. Sie folgte. Bis sie merkte, dass ihr das alles nicht guttat.

Als sie nun am Küchentisch sitzt, ab und zu die Finger abschleckt und erzählt, wie ihr schwedisches Abenteuer ein jähes Ende nahm, beschleicht einen der Verdacht, sie habe es absichtlich drauf angelegt. Amelia macht mit beiden Händen ihre Ficki-ficki-Geste. Das habe sie vor dem Supermarkt einem vorbeigehenden Polizisten gezeigt, sagt sie. In Schweden ist Prostitution verboten. So landete Amelia auf der Wache, und war den Chef für immer los. Zurück nach Bulgarien flug sie zum ersten mal in ihrem Leben mit dem Flugzeug. Sie habe sich sehr gefürchtet, dass es herunterfällt, sagt sie.

Hier in Burgas besitzt Amelia nichts außer zwei Trainingsanzügen. Von ihrem Taschengeld kaufte sie einen Plüsch-Bernhardiner sowie eine Gespensterfigur aus Plastik. Wenn man auf einen Knopf drückt, beginnt es laut zu heulen, und die Augen im Totenschädel leuchten orange. Amelia lacht. Es zieht sie nicht in ihr Heimatdorf zurück. Sie hat einen Sohn, Luciano heißt er, „wie Pavarotti“, der müsste jetzt zehn sein, aber der wurde ihr als Baby abgenommen und zur Adoption freigegeben, weil sie zu viel trank. Amelias Eltern sind tot. Der einzige Kontakt zur Familie war ein kurzes Telefonat mit ihrer Schwester. Die fragte, ob Amelia jetzt eine Rente bekäme; als sie verneinte, war es der Schwester egal, ob sie zurückkommt oder nicht. Vor allem jedoch hat Amelia Angst vor Zvetan. Niemand weiß, ob die Polizei ihre Arbeit getan und ihn verhaftet hat. Wenn nicht, „schneidet er mir die Kehle durch“, sagt Amelia, und fährt sich mit dem Zeigefinger über den Hals.

Dann kommt auch Galia von der Arbeit nach Hause, sie hat einen Job als Putzfrau. Galia ist 30 und hat lange schwarze Haare, in der WG nennt man sie „unser Star“. Ehe sie nach Burgas kam, machte sie eine ganze Tour durch die Schweiz: Luzern, Zürich, Anten, Lausanne, Chur. Fikrit aus dem Nachbardorf hatte ihr dort einen Job als Obstpflückerin versprochen. Es gebe in der Schweiz Orangen und Bananen, hatte er gesagt. Galia dachte auch an Schweizer Schokolade und Berge. In der Realität sah sie in allen Städten jedoch bloß die Bahnhofsstraßen und den Straßenstrich. Auch Galia hat Kinder – drei, sie hat alle drei abgeben müssen. Außerdem hat sie Schizophrenie, sie hört Stimmen. Hier und heute ist sie jedoch guter Dinge. 20 Kilo hat sie zugenommen, seit sie in Burgas wohnt. Sie kommandiert alle gern herum. Amelia solle Tee kochen, sagt sie forsch.

Milena Georgieva, die heute in der WG Nachtdienst hat, beobachtet die Szene mit routinierter Nachsicht. Sie muss Doppelschichten machen, weil man von einem bulgarischen Sozialarbeitergehalt kaum über die Runden kommt, doch sie macht die Arbeit gern. Mitzuerleben, wie Frauen, die das Leben bisher nur von den allerübelsten Seiten kennen, ihre ersten Schritte in ein eigenes Leben machen, einen nach dem anderen – „das ist ein großartiges Erlebnis“, sagt sie.

Zwölf Frauen haben bisher in dieseR WG gewohnt, Georgieva erinnert sich an alle. An Tania, die Erwachsene mit dem Körper einer Achtjährigen – „sie war in ihrer Entwicklung steckengeblieben, als ihre Eltern sie verkauften“, und kämpfte mit schwersten psychischen Verhaltensstörungen. Marta war, physisch gesehen, der bisher heftigste Fall. Sie wurde in Den Haag auf den Strich geschickt und von einem Mann, der sich als ihr „Besitzer“ fühlte, brutal zusammengeschlagen, als sie fliehen wollte. Sie überlebte nur mit Glück, und liegt heute nach mehreren Operationen in einem Sofioter Krankenhaus.

Das sind die extremen Geschichten. Typischer hingegen sind Geschichten wie jene von Amelia – wo Menschen nicht mit Gewalt gefügig gemacht werden, sondern mit subtilen Manipulationen, Lob, Belohnungen, Zuckerbrot. „Die Capos suchen gezielt naive, leichtgläubige, abhängige Menschen aus, die sich viel gefallen lassen “, erklären Georgieva und Ceipek, „die haben einen guten Riecher dafür“. Bei Bestrafungen gehen sie immer nur soweit, dass sich niemand beschwert oder auf die Idee kommt davonzulaufen. Denn jeder, der Probleme macht, ist ein Risiko. Dann wird er rechtzeitig von der Straße geholt, heimgeschickt und gegen jemand Neuen ausgetauscht.

Körperlich und geistig Behinderte gehören in dieser Logik zu den wertvollsten Ressourcen. In Bulgarien bekommen sie, wenn sie arbeitsunfähig sind, eine Rente von etwa 100 Euro im Monat. Das ist nicht viel, aber mehr als jeder andere bekommt. Familien können dieses Geld weiter kassieren, wenn sie einen Behinderten auf die Reise schicken, und sparen gleichzeitig die Kosten für Essen und Medizin. Selbst wenn die Behinderten von dem Geld, das sie auf den westuropäischen Gehsteigen verdienen, nur einen Bruchteil als Taschengeld behalten dürfen – es ist mehr, als sie zuhause bekommen. Die Unterbringung in den Massenquartieren ist oft immer noch besser als die Wohnumstände daheim. Und manchmal sind die Capos sogar netter als die eigene Familie es je war. „Viele empfinden die entwürdigendste Behandlung als ganz normal, weil sie gar nichts anderes kennen“, sagt Ceipek. „Wie soll ich solchen Menschen erklären, dass sie Opfer sind?“

Amelia und Galia haben inzwischen begriffen, was man ihnen angetan hat. Aber es hat Interventionen von außen gebraucht, Zeit, und Abstand. „Sie waren so lieb zu mir in der Schweiz!“, strahlt Galia über das ganze Gesicht, als sie über ihre Begegnungen mit den dortigen Polizistinnen, Sozialarbeitern und Anwältinnen erzählt. Zum ersten Mal hat ihr dort jemand zugehört. Zum ersten Mal hat sie ihre Erlebnisse in Worte fassen können. Und zum ersten Mal hat ihr dort jemand gesagt, was sie längst ahnte, aber nicht formulieren konnte: Dass das, was jahrelang mit ihr geschehen war, Unrecht war.

„Die Polizistin hatte wunderschöne Haare“, erzählt Galia. „Geh nie zurück in dein Dorf“, habe sie ihr zum Abschied gesagt. Und Galia ist fest entschlossen, diesem Rat zu folgen. Sie will nie wieder in einem ebenerdigen Haus wohnen, sagt sie. Nie wieder heiraten, keinen Mann mehr, ihre Familie nie wiedersehen. Sie will eine Wohnung in der Stadt, modern, möglichst hoch oben, am besten gleich hier im neunten Stock in der Nachbarwohnung. „Ein Zimmer für mich allein, das wäre ideal!“

Am nächsten Tag wird Milena Georgieva ein Email aus der Schweiz bekommen, mit guten Nachrichten. Ein Schweizer Gericht hat Galia eine Entschädigung von 8500 Euro zugesprochen. Sie ist jetzt, richterlich bestätigt, ein Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel. Die Chancen auf eine Stadtwohnung stehen gut.

Kasten

Betteln in Österreich – die Gesetzeslage

Wie viele osteuropäische Roma auf westeuropäischen Straßen betteln gehen, ist schwer festzustellen. „Im Moment sind etwa 600 Rumänen und 300 Bulgaren hier“, schätzt Gerald Tatzgern, Leiter der Taskforce Menschenhandel. Noch schwieriger ist die Unterscheidung zwischen freiwilligem und organisiertem Betteln sowie Menschenhandel. Dass Bettler vor Ort Ansprechpersonen haben, die sie einweisen; dass sie oft in Gruppen anreisen; dass sie ihre Standorte aufteilen – all das beweist noch nicht, dass sie ausgebeutet werden. Auch die Existenz von Massenquartieren – mehrere „Bettlerhäuser“ in Wien sind der Polizei bekannt – bedeutet nicht zwingend, dass eine Straftat vorliegt. „Da können wir nur eingreifen, wenn es bauliche oder sanitäre Misstände gibt“, so Tatzgern. Seine Einheit mache regelmäßige Kontrollen, „um herauszufinden, was dort passiert.“ Aber solange kein Bettler sich als Opfer zu erkennen gibt, kann man nicht viel tun.

Betteln auf der Straße ist in Österreich grundsätzlich erlaubt, solange es nicht „aggressiv“ und „gewerbsmäßig“ ist und den Verkehr nicht behindert. In vielen Städten (Linz, Innsbruck, Bregenz, Wels, Gmunden) wurden in den vergangenen Jahren sektorale Bettelverbote verhängt, speziell in Innenstädten und Touristenzonen. Absolute Bettelverbote wie in Salzburg oder der Steiermark wurden vom Verfassungsgerichtshof jedoch aufgehoben.

Bettelverbote, meint Ceipek, seien insofern beschränkt wirksam, als dass „die Gruppen halt dann woandershin fahren, wo es keine Verbote gibt“. Seiner Beobachtung gibt es zwischen den verschiedenen legalen/halblegalen/illegalen Tätigkeiten Überschneidungen: Ein- und dieselbe Person kann hier betteln, dort Sex für Geld anbieten, und ein andermal Taschendiebstähle verüben. Auch reagieren die Strukturen flexibel auf lokale gesellschaftliche Veränderungen. Wurden voR zehn Jahren viele Minderjährige auf die Straßen geschickt (was inzwischen durch strikte Strafen erschwert wurde), sind es heute vor allem Menschen mit sichtbaren Körperbehinderungen. Ein neuer Trend, meint Ceipek, seien Menschen, die mit Tieren Geld für Futter erbetteln. „Es ist nicht so, dass eine Kommandozentrale sich das alles ausdenkt“, erklärt er die Mechanismen. „Aber es spricht sich halt sehr schnell herum, was wo funktioniert und was nicht.“

 

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